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Schweigen trat ein. Cadsuane sah die anderen Frauen im Korridor an, die alle bei dem Lärm aufgesprungen waren, obwohl sie die Stimmen nicht hören konnten. Sie bedeutete ihnen, sich wieder hinzusetzen.

»Geht und holt etwas anderes«, sagte Sarene im Zimmer zu der Dienerin. »Und schickt jemanden, der das sauber macht.« Die Tür öffnete und schloss sich schnell, als die Dienerin davonhuschte.

Sarene sprach weiter. »Die nächste Frage wird entscheiden, ob Ihr diese Mahlzeit esst oder nicht.« Trotz der energischen Stimme konnte Cadsuane eine gewisse Hast in Sarenes Tonfall hören. Das plötzlich zu Boden fallende Tablett hatte sie überrascht. Sie waren alle so nervös in der Nähe der Verlorenen. Sie waren nicht ehrerbietig, aber sie behandelten Semirhage mit einem gewissen Respekt. Wie konnten sie auch nicht? Sie war eine Legende. Man trat nicht vor eine derartige Kreatur - eines der bösartigsten Wesen, das je gelebt hatte -, ohne nicht zumindest eine gewisse Ehrfurcht zu verspüren.

Eine gewisse Ehrfurcht ...

»Das ist unser Fehler«, flüsterte Cadsuane. Sie blinzelte, dann drehte sie sich um und öffnete die Tür.

Semirhage stand in der Mitte des kleinen Raumes. Man hatte ihr wieder die Fesseln aus Luft angelegt, die Gewebe waren vermutlich in dem Moment gewebt worden, in dem sie das Tablett hingeworfen hatte. Der Messingteller lag auf dem Boden, die Bohnensoße drang in die alten Holzbohlen. Das Zimmer hatte kein Fenster; früher war es ein Vorratsraum gewesen, den man in eine Zelle für die Verlorene verwandelt hatte. Sarene - das dunkle Haar zu perlengeschmückten Zöpfen geflochten, das wunderschöne Gesicht überrascht durch die Störung - saß vor Semirhage auf einem Stuhl. Ihr breitschultriger Behüter Vitalien stand blass in der Ecke.

Semirhages Kopf war nicht gefesselt, und ihr Blick glitt über Cadsuane.

Cadsuane hatte sich festgelegt; jetzt musste sie der Frau gegenübertreten. Glücklicherweise brauchte das, was sie vorhatte, nicht viel Raffinesse. Alles fiel zurück auf eine Frage. Vorausgesetzt, Cadsuane hätte sich selbst gegenübergestanden, wie hätte sie ihren Widerstand gebrochen? Die Lösung war einfach, jetzt, da sie ihr eingefallen war.

»Ah«, sagte sie sachlich. »Ich sehe, das Kind will sein Essen nicht. Sarene, löst Eure Gewebe.«

Semirhage hob die Brauen und wollte etwas Höhnisches bemerken, aber als Sarene ihre Luft-Gewebe auflöste, packte Cadsuane sie bei den Haaren und trat ihr mit einer lässigen Bewegung die Beine unter dem Körper weg.

Vielleicht hätte sie auch die Macht benutzen können, aber es fühlte sich richtig an, es mit den Händen zu machen. Sie bereitete ein paar Gewebe vor, auch wenn sie sie vermutlich nicht brauchte. Semirhage war zwar groß, aber von schlankem Wuchs, und sie war schon immer eher kräftig als dünn. Außerdem schien die Verlorene völlig verblüfft darüber, wie man sie behandelte.

Cadsuane stemmte ein Knie in den Rücken der Frau, dann stieß sie ihr Gesicht in das weggeworfene Essen. »Iss«, sagte sie. »Ich halte nichts von vergeudetem Essen, Kind, vor allem nicht in solchen Zeiten.«

Semirhage sprudelte ein paar Worte hervor, von denen Cadsuane annahm, dass es sich um Flüche handelte, auch wenn sie sie nicht verstehen konnte. Die Bedeutung war vermutlich im Dunkel der Zeit verschollen gegangen. Bald verstummten die Flüche, und Semirhage schwieg. Sie wehrte sich nicht. Das hätte Cadsuane an ihrer Stelle auch nicht getan; damit hätte sie nur das Bild beschädigt, das andere von ihr hatten. Semirhages Macht als Gefangene rührte von der Furcht und dem Respekt her, den die Aes Sedai ihr entgegenbrachten. Das musste man ändern.

»Euren Stuhl, bitte«, sagte sie zu Sarene.

Die schockiert aussehende Weiße stand auf. Sie hatten alle versucht, so weit zu gehen, wie es unter al'Thors Vorgaben möglich war, aber jeder dieser Versuche hatte Achtung verraten. Sie behandelten Semirhage als gefährliche Macht und würdigen Gegner. Damit stärkten sie aber nur ihr Ego.

»Wirst du essen?«, fragte Cadsuane.

