Выбрать главу

Unter gewaltigen Anstrengungen schaffte es der sterbende Krieger, in ihre Richtung zu blicken. Er konnte eine Hand von der ihn fesselnden Ranke befreien, dann streckte er die magische Axt aus.

Sein Mund flüsterte einen Namen...

Thura war völlig aufgewühlt, als sie erwachte. Sie blieb eine Zeitlang liegen, zitterte immer noch, obwohl in dem Wald, in dem sie sich befand, eine angenehme Temperatur herrschte.

Noch einmal lief der Traum in ihrem Kopf ab. Wie immer, wenn die Orcfrau dem Schlaf entrinnen konnte, hallte der darin durchlebte Traum noch eine Weile in ihr nach.

Mit Mühe stand Thura schließlich auf. Das kleine Lagerfeuer, das sie entzündet hatte, war schon lange niedergebrannt. Nur ein letzter Rest von Rauch hing in der Luft.

Sie legte ihre Waffe beiseite und schaufelte lose Erde über die Glutreste, um sie zu ersticken. Dann holte sie ihren ledernen Rucksack, hob die Axt auf und marschierte los.

So war es immer. Laufen, bis die Müdigkeit sie übermannte, etwas essen, dann schlafen... bis der Traum sie wieder aufweckte und derart erschreckte, dass es besser war, weiterzugehen.

Auf eine merkwürdige Art begrüßte die Orcfrau das sogar. Denn neuerdings barg der Schlaf für jedermann Risiken. Davon abgesehen brachte sie jeder Schritt dem erklärten Ziel näher, ihren Blutsverwandten zu rächen.

Ihr war klar geworden, dass sie noch von etwas anderem angetrieben wurde: Sie musste eine Katastrophe verhindern, die nicht nur ihr eigenes Volk bedrohte, sondern die ganze Welt.

Broxigar, der Orc, war der Bruder ihres Vaters gewesen, obwohl ihre Väter nicht dieselben waren. Sie wusste von seinem legendären Kampf mit seinen Kameraden gegen die Brennende Legion. Ein Kampf, den Broxigar – oder Brox – als Einziger überlebt hatte. Selbst als Kind hatte Thura die Schuld spüren können, die ihn umtrieb, weil er lebte und seine Freunde nicht.

Und dann hatte Thrall, der große Führer der Orcs, den erfahrenen Krieger zusammen mit einem anderen Wesen auf eine geheimnisumwobene Mission geschickt. Keiner von beiden war zurückgekehrt, aber irgendwann war das Gerücht aufgekommen, ein alter Schamane habe die wundersame hölzerne Axt aus dem Traum zurückgebracht und sie bei Thrall gelassen.

Der Schamane hatte berichtet, dass Brox ein Held geworden sei. Dank seiner Hilfe waren nicht nur die Orcs, sondern auch alle anderen Völker gerettet worden. Es wurde erzählt, dass dem Schamanen Flügel gewachsen seien und er sich in einen riesigen Vogel oder Drachen verwandelt hätte, der in der Nacht verschwand.

Thura wusste nicht, ob das stimmte. Als sie selbst ins Kriegeralter gekommen war und ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen konnte, hatte ihr Thrall persönlich die sagenhafte Axt übergeben. Schließlich war Thura die einzige Überlebende aus Brox’ Klan, abgesehen von ihrem Onkel Saurfang, der gerade selbst einen Sohn verloren hatte. Die Axt hätte genauso gut ihm zugestanden. Doch Thralls Schamane hatte geträumt, dass sie an Thura gehen sollte. Niemand wusste, warum. Aber Thrall war der Eingebung des Schamanen gefolgt.

Thura fühlte sich geehrt, eine solche Waffe führen zu dürfen. Die Ironie entging ihr dabei nicht. Vor vielen Jahren hatten die Orcs unter dem Kommando des legendären Grom Höllschrei die Wälder des Eschentals gestürmt und Cenarius getötet, der ihnen entgegengetreten war. Damals hatten sie unter dem Bann des Dämonenlords Mannoroth gestanden.

Das war geschehen, bevor Thrall seinem Volk wieder beigebracht hatte, die Natur zu achten. Cenarius’ Tod war bedauerlich... doch Thura hatte nichts damit zu tun gehabt, und mit ihrem orcischen Sinn für das Praktische nahm sie einfach an, dass der Geist des Cenarius das genauso sah.

In dem Moment, da sie die Axt in die Hand genommen hatte, hatte es sich richtig angefühlt. Doch in der Waffe steckte noch etwas anderes. Es war nicht sofort offenbar geworden. Nicht einmal während der ersten Jahre. Nein, ihr Geheimnis hatte sie erst später enthüllt, und zunächst hatte Thura es ignoriert.

Ein Traum war schließlich nur ein Traum...

Oder auch nicht.

Thura hatte keinen Schamanen gebraucht, um schließlich die Wahrheit zu erkennen. Der Geist ihres verschollenen Ahnen hatte Rache verlangt. Der Traum offenbarte ihr die ganze Wahrheit, dessen war sie sich sicher. Sie hatte gesehen, wie Brox wirklich ums Leben gekommen war... verraten von jemandem, den er für einen Freund hielt.

Dem Nachtelf.

