Sie werden ausharren!, antwortete der Erzdruide und hoffte, jegliche Aufmerksamkeit von seinen eigenen Anstrengungen abzulenken. Der Albtraum wird besiegt werden! Ihr werdet besiegt werden!
Sie wissen noch nicht einmal, was es bedeutet, auszuharren..., entgegnete der Schattenbaum. Sie wissen noch nicht einmal, was es bedeutet, zu planen und zu warten... und zu warten... Das Lachen wurde schrecklicher. Und wir werden für unsere Geduld belohnt werden... wir werden Azeroth verschlingen...
Der Schatten zog sich zurück. Malfurion nahm sich seine Worte nicht einen Augenblick lang zu Herzen. Doch der Albtraumlord würde ihn auch weiterhin beobachten. Sein düsterer Feind manipulierte ständig zahllose Dinge. Der Erzdruide wusste besser als alle anderen, was geschah, wenn sein Plan nicht funktionierte...
Die Wurzel erreichte ihr Ziel.
Alles, was Malfurion jetzt noch tun konnte, war, der Dinge zu harren, die da kommen würden... und beten.
Unfähig, Tyrande aufzuhalten, war Broll gezwungen, hinter der Hohepriesterin herzulaufen. Er tat es aber nicht als er selbst, sondern verwandelte sich in die große Raubkatze. Der Druide stürzte sich in den dichten Nebel und benutzte seinen nun empfindlicheren Geruchs- und Hörsinn, um die begrenzte Sicht auszugleichen.
Er nahm Tyrandes Spur augenblicklich auf. Es stellte sich als leichter heraus als gedacht. Obwohl sie ihre Liebe zu Malfurion über ihre eigene Sicherheit gestellt hatte, vergaß Tyrande darüber die Gefahren nicht, die auf sie lauerten. Broll war sicher, dass ihnen das Schlimmste aus dem Albtraum noch erst begegnen würde. Die Hohepriesterin von Elune hinterließ eine Spur aus monderleuchteten Schritten, die den Weg von den schrecklichen Parasiten reinigte. Broll war bei seinen eigenen Methoden nicht so wählerisch. Seine Klauen zermatschten die Kreaturen einfach, während er weiterlief.
Nur kurz erblickte er eine Gestalt vor ihm, doch sie folgte nicht genau dem Weg, den Tyrande genommen hatte. Der Druide stieß ein tiefes Knurren aus und wandte sich dann ab, um ein Zusammentreffen zu vermeiden. Broll hatte keine Zeit für Konfrontationen...
Der Boden vor ihm hob sich. Schwarze Käfer strömten hervor.
„Vater! Vater!“
Anessa war vor Broll dort. Verzweifelt hielt sie ihre Arme ausgestreckt, ihr Gesicht blickte ihn flehentlich an. Sie war zierlicher als Tyrande und einen Kopf kleiner. Ihre Augen waren voller Unschuld und Unverständnis.
Broll grub seine Klauen in den Boden und blieb stehen. Ihr seid nicht echt!, dachte er. Ihr seid nicht real! In seinem Geist sah er sie wieder von den Energien eingehüllt, als die vereinigten Kräfte des Götzenbildes und des befleckten Dämons sie verzehrten. So war sie gestorben. Schuld daran waren Azgalors Angriff und sein Versagen. Anessa war tot... tot.
„Vater! Bitte rettet mich!“, schrie die Vision von Anessa.
Und trotz des sicheren Wissens, dass dies nicht seine geliebte Tochter war, spürte der Druide, wie ihm seine Sinne wieder entglitten. Ein Teil von ihm wollte sie so sehr retten...
Smaragdgrüne Ranken zerrten an Anessa. Sie kreischte und versuchte, vor ihnen zu fliehen. Doch sie hielten sie fest.
Die Katze wich zurück und verwandelte sich wieder in den Nachtelfen. So ist sie nicht gestorben...
Die smaragdgrünen Ranken wanden sich enger und enger um das Mädchen. Anessas Körper knackte. Ihr Kopf war in einem schrecklichen Griff gefangen.
Der Schädel brach, doch Anessa schrie immer noch um Hilfe. Und aus ihrem Mund – und aus jedem zerborstenen Teil ihres Körpers – strömten Tausendfüßler, Schaben und andere Aasfresser. Gleichzeitig lief eine tintenähnliche Substanz aus, die die grüne Farbe der Verwesung hatte.
Vor Brolls erschreckten Augen verschwanden die letzten erkennbaren Spuren seiner Tochter in den Ranken. Alles, was übrig blieb, waren die grotesken Insekten, die aus ihr herausgeströmt waren. Sie fielen zu Boden und verteilten sich auf dem Dreck, der bereits dort lag.
