»Der Schatzmeister war sehr aufgebracht«, berichtete Ashmanaille in ihrem sachlichen Tonfall. »›Ich habe diesen Monat bereits gezahlt‹, sagte er zu mir. ›Das Geld habe ich dieser Frau gegeben, die erst gestern kam. Die Frau hatte einen Brief von der Amyrlin, der das rechtmäßige Siegel trug und mich anwies, das Geld nur einer Angehörigen der Roten Ajah auszuhändigen‹.«
»Das besagt nicht mit Sicherheit, dass Elaida Reisen kann«, meinte Romanda im Inneren des Zeltes. »Die Rote Schwester könnte auch auf andere Weise nach Kandor gekommen sein.«
Ashmanaille schüttelte den Kopf. »Sie haben das Wegetor gesehen. Der Schatzmeister entdeckte einen Rechenfehler und schickte Elaidas Delegation einen Schreiber hinterher, um ihnen ein paar zusätzliche Münzen zu geben. Der Mann beschrieb perfekt, was er dort sah. Die Pferde ritten durch ein schwarzes Loch in der Luft. Es hat ihn so sehr verwirrt, dass er die Wache rief - aber da waren Elaidas Leute schon fort. Ich habe ihn selbst befragt.«
»Ich halte nichts davon, sich auf das Wort eines einzigen Mannes zu verlassen«, meinte Moria, die ziemlich weit vorn saß.
»Der Schatzmeister hat die Frau genau beschrieben, der er das Geld gab. Ich bin sicher, dass es Nesita war. Vielleicht könnten wir herausfinden, ob sie in der Burg ist? Dann hätten wir einen weiteren Beweis.«
Die anderen erhoben weitere Bedenken, aber Siuan hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Vielleicht war das eine sehr kluge List, um sie abzulenken, aber dieses Risiko konnten sie nicht eingehen. Beim Licht! War sie denn die Einzige, die einen Kopf auf den Schultern sitzen hatte?
Sie schnappte sich die nächste Novizin, ein maushaftes Mädchen, das vermutlich älter war, als es aussah - das musste sie auch sein, denn sie sah nicht älter als neun aus. »Ich brauche einen Kurier«, sagte sie. »Holt einen der Kuriere, die Lord Bryne im Lager stationiert hat, um ihm etwas mitzuteilen. Schnell.«
Das Mädchen quiekte leise und rannte los.
»Worum ging es?«, fragte Sheriam.
»Darum, unser Leben zu retten«, erwiderte Siuan und starrte die dicht zusammengedrängt stehenden Novizinnen finster an. »Also gut!«, knurrte sie. »Genug geglotzt! Sollte euer Unterricht wegen dieses Fiaskos ausgefallen sein, dann sucht euch etwas zu tun. Jede Novizin, die noch in zehn Sekunden auf diesem Weg steht, wird Buße tun, bis sie nicht mehr geradeaus gucken kann!«
Das löste einen weißen Massenexodus aus, als die Familien aus Frauen loseilten. Augenblicke später standen dort nur noch die kleine Gruppe Aufgenommene sowie Sheriam und Siuan. Die Aufgenommenen zuckten zusammen, als Siuan sie ansah, aber sie sagte nichts. Aufgenommene genossen unter anderem das Privileg größerer Freiheiten. Davon abgesehen war Siuan zufrieden, wenn sie sich bewegen konnte, ohne ständig mit jemanden zusammenzustoßen.
»Warum wurde die Zusammenkunft nicht Versiegelt?«
»Das weiß ich nicht«, gab Sheriam zu und warf einen Blick in das große Zelt. »Das sind beängstigende Neuigkeiten, wenn es denn stimmt.«
»Das musste irgendwann geschehen«, meinte Siuan, auch wenn sie innerlich nicht annähernd so ruhig war, wie ihre Worte hätten vermuten lassen. »Die Nachricht über das Reisen musste sich verbreiten.«
Was ist geschehen?, dachte sie. Sie haben Egwene doch nicht gebrochen, oder? Helfe das Licht, dass weder sie noch Leane gezwungen waren, dieses Geheimnis zu verraten. Beonin. Sie muss es gewesen sein. Soll sie zu Asche verbrennen!
Sie schüttelte den Kopf. »Möge das Licht dafür sorgen, dass wir das Reisen vor den Seanchanern geheim halten können. Wenn sie die Weiße Burg angreifen, dann werden wir zumindest diesen Vorteil brauchen.«
Sheriam musterte sie skeptisch. Die meisten Schwestern glaubten nicht an Egwenes Traum von dem Angriff. Närrinnen - sie wollten den Fisch fangen, aber ihn ausnehmen wollten sie nicht. Man erhob eine Frau nicht zur Amyrlin, um dann ihre Warnungen zu ignorieren.
