»Das weiß ich«, sagte Tuon und faltete die Hände, die Ellbogen auf die Stuhllehnen gelehnt, die lackierten Nägel gekrümmt. »Und das ist der andere Grund, aus dem Ihr noch lebt. Ihr rebelliert nicht aus Verlangen nach höheren Positionen, sondern aus reinem Unwissen. Ihr seid fehlgeleitet, und das bedeutet, dass Ihr Euch ändern könnt, solltet Ihr das nötige Wissen erhalten.«
Er starrte sie verwirrt an. Senk den Blick, du Narr. Bring mich nicht dazu, dich wegen Anmaßung auspeitschen lassen zu müssen! Und als hätte er ihre Gedanken vernommen, schaute er zur Seite, dann zu Boden. Ja, ihr Urteil war richtig, was diesen hier anging.
Wie prekär ihre Position doch war! Es stimmte, sie verfügte über große Heere - aber Suroths aggressive Vorgehensweise hatte viele von ihnen verschwendet.
Am Ende würden sich alle Königreiche auf dieser Seite des Ozeans vor dem Kristallthron verbeugen müssen. Jede Marath'damane würde an die Leine gelegt werden, jeder König und jede Königin würde die nötigen Eide leisten. Aber Suroth hatte zu großen Druck ausgeübt, vor allem bei dem Fiasko mit Turan. Einhunderttausend Männer, verloren in einer Schlacht. Das war Wahnsinn.
Tuon brauchte Altara. Sie brauchte Ebou Dar. Beslan war bei seinem Volk sehr beliebt. Nach dem mysteriösen Tod seiner Mutter seinen Kopf auf eine Lanze zu spießen ... Nun, sie würde in Ebou Dar für Stabilität sorgen, aber es wäre ihr lieber gewesen, dafür keine Männer von der Front abziehen zu müssen.
»Der Tod Eurer Mutter ist ein Verlust«, sagte sie. »Sie war eine gute Frau. Eine gute Königin.«
Beslans Mund spannte sich an.
»Ihr dürft sprechen.«
»Ihr Tod ... ist unerklärt«, sagte er. Die Andeutung war offensichtlich.
»Ich weiß nicht, ob Suroth ihren Tod verursacht hat«, sagte Tuon und mäßigte ihre Stimme. »Sie behauptet, es nicht getan zu haben. Aber die Angelegenheit wird untersucht. Sollte sich herausstellen, dass Suroth hinter ihrem Tod steckt, werdet Ihr und Altara eine Entschuldigung vom Thron selbst erhalten.«
Wieder keuchte das Blut auf. Tuons Blick ließ sie verstummen, dann wandte sie sich wieder Beslan zu. »Der Verlust Eurer Mutter ist ein großer Verlust. Ihr müsst wissen, dass sie loyal zu ihren Eiden stand.«
»Ja«, sagte er bitter. »Und sie gab den Thron auf.«
»Nein«, erwiderte Tuon barsch. »Der Thron gehört Euch. Das ist das Nichtwissen, von dem ich sprach. Ihr müsst Euer Volk führen. Es muss einen König haben. Ich habe weder die Zeit noch das Verlangen, Euch diese Pflicht abzunehmen.
Ihr geht von der Annahme aus, dass die seanchanische Dominanz über Eure Heimat bedeutet, dass Euer Volk nicht frei sein kann. Das stimmt nicht. Es wird freier, beschützter und mächtiger sein, wenn es unsere Herrschaft akzeptiert.
Ich sitze über Euch. Aber ist das so wenig wünschenswert? Durch die Macht des Kaiserreiches könnt Ihr Eure Grenzen sichern und das Land außerhalb von Ebou Dar patrouillieren. Ihr sprecht von Eurem Volk? Nun, ich habe befohlen, dass man etwas für Euch vorbereitet.« Sie gab ein Zeichen, und eine Da'covale mit schlanken Gliedern trat mit einer Ledertasche vor.
»Dort drinnen findet Ihr Zahlen, die meine Späher und Wächter gesammelt haben«, sagte Tuon. »Ihr könnt die Berichte über Verbrechen lesen, die während unserer Besetzung geschahen. Das sind Berichte und Listen, die vergleichen, wie es den Leuten vor und nach der Wiederkehr ergangen ist.
Ich glaube, Ihr wisst, was Ihr finden werdet. Das Kaiserreich ist eine Fundgrube für Euch, Beslan. Ein mächtiger, einflussreicher Verbündeter. Ich werde Euch nicht beleidigen, indem ich Euch Throne anbiete, die Ihr nicht wollt. Ich locke Euch damit, dass ich Euch Stabilität, Nahrung und Schutz für Euer Volk anbiete. Und das kostet Euch nur Eure Loyalität, mehr nicht.«
Zögernd nahm er die Tasche entgegen.