„Du – bist – echt...“, erklang eine Stimme. Der benommene Broll erkannte erst einen Augenblick später, dass es nicht seine eigene war. „Anders als deine Tochter, die nur erschaffen wurde, um dich in den Albtraum hineinzuziehen...“
Eine große Gestalt trat aus dem Nebel vor ihm. Broll wechselte zur Bärengestalt und drohte dem Wesen mit seinen Klauen.
„Nein, Druide... ich will dir nichts tun...“ Es war eins der Urtume.
Broll fragte: „Knorre?!?“
Doch schon als er das sagte, erkannte der Druide, dass es nicht stimmte. Die Gestalt ähnelte Knorre zwar, doch sie ging gebeugter, und ihre Stoßzähne waren länger. Die borkenähnliche Haut war grünlicher, selbst wenn man die Farbschattierungen der Umgebung bedachte.
Außerdem kannte Broll dieses Urtum genauso gut wie Knorre. „Ich erinnere mich an Euch“, sagte der Nachtelf. „Arei...“
Das Urtum des Krieges verneigte den ausladenden Kopf. Viele seiner Blätter, die Teil seines Bartes und der Mähne hätten sein sollen, waren vertrocknet. Das Urtum wirkte sehr müde. „Der bin ich...“ Sein Blick prüfte den Druiden. „Und du bist Broll Bärenfell.“ Arei blinzelte. „Ich vermute, du bist durch ein Portal gekommen... Eschental wahrscheinlich...“
„Ja.“
Das riesige Wesen runzelte die Stirn. „Und deinen Worten entnehme ich, dass Knorre es nicht mehr sichert, oder?“
Schluckend antwortete der Nachtelf: „Knorre wurde... vom Albtraum genommen...“
Arei stieß ein Geräusch aus, das klang, als würde ein riesiger Baum langsam in zwei Hälften zerbrechen. Broll schauderte, weil der Schrei so durchdringend war. Er konnte Areis immensen Verlust spüren.
„Noch einer gefallen...“, murmelte der große Wächter. „Unsere Zahl schwindet in dem Maße, wie der Albtraum wächst... Wir kämpfen einen Kampf, den wir nicht gewinnen können...“
„Wer ist, wir? Was tut Ihr hier?“
„Was wir können.“ Das Urtum blickte zurück. „Komm... er wird wissen wollen, dass du hier bist...“
„Von wem redet Ihr?“, fragte Broll. Doch das Urtum war bereits tief in den Nebel eingedrungen.
Der Druide blieb noch einen Moment lang stehen. Er war hin- und hergerissen. Sollte er Tyrande oder dem Urtum folgen? Doch die Entscheidung wurde ihm abgenommen, weil die Spur der Hohepriesterin nun verschwunden war und Broll bezweifelte, dass er sie selbst in Gestalt einer Katze wieder hätte aufnehmen können.
Es blieb nur noch eine Hoffnung... dass Arei oder dieser andere, von dem er gesprochen hatte, wussten, wo Malfurion Sturmgrimm war. Das würde gleichzeitig den Druiden wieder auf Tyrandes Spur bringen. Mit dieser verzweifelten Hoffnung entschied sich Broll, dem Urtum hinterherzujagen... und zu beten, dass er nicht dem Albtraum in eine neue, schreckliche Falle ging.
Tyrande wusste, dass sie völlig rücksichtslos gehandelt hatte, als sie einfach in den Nebel gelaufen war. Doch eine unbeschreibliche Angst um Malfurion hatte sie ergriffen. Während der vielen Jahrtausende, in denen ihre Herzen miteinander verflochten waren, war sie schon mehrere Male vom Tod bedroht gewesen. Doch seit dem ersten Gefecht gegen die Dämonen der Brennenden Legion hatte die Hohepriesterin nicht mehr eine so schreckliche Angst um ihn gehabt wie jetzt.
Brox’ Axt hatte es ihr wieder klargemacht. Sie kannte ihre Kraft, kannte ihre riesige Stärke und die mächtige Magie, die darin steckte. In Brox’ Händen hatte sie große Dinge getan, mächtige Dinge...
Und nun waren diese Stärke und Magie gegen Malfurion gewandt worden. Sie konnte nur vermuten, dass dies der neueste schreckliche Scherz des Albtraums auf ihrer beider Kosten war.
Nein! Ihr werdet nicht sterben!, dachte Tyrande fast schon wütend. Ich werde das nicht zulassen!