Wie seltsam, dass sie bereit waren, einen Eid über den anderen zu stellen. Diese Menschen waren merkwürdig. Aber sie würde lernen müssen, sie zu verstehen, wenn sie sie beherrschen wollte - und sie würde sie beherrschen müssen, um Kräfte für ihre Rückkehr nach Seanchan zu sammeln.
»Euer Eid erfreut mich, König Beslan. Ich erhebe Euch ins Hohe Blut und verleihe Euch und Eurem Haus die Vorherrschaft über das Königreich Altara, jetzt und für alle Zeiten, Euer Wille für seine Verwaltung und Regierung unterliegt nur dem Kaiserthron selbst. Erhebt Euch.«
Er stand auf, und seine Knie schienen zu zittern. »Seid Ihr sicher, dass ihr keine Ta'veren seid, meine Lady?«, fragte er. »Denn ich habe mit Sicherheit nicht erwartet, das zu tun, als ich eintrat.«
Ta'veren. Diese Leute und ihr alberner Aberglauben! »Ich bin zufrieden mit Euch«, sagte sie zu ihm. »Eure Mutter habe ich nur kurz gekannt, aber ich fand sie ausgesprochen fähig. Ich hätte keine Freude daran gehabt, gezwungen zu sein, ihren einzigen Sohn hinzurichten.«
Er nickte anerkennend. An der Seite signalisierte Selucia verstohlen: Das war gut geregelt. Vielleicht etwas unkonventionell, aber geschickt gemacht.
Tuon verspürte ein warmes Gefühl von Stolz. Sie wandte sich dem weißhaarigen General Galgan zu. »General. Ich weiß, dass Ihr darauf gewartet habt, mit mir sprechen zu können, und Eure Geduld ist lobenswert. Ihr dürft jetzt sagen, was Euch beschäftigt. König Beslan, Ihr dürft Euch zurückziehen oder bleiben. Es ist Euer Recht, an jeder öffentlichen Audienz teilzunehmen, die ich in Eurem Königreich abhalte, und Ihr braucht dazu weder eine Erlaubnis noch eine Einladung.«
Beslan nickte, verneigte sich, begab sich dann aber an die Seite des Raumes, um zuzusehen.
»Vielen Dank, Höchste Tochter«, sagte Galgan ehrfurchtsvoll und trat vor. Er gab seinen So'jhin ein Zeichen, die draußen im Korridor warteten. Sie traten ein - warfen sich zuerst vor Tuon zu Boden -, dann stellten sie schnell einen Tisch auf und rollten Karten aus. Ein Diener brachte Galgan ein Bündel, das dieser dann entgegennahm, um damit auf Tuon zuzugehen. Karede stand im nächsten Augenblick an ihrer rechten Schulter, Selucia an ihrer linken, aber Galgan hielt eine respektvolle Distanz ein. Er verneigte sich und rollte den Gegenstand auf dem Boden aus. Es war ein rotes Banner mit einem Kreis in der Mitte, der von einer Schlangenlinie geteilt wurde. Die eine Hälfte des Kreises war schwarz, die andere weiß.
»Was ist das?«, fragte Tuon und beugte sich vor.
»Das Banner des Wiedergeborenen Drachen«, sagte Galgan. »Er schickte es mit einem Boten, mit der erneuten Bitte um ein Treffen.« Er schaute auf - erwiderte dabei aber nicht ihren Blick, zeigte jedoch eine nachdenkliche, besorgte Miene.
»Als ich heute Morgen aufstand«, sagte Tuon, »da sah ich am Himmel ein Muster, das drei Türmen ähnelte, und einen Falken hoch in der Luft, der zwischen ihnen durchflog.«
Die verschiedenen Angehörigen des Blutes im Raum nickten anerkennend. Allein Beslan erschien verwirrt. Wie schafften es diese Leute nur zu leben, wenn sie keine Omen erkannten? Verspürten sie denn nicht den Wunsch, die Schicksalsvisionen zu verstehen, die ihnen das Muster schenkte? Der Falke und die drei Türme waren ein Omen, das schwierige Entscheidungen anstanden. Ein Hinweis, dass Kühnheit gefragt war.
»Was haltet Ihr von der Bitte des Wiedergeborenen Drachen, ein Treffen durchzuführen?«, fragte sie den General.
