Naralex stieß ein stöhnendes Krächzen aus, als er auf den Boden prallte. Auf den ersten Blick schien er, als würde er physisch in Stücke gerissen. Doch jedes Stück, das der Schattenbaum abriss, verschwand.
Der Nachtelf nahm wieder seine normale Gestalt an. Keuchend fletschte er die Zähne und blieb reglos liegen.
Von ihm ausgehend explodierte magisches violettes Feuer. Die Schatten, die ihn angriffen, wurden davon weggebrannt.
Von den Bäumen herab stieg ein weiterer Druide. Er blickte erst den erstarrten Tauren an, dann die ohnmächtige Wächterin.
„Es tut mir leid“, sagte Fandral Hirschhaupt, und es klang ehrlich, auch wenn die beiden seine Worte nicht hören konnten, weil sie nicht vollständig bei Bewusstsein waren. „Das müsst Ihr mir glauben.“
Der oberste Erzdruide trat unter die Schatten, die ihm respektvoll aus dem Weg gingen. Fandral ging zu Naralex, der völlig reglos war.
Er bückte sich und berührte den Hals des Nachtelfen.
„Er lebt noch...“
Fandral stand auf und blickte die Gruppe enttäuscht an.
„Irgendetwas muss mit Euch geschehen.“ Er dachte nach, dann legte sich ein Lächeln auf sein Gesicht. „Valstann wird es wissen! Mein Sohn hat die Antwort...“
Er ging zurück zu seinem Heim, ohne einen weiteren Blick auf Shandris oder den Tauren zu werfen. Die Schattenkreaturen umringten die beiden, berührten sie aber nicht. Stattdessen hoben die Äste, die die Priester festhielten, sie in die dunkle, blättrige Baumkrone. Andere zerrten an Hamuul und trugen den schweren Tauren hinterher.
Als das geschehen war, lösten sich die Schattenkreaturen auf. Ihre Essenz stieg unter den Bäumen auf, wo sie ihre ruhende Gestalt wieder einnahmen... als Blätter von Teldrassil.
Der Nebel erstreckte sich bis auf die See hinaus. Malfurion konnte nicht glauben, wie dicht er war. Als Wind aufkam, schlug er fester mit den Flügeln. Ein Sturm braute sich zusammen, ein Sturm, der, wie der Erzdruide annahm, sich nur seinetwegen bildete.
Malfurion wusste nicht, was er tun sollte, zumindest nicht genau. Doch irgendetwas zog ihn zu der Insel, auf der sein Volk seine neue Heimat bezogen hatte. Er war sich fast sicher, dass dort mindestens einer der Schlüssel zur Verhinderung der Katastrophe lag, die gleich beide Welten betraf.
Der Hurrikan schlug zu.
Obwohl Malfurion darauf vorbereitet war, erschreckte ihn seine Intensität doch. Er wurde zurückgeschleudert. Blitze zuckten über den Himmel, einige schlugen gefährlich nahe ein. Der Erzdruide merkte, wie er von der immer noch im Nebel liegenden Insel förmlich weggedrückt wurde.
Einer der Blitze hätte ihn beinahe getroffen. Nur durch Glück konnte er ihm entgehen. Irgendeine Macht hatte diesen Sturm inszeniert, um Malfurion anzugreifen. Nur seine Instinkte bewahrten den Nachtelfen vor Schlimmerem.
Seine Furcht stieg mit der Stärke des Gewitters. Jeder weitere verstreichende Moment führte Azeroth und alle, die Malfurion liebte, insbesondere Tyrande, näher ans Verderben heran. Und so sehr er sich auch bemühte, konnte Malfurion sich derzeit kaum selbst retten. Erneut dachte der Erzdruide über das sinnlose Opfer des Aspekts nach. Ysera glaubte tatsächlich, dass er für beide Reiche wichtiger sei als sie...
Obwohl Malfurion anderer Meinung war, wurde ihm doch eine Sache bewusst. Schon wieder hatte er dem Albtraum genau in die Hände gespielt. Seine Unsicherheit hatte dessen eigene düstere Träume abermals genährt.
Das bedeutete nicht, dass der Sturm nicht echt war. Der Herr des Albtraums beherrschte mittlerweile auch solche fürchterlichen Kräfte. Aber seine Intensität wurde noch durch den Geist des Nachtelfen verstärkt.
Dann wurde der Sturm schwächer. Davon ermutigt konzentrierte Malfurion sich auf sein Ziel. Er schlug immer schneller mit den Flügeln.
Der Sturm hörte nicht einfach auf. Der Wind beruhigte sich nur. Malfurion flog durch den Nebel. Er wusste, dass er nur eine kleine Schlacht gewonnen hatte. Zu viel Selbstvertrauen konnte genauso gefährlich sein wie übertriebene Furcht.