»Ich biete Euch eine Wahl, Beslan. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr die Hinrichtung wählen. Ich werde Euch nicht da'covale machen. Ich lasse Euch ehrenvoll sterben, und man wird öffentlich verkünden, dass Ihr gestorben seid, weil Ihr die Treueide abgelehnt habt und die Seanchaner nicht akzeptieren wollt. Wünscht Ihr das, erlaube ich es. Euer Volk wird wissen, dass Ihr im Trotz gestorben seid.
Oder Ihr entscheidet Euch, ihm besser zu dienen. Ihr dürft das Leben wählen. Solltet Ihr das tun, wird man Euch ins Hohe Blut erheben. Ihr tretet vor und herrscht, genau wie es Euer Volk nötig hat. Ich verspreche Euch, dass ich die Angelegenheiten Eures Volkes nicht lenke. Ich verlange Ressourcen und Männer für meine Armee, wie sich das gehört, und Euer Wort kann das meine nicht rückgängig machen. Davon abgesehen habt Ihr in Altara die uneingeschränkte Macht. Niemand vom Blut hat das Recht, Euren Leuten ohne Eure Erlaubnis zu befehlen, ihnen zu schaden oder sie in den Kerker zu werfen.
Ich werde eine Liste von Adelsfamilien akzeptieren und prüfen, die Eurer Meinung nach zum Niederen Blut erhoben werden sollten, und ich werde nicht weniger als zwanzig davon erheben. Altara wird auf dieser Seite des Ozeans der permanente Sitz der Kaiserin sein. Damit wird es hier das mächtigste Königreich sein. Ihr habt die Wahl.«
Sie entfaltete die Finger. »Aber eines müsst Ihr wissen. Solltet Ihr Euch entscheiden, Euch uns anzuschließen, dann werdet Ihr mir Euer Herz geben und nicht nur Euer Wort. Ich erlaube nicht, dass Ihr Eure Eide ignoriert. Diese Gelegenheit biete ich Euch, weil ich glaube, dass Ihr ein starker Verbündeter sein könntet, und weil ich glaube, dass Ihr fehlgeleitet wurdet, vielleicht durch Suroths finstere Intrigen.
Ihr habt einen Tag, um Euch zu entscheiden. Denkt gut darüber nach. Eure Mutter hielt das für den besten Weg, und sie war eine kluge Frau. Das Kaiserreich bedeutet Stabilität. Eine Rebellion bedeutet nur unendliches Leid, Hunger und am Ende in Vergessenheit zu geraten. Das ist nicht das Zeitalter, um allein zu sein, Beslan.«
Sie lehnte sich zurück, während Beslan die Tasche in seinen Händen betrachtete. Er verneigte sich, um darum zu bitten, gehen zu können, auch wenn es nur eine unbeholfene Bewegung war, als wäre er abgelenkt.
»Ihr dürft gehen«, informierte sie ihn.
Er machte aber keine Anstalten zu gehen. Angespannte Stille herrschte, während er die Tasche anstarrte. Sie konnte ihm seinen inneren Kampf vom Gesicht ablesen. Ein Da'covale kam näher, um ihn zum Gehen zu drängen, da er entlassen worden war, aber Tuon hob die Hand und gebot dem Diener Einhalt.
Sie beugte sich wieder vor, mehrere Angehörige des Blutes schabten ungeduldig mit den Füßen. Beslan starrte bloß die Tasche an. Schließlich schaute er auf, einen entschlossenen Ausdruck in den Augen. Dann kniete er überraschenderweise erneut nieder.
»Ich, Beslan von Haus Mitsobar, schwöre der Tochter der Neun Monde und durch sie dem seanchanischen Kaiserreich meine Treue und meinen Dienst, jetzt und für alle Zeit, es sei denn, sie entlässt mich daraus aus eigenem, freien Willen. Meine Ländereien und mein Thron gehören ihr, ich trete sie an ihre Hand ab. Das schwöre ich beim Licht!«
Tuon gestattete sich ein Lächeln. Generalhauptmann Galgan trat hinter Beslan hervor und sprach den König an. »Das ist nicht die richtige Weise, wie man ...«
Tuon brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen. »Wir verlangen, dass sein Volk sich unseren Bräuchen anpasst, General«, sagte sie. »Da ist es durchaus angebracht, wenn wir einige der ihren akzeptieren.« Natürlich nicht zu viele. Diese Erkenntnis verdankte sie ihren langen Unterhaltungen mit Frau Anan. Möglicherweise war es ein Fehler gewesen, diese Menschen dazu zu bringen, seanchanische Gehorsamseide zu schwören. Matrim hatte diese Eide geleistet, sie dann aber bequemerweise ignoriert, als der Augenblick gekommen war - und doch hatte er das Wort gehalten, das er ihr persönlich gegeben hatte, und seine Männer hatten ihr versichert, dass er ein Mann von Ehre war.