»Ich werde dich umbringen«, sagte Semirhage ganz ruhig. »Als Erste, vor allen anderen. Sie werden sich deine Schreie anhören müssen.«

»Ich verstehe«, erwiderte Cadsuane. »Sarene, bittet die drei Schwestern draußen herein.« Nachdenklich hielt sie inne. »Mir sind da eben ein paar Dienerinnen aufgefallen, die Zimmer putzen. Bringt sie mir auch.«

Sarene nickte und eilte aus dem Raum. Cadsuane setzte sich auf den Stuhl, dann webte sie Ströme aus Luft und hob damit Semirhage auf. Elza und Erian spähten ins Zimmer; sie sahen sehr neugierig aus. Dann traten sie ein. Sarene folgte ihnen. Ein paar Augenblicke später kam Daigian mit fünf Dienern: drei Domani mit Schürzen, einem dürren Mann, dessen Finger ganz braun vom Anstreichen der Holzwände waren, und einem jungen Pagen. Ausgezeichnet.

Als sie eintraten, legte sich Cadsuane die Verlorene mit ihren Strömen aus Luft übers Knie. Und dann fing sie an, ihr mit der Hand den Hintern zu versohlen.

Zuerst hielt Semirhage durch. Dann fing sie an zu fluchen. Dann fing sie an, Drohungen auszustoßen. Cadsuane machte weiter, langsam, aber sicher tat ihr die Hand weh. Semirhages Drohungen verwandelten sich in Wut- und Schmerzgeheul. Währenddessen kam die Dienerin mit dem Essen zurück, was Semirhages Schande noch verstärkte. Die Aes Sedai sahen fassungslos zu.

»Nun«, sagte Cadsuane ein paar Augenblicke später und unterbrach Semirhages schmerzliches Gejammer. »Willst du essen?«

»Ich finde jeden, den du je geliebt hast«, stieß die Verlorene mit Tränen in den Augen hervor. »Ich werde sie sich einander gegenseitig füttern lassen, während du zusiehst. Ich ...«

Cadsuane schnalzte nur mit der Zunge und machte weiter. Die kleine Menschenmenge in dem Zimmer sah in erstauntem Schweigen zu. Semirhage fing an zu weinen - nicht vor Schmerzen, sondern wegen der Demütigung. Das war der Schlüssel. Man konnte Semirhage nicht durch Schmerzen oder Versprechungen besiegen - aber ihren Ruf zu zerstören, das würde in ihrer Vorstellung viel schlimmer sein als jede andere Strafe. Cadsuane hätte genauso empfunden.

Nach ein paar weiteren Minuten senkte sie die Hand und löste die Gewebe, die Semirhage reglos hielten. »Willst du essen?«

»Ich ...«

Sie hob die Hand, und Semirhage sprang ihr förmlich vom Schoß und warf sich zu Boden, aß die Bohnen.

»Sie ist ein Mensch«, sagte Cadsuane und sah die anderen an. »Nur ein Mensch, so wie jeder von uns. Sie hat Geheimnisse, aber jeder Junge kann ein Geheimnis haben, das er nicht verraten will. Vergesst das nicht.«

Sie stand auf und ging zur Tür. Neben Sarene, die fasziniert zusah, wie die Verlorene die Bohnen vom Boden aß, blieb sie kurz stehen. »Vielleicht solltet Ihr eine Haarbürste mit Euch tragen«, fügte sie hinzu. »Das kann ganz schön anstrengend für die Hände sein.«

Sarene lächelte. »Ja, Cadsuane Sedai.«

Und was, dachte Cadsuane und verließ das Zimmer, machen wir jetzt mit al'Thor?

»Mein Lord«, sagte Grady und rieb sich das verwitterte Gesicht. »Ich glaube, Ihr versteht das nicht richtig.«

»Dann erklärt es mir«, sagte Perrin. Er stand auf einem Hügel und betrachtete die gewaltige Ansammlung an Flüchtlingen und Soldaten. Nicht zueinander passende Zelte verschiedenster Machart - braune Aielzelte mit einer Spitze, große bunte aus Cairhien, ganz normale mit zwei Spitzen - wuchsen in die Höhe, als sich die Leute auf die Nacht vorbereiteten.

Wie gehofft hatten die Shaido Aiel nicht die Verfolgung aufgenommen. Sie hatten Perrins Armee sich zurückziehen lassen, allerdings berichteten seine Späher, dass sie nun auf die Stadt zurückten, um sie zu untersuchen. Das bedeutete, dass er etwas Zeit gewonnen hatte. Zeit, um sich auszuruhen, Zeit, um wegzuhumpeln, Zeit, um den größten Teil der Flüchtlinge mit Wegetoren fortzuschaffen, wie er hoffte.

Beim Licht, das war wirklich eine große Gruppe. Tausende und Abertausende von Menschen, ein Albtraum an Koordination und Versorgung. Die letzten paar Tage waren von einem endlosen Strom an Beschwerden, Einwänden, Urteilen und Papieren erfüllt gewesen. Wo fand Balwer nur dieses ganze Papier? Es schien viele der Leute, die zu Perrin kamen, zufriedenzustellen. Dekrete und die Beilegung von Disputen schienen für sie unendlich offizieller zu sein, wenn sie auf einem Stück Papier standen. Balwer meinte, Perrin würde ein eigenes Siegel brauchen.