»Möglicherweise wäre es unklug, diesem Mann gegenüberzutreten, Höchste Tochter. Ich bin mir nicht sicher, ob sein Anspruch auf diesen Titel gerechtfertigt ist. Davon abgesehen, hat das Kaiserreich im Augenblick nicht genug andere Sorgen?«
»Ihr fragt Euch, warum unsere Streitkräfte nicht den Rückzug angetreten haben«, sagte Tuon. »Warum wir nicht nach Seanchan aufgebrochen sind, um den Thron zu sichern.«
Er neigte den Kopf. »Ich vertraue Eurer Weisheit, Höchste Tochter.«
»Das ist der Wiedergeborene Drache. Und kein Hochstapler. Davon bin ich überzeugt. Er muss sich vor dem Kristallthron verbeugen, bevor die Letzte Schlacht ihren Anfang nehmen kann. Darum müssen wir bleiben. Es ist kein Zufall, dass die Wiederkehr jetzt geschieht. Wir werden hier gebraucht. Leider mehr, als wir in unserer Heimat gebraucht werden.«
Galgan nickte langsam. Er war mit ihr einer Meinung, dass der Rückzug nach Seanchan nicht infrage kam; er war einfach davon ausgegangen, dass das ihr Wunsch war. Indem sie verkündete, dass sie blieben, hatte sie sich seinen Respekt verdient. Natürlich würde er weiter darüber nachdenken, den Thron für sich selbst zu erobern. Ein Mann konnte nicht seine Position erreichen, ohne eine gehörige Portion Ehrgeiz zu haben.
Aber er war nicht nur als ambitionierter Mann bekannt, sondern auch als ein besonnener. Er würde nicht zuschlagen, solange er nicht davon überzeugt war, dass es nötig war. Er würde der festen Überzeugung sein müssen, dass er große Aussicht auf Erfolg hatte und dass das Kaiserreich durch Tuons Entfernung profitierte. Das war der Unterschied zwischen einem ehrgeizigen Narren und einem ehrgeizigen weisen Mann. Der Letztere verstand, dass jemanden zu töten erst der Anfang war. Tuon ihr Leben zu nehmen und den Thron für sich selbst zu beanspruchen würde ihm nichts bringen, wenn er den Rest des Blutes damit vor den Kopf stieß.
Er begab sich zu dem Tisch mit seinen Karten. »Wenn Ihr den Krieg fortzuführen wünscht, Höchste Tochter, erlaubt mir den Zustand Eurer Armee zu erklären. Einer unserer ambitioniertesten Pläne wird von Generalleutnant Yulan vorbereitet.«
Galgan gestikulierte den versammelten Offizieren, und ein kleiner dunkelhäutiger Mann vom Niederen Blut trat vor. Er trug eine schwarze Perücke, um seine Kahlheit zu verbergen, und er kniete vor Tuon und verneigte sich.
»Man befiehlt Euch, sich zu erheben und zu sprechen, General«, sagte Selucia als Stimme.
»Die Höchste Tochter soll meinen Dank erfahren«, sagte Yulan und stand auf. Am Kartentisch bedeutete er mehreren Helfern, eine Karte hochzuhalten, damit Tuon sie sehen konnte. »Abgesehen von den Rückschlägen in Arad Doman ist der Prozess, dieses Land zurückzufordern, wie erwartet fortgeschritten. Langsamer, als wir gewünscht hätten, aber nicht ohne große Siege. Die Menschen dieser Königreiche eilen nicht zur Verteidigung ihrer Nachbarn. Wir sind sehr erfolgreich darin, sie einen nach dem anderen zu besetzen. Allein zwei Dinge bereiten uns Sorge. Das Erste ist Rand al'Thor, der Wiedergeborene Drache, der im Norden und Osten einen aggressiven Vereinigungskrieg führt. Die Weisheit der Höchsten Tochter ist erforderlich, um uns zu lehren, wie er überwältigt werden kann.
Die andere Sorge gilt der großen Anzahl von Marath'damane, die in dem als Tar Valon bekannten Ort konzentriert ist. Ich glaube, die Höchste Tochter hat von der großen Waffe gehört, die sie benutzten, um ein großes Stück Land nördlich von Ebou Dar zu zerstören.«
Tuon nickte.
»Die Sul'dam haben so etwas noch nie gesehen«, fuhr Yulan fort. »Wir nehmen an, das ist eine Sache für Damane, die man ihnen beibringen kann, wenn man die richtige Marath'damane gefangen nimmt. Diese wunderbare Fähigkeit des sofortigen Transportes von einem Ort zum anderen ist - falls es sie tatsächlich gibt - eine zweite Technik von großem praktischen Vorteil, die wir in unsere Hände bekommen müssen.«
Tuon nickte wieder und studierte die Karte, die den Ort namens Tar Valon zeigte. Selucia übermittelte: »Die Höchste Tochter ist auf Eure Pläne neugierig. Ihr werdet fortfahren.«
»Mein tiefster Dank soll zum Ausdruck gebracht werden«, sagte Yulan und verneigte sich. »Als Hauptmann zur Luft habe ich die Ehre, die Raken und To'raken zu befehligen, die der Wiederkehr dienen. Ich bin der Überzeugung, dass ein Schlag in das Herz der Länder unseres Feindes nicht nur möglich ist, sondern auch große Vorteile bringt. Bis jetzt mussten wir noch nicht gegen viele dieser Marath'damane kämpfen, aber bei unserem Vorstoß in die vom Wiedergeborenen Drachen kontrollierten Länder werden wir ihnen zweifellos in großer Zahl gegenübertreten.