Dann ragte plötzlich etwas vor ihm auf. Es war so groß, dass Malfurion selbst von hier oben aus die Spitze nicht erkennen konnte. Er wusste augenblicklich, um was es sich dabei handelte, obwohl er schon vor dessen Erschaffung gefangen gewesen war. Fandral hatte so oft betont, wie notwendig dieses Wesen war, damit ihr Volk seine Unsterblichkeit und seinen Ruhm zurückerlangte.
Der zweite Weltenbaum empfing ihn. Er war beeindruckend. Er war imposant.
Doch während Malfurion den Baum beobachtete, wurde ihm klar, dass er vom Albtraum stärker verderbt war als alles andere
Der Erzdruide ging in Querlage, dabei ließ er den riesigen Baum nicht aus den Augen. Nach außen hin wirkte alles normal. Aber seine Sinne verrieten ihm, dass er von dem Bösen befallen war, das sich aus dem anderen Reich heraus ausgebreitet hatte.
Warum haben die Druiden es nicht gemerkt?, fragte sich Malfurion. Was haben sie sich denn dabei gedacht? Wie konnte Fandral es so weit kommen lassen?
Als er sich der Insel näherte, spürte er eine große Aktivität. Zahlreiche Druiden waren dort unten versammelt, und sie alle wirkten gemeinsam einen Zauber. Seine Hoffnung stieg. Die anderen hatten endlich erkannt, dass der Weltenbaum befleckt war und bekämpften das Böse.
Doch schon einen Augenblick später erkannte Malfurion, dass es genau umgekehrt war. Der Zauber war sehr mächtig. Aber anstatt den Baum zu heilen, nährte er die Verderbtheit noch. Das konnte nur ein Irrtum sein. Er konnte die Befleckung spüren und wunderte sich, dass die anderen nichts davon bemerkten.
Ohne zu zögern stieß Malfurion nach unten. Gleichzeitig versuchte er, zu den anderen Druiden zu gelangen und sie vor ihrem furchtbaren Zauber zu warnen.
Doch etwas blockierte seinen Versuch, die Zauberer zu kontaktieren. Malfurion war nicht überrascht, es bedeutete allerdings, dass er die Druiden schnellstens erreichen musste. Die Befleckung des Weltenbaums und Yseras Gefangennahme würden sonst dem Albtraum zum Sieg verhelfen.
Plötzlich berührte ihn die Seele eines anderen. Zuerst glaubte er, einer der Druiden unter ihm hätte den Kontakt aufgebaut. Doch dann stellte er fest, dass das Signal von oben kam. Dabei war das Gedankenmuster, trotz der schlechten Verbindung, so einzigartig, dass er ganz genau wusste, wer dahintersteckte.
Hamuul Runentotem? Die Antwort auf Malfurions Frage kam verstümmelt. Es war, als wäre der Tauren nicht ganz bei Bewusstsein. Malfurion spürte, dass eine Dringlichkeit von dem Tauren ausging, eine Dringlichkeit und eine Warnung.
Die Warnung war so intensiv, dass der Erzdruide augenblicklich wieder gen Himmel flog. Er stieg hoch und erblickte schließlich die Baumkrone.
Alles sah aus, wie es sollte. Doch Malfurion konnte spüren, dass die Befleckung sich auch hier wie im Stamm ausgebreitet hatte. Der Erzdruide erreichte vorsichtig, aber mit der gebotenen Eile die ersten Äste.
Er passierte die Zweige, ohne das geringste Anzeichen von Gefahr zu spüren. Tiefer drinnen erkannte er erste Spuren von Fauna in der Form von Vögeln und Eichhörnchen. Hatte er sich geirrt? War der Baum gar nicht verderbt?
Die Sturmkrähe stieg immer höher. In gewisser Hinsicht wusste Malfurion, was er finden würde. Schon lange vor seinem Verschwinden hatte es Diskussionen um die Gründung einer neuen Hauptstadt gegeben. Über den genauen Ort war damals noch nicht entschieden gewesen, doch Malfurion hatte keinen Zweifel, dass er Darnassus oben auf dem Weltenbaum finden würde.
Was bedeutete, dass Tausende Leben nicht einmal ahnten, dass ihre Heimat mittlerweile zu einem Hort der Finsternis geworden war.
Malfurion hatte schließlich keine andere Wahl mehr, als genau in die Krone zu fliegen. Es war der direkteste Weg zu dem Ort, an dem er den Tauren vermutete... und vielleicht das Geheimnis um die Fäule im Weltenbaum.
Obwohl er als Sturmkrähe nicht klein war, schoss Malfurion mit Leichtigkeit durch die große Krone. Traurig blickte er den Weltenbaum an. Das lag nicht nur an der Befleckung. Ihn überkam auch die Erinnerung an Nordrassil und was er einst gewesen war.