Und obwohl sie nicht sagen konnte, woher, wusste Thura dennoch, dass jener Nachtelf immer noch lebte und gefunden werden konnte. Sie musste nur auf ihre Träume achten. Jedes Mal, wenn sie daraus erwachte, ahnte sie die Richtung, in die sie gehen musste. Die Richtung, in der sie den verräterischen Mörder des tapferen Brox finden würde.

Brox hatte ihr dessen Namen genannt, der seit dem allerersten Traum in ihrem Kopf widerhallte, obwohl sie nie gehört hatte, wie er laut ausgesprochen wurde.

Malfurion Sturmgrimm... Malfurion Sturmgrimm...

Sie verstaute ihre Axt – die einst Brox gehört hatte. Die Orcfrau hatte einen Schwur auf ihren toten Onkel geleistet. Sie würde Malfurion Sturmgrimm finden, ganz gleich, wie weit sie reisen musste und ganz gleich, was die Blutrache von ihr dafür verlangte.

Sie würde Malfurion Sturmgrimm finden... und eine seit langem überfällige Gerechtigkeit an ihm üben.

Vielleicht würde Thura sogar Azeroth noch retten können – bevor es dafür für immer zu spät war...

1

Teldrassil

Eine Vorahnung, wie die anmutige Priesterin der Nachtelfen sie seit dem Fall von Zin-Azshari nicht mehr gespürt hatte, erschütterte sie bis ins Mark.

Tyrande Wisperwind versuchte, sich ihrer Meditation hinzugeben. Darnassus, die neue Hauptstadt der Nachtelfen, war als Zeugnis für das Überleben ihres Volkes erbaut worden. Und nicht, um eine verrückte Königin zu ehren.

Obwohl viel kleiner als ihre Vorgängerin, war die Stadt Darnassus auf ihre eigene Weise nicht weniger spektakulär. Das lag auch an ihrer Lage hoch in den westlichen Ästen von Teldrassil... dem Weltenbaum. Er war so groß und mächtig, dass die Nachtelfen darauf imposante Bauten hatten errichten können wie etwa den Tempel des Mondes. Die dazu benötigten Steine stammten vom Festland und waren mittels Magie in die unglaublichen Höhen geschafft worden. Noch beeindruckender als die Tatsache, dass die Hauptstadt auf Teldrassils Ästen stand, war, dass sie nur die größte von etlichen Siedlungen im Laubwerk war.

Dabei hatte sie viel den Druiden zu verdanken, die den Baum aufgezogen hatten.

Tyrande versuchte, ihr Bedürfnis nach Frieden nicht von den Gedanken an die Druiden beeinflussen zu lassen. Sie respektierte die Druiden, weil die Natur immer ein zentraler Teil der Existenz der Nachtelfen gewesen war und auch weiterhin sein würde.

Doch selbst, wenn sie nur flüchtig an die Druiden dachte, wurden Erinnerungen wach, die gleichsam wundervoll und sehr schmerzhaft waren. Erinnerungen an ihren Freund aus Kindertagen, ihren Geliebten, Malfurion Sturmgrimm.

Das sanfte Licht der Mondgöttin schien durch das runde Dachfenster aus Buntglas in die große zentrale Kammer. Zeitweilig verwandelte es sich von silbern zu einem sanften Purpur, so wie momentan. Doch es wurde wieder silbern, als es auf den glitzernden Teich traf, der die Statue von Haidene umgab – die erste Hohepriesterin, die als Kind die gesegnete Stimme von Elune gehört hatte.

Wie üblich saß Tyrande im Schneidersitz am Teich auf den riesigen Steinstufen vor Haidenes emporgereckten Armen und versuchte verzweifelt, von ihren Vorgängerinnen und der Göttin Trost und Führung zu erhalten. Sie brauchte Hilfe, um das wachsende Gefühl der Angst loszuwerden. Obwohl Priesterinnen und Novizinnen oft zum Meditieren und um Frieden zu finden hierherkamen, war Tyrande zu dieser Stunde allein.

Sie hatte die Augen zugepresst und versuchte erfolglos, jeden Gedanken an Malfurion aus ihrem Geist zu verbannen. Das Band ihrer stürmischen Beziehung reichte zurück bis an den Anfang des Kriegs der Ahnen, als sie, Malfurion und sein Zwillingsbruder Illidan die Unschuld der Jugend verloren hatten und erfahrene Krieger geworden waren. Sie erinnerte sich noch lebhaft an Illidans Verrat und ihre Gefangenschaft in Azsharas Palast. Und obwohl sie bewusstlos gewesen war, als man sie dorthin gebracht hatte, durchlebte Tyrande den Transport in ihrer Erinnerung so, wie sie ihn sich vorstellte. Gefangen von Xavius’ Dienern, dem bösen Berater der Königin, der vom Herrn der Brennenden Legion in einen Satyr verwandelt worden war. Auch der Beinaheverlust ihres geliebten Malfurion war ihr ins Gedächtnis gebrannt, nachdem er es eben erst geschafft hatte, die Dämonen von ihrer Welt zu verbannen. Ihr Herz schmerzte bei der Erinnerung daran, wie er den letzten Rest seiner Macht beschworen hatte, um sie zu retten.