Siuan wartete ungeduldig und tippte mit dem Fuß auf, lauschte der Unterhaltung im Zelt. Gerade als sie anfing, sich zu fragen, ob sie noch eine Novizin schicken sollte, ritt einer von Brynes Kurieren auf das Zelt zu. Die schlecht gelaunte Bestie, auf der er saß, war mitternachtsschwarz mit weißen Flecken direkt über den Hufen, und sie schnaubte Siuan an, als der Reiter anhielt. Er trug eine ordentliche Uniform und hatte kurz geschnittenes braunes Haar. Musste er diese Kreatur unbedingt mitbringen?
»Aes Sedai?«, fragte der Mann und verneigte sich auf dem Pferderücken vor ihr. »Ihr habt eine Botschaft für Lord Bryne?«
»Ja«, sagte Siuan. »Und sorgt dafür, dass sie so schnell wie möglich überbracht wird. Habt Ihr verstanden? Unser aller Leben hängt davon ab.«
Der Soldat nickte knapp.
»Sagt Lord Bryne ...«, fing Siuan an. »Sagt ihm, er soll auf seine Flanken achten. Unser Feind hat die Methode gelernt, die wir benutzt haben, um herzukommen.«
»Das wird erledigt.«
»Wiederholt sie mir«, verlangte Siuan.
»Natürlich, Aes Sedai.« Der schlanke Mann verneigte sich erneut. »Nur damit Ihr es wisst, ich bin schon über ein Jahrzehnt Kurier beim Kommando des Generals. Mein Gedächtnis ...«
»Halt«, unterbrach ihn Siuan. »Mir ist egal, wie lange Ihr das schon macht. Mir ist egal, wie gut Euer Gedächtnis ist. Mir ist egal, ob Ihr durch eine Laune des Schicksals dieselbe Botschaft schon tausendmal zuvor überbracht habt. Ihr werdet sie mir jetzt wiederholen.«
»Äh, ja, Aes Sedai. Ich soll dem Lord General sagen, dass er auf seine Flanken achten soll. Unser Feind hat die Methode gelernt, die wir benutzt haben, um herzukommen.«
»Gut. Geht.«
Der Mann nickte.
»Jetzt!«
Er ließ das schreckliche Pferd auf die Hinterbeine steigen und galoppierte mit wehendem Umhang aus dem Lager.
»Was sollte das denn?«, fragte Sheriam und wandte den Blick von den Aktivitäten im Saal.
»Ich habe dafür gesorgt, dass wir nicht von Elaidas Armee umzingelt aufwachen«, sagte Siuan. »Ich wette, ich bin die Einzige, die daran gedacht hat, unseren General davor zu warnen, dass der Feind womöglich gerade unseren größten taktischen Vorteil zunichtegemacht hat. So viel also zur Belagerung.«
Sheriam runzelte die Stirn, als hätte sie daran noch gar nicht gedacht. Da würde sie nicht die Einzige sein. Oh, irgendwann würde jemand an Bryne denken und sich vornehmen, den General zu informieren. Aber für viele bestand die Katastrophe nicht in der Tatsache, dass Elaida sie jetzt mit ihren Armeen von der Flanke aus angreifen konnte oder dass Brynes Belagerung nun sinnlos geworden war. Für sie würde die Katastrophe viel persönlicher sein: das Wissen, das sie sich so bemüht hatten, geheim zu halten, war in andere Hände gefallen. Das Reisen gehörte ihnen, und jetzt hatte Elaida es! Das war typisch Aes Sedai. Die Entrüstung kam an erster Stelle, dann erst die Bedeutung.
Aber vielleicht war es auch nur Verbitterung, die sie da verspürte. Dann dachte jemand im Zelt daran, die Zusammenkunft zu Versiegeln, also zog sich Siuan zurück, verließ den Bretterweg und trat auf den festgestampften Boden. Überall huschten Novizinnen umher, die Köpfe gesenkt, um ihren Blick zu meiden, obwohl sie schnell einen Knicks machten. Heute war ich wirklich nicht gut darin, schwach zu erscheinen, dachte Siuan und verzog das Gesicht.
Die Weiße Burg zerfiel. Die Ajahs schwächten einander mit kleinlichen Machtkämpfen. Selbst hier, in Egwenes Lager, verbrachte man mehr Zeit mit Politik als mit der Vorbereitung auf den kommenden Sturm.
Und Siuan war teilweise für diese Fehler verantwortlich.
Natürlich trugen Elaida und ihre Ajah den Löwenfischanteil an Schuld. Aber hätte sich die Burg überhaupt entzweit, wenn Siuan die Zusammenarbeit zwischen den Ajahs gefördert hätte? Elaida hatte nicht so viel Zeit für ihr Werk gehabt. Jeder Abgrund in der Burg konnte vermutlich zu winzigen Rissen während Siuans Herrschaft als Amyrlin zurückverfolgt werden. Hätte sie diesen Frauen mehr Stärke in die Knochen hämmern können, wenn sie sich mehr für die Rolle als Vermittlerin interessiert hätte? Hätte sie sie davon abhalten können, sich aufeinanderzustürzen wie Rasierklingenfische im Blutrausch?