Wenn sie nur gewartet hätten! Nordrassil hätte wiederhergestellt werden können... mit etwas Zeit...
Das Laubwerk wurde immer dichter und zwang Malfurion schließlich, langsamer zu werden. Er konnte spüren, dass er sich seinem Zielort näherte...
Sein Weg war plötzlich voller Äste und Blätter. Malfurion umflog sie.
Doch das Laubwerk bewegte sich, versperrte erneut seinen Weg.
Der Erzdruide versuchte, die Hindernisse zu umfliegen, aber es war zu spät. Er kollidierte mit etwas.
Das Blattwerk wickelte ihn ein. Es versuchte, seine Flügel festzubinden, seinen Schnabel zu umwickeln und seinen Körper zu zermalmen, bis alle Knochen brachen.
Malfurion spürte die vertraute und schreckliche Präsenz des Albtraumlords. Sie war nicht in voller Stärke vorhanden. Stattdessen wirkte es, als habe die böse Macht einen Teil von sich hier zurückgelassen.
Schallendes Gelächter erfüllte Malfurions Geist. Die Blätter schienen Gesichter zu bekommen, schattenhafte Gesichter, die sich beinahe in schreckliche Gestalten verwandelten.
Malfurion nahm augenblicklich seine eigentliche Gestalt an und überraschte das Blattwerk damit. Die Blätter änderten sich ihrerseits und wurden immer mehr zu Schatten mit Hufen, die sich begierig auf den Nachtelfen stürzten.
Malfurion keuchte und versuchte, sich zu konzentrieren. Ein starker Wind von der Stärke eines Hurrikans kam auf. Die großen Äste wurden zurückgepeitscht, als wären sie Grashalme, und die Schattenkreaturen wurden weggeblasen wie die Blätter, aus denen sie entstanden waren.
Der Nachtelf kletterte aufwärts, dann verwandelte er sich wieder. Während der Sturm tobte, flog er mit all seiner Macht auf die Spitze zu. Weitere Blätter folgten ihm und versuchten ihn daran zu hindern, doch sie waren zu langsam.
Malfurion betrat Darnassus.
Zwei Dinge bemerkte er augenblicklich. Eins davon betraf die Stadt selbst. Stolz erstreckte sie sich über die beiden großen Äste. Seinen Brüdern und allen, die ihnen bei der Erschaffung der neuen Hauptstadt der Nachtelfen geholfen hatten, war wirklich ein Meisterwerk gelungen.
Die zweite Sache, die Malfurion auffiel, war, dass die Stadt offensichtlich überhaupt nicht auf die Gefahr reagierte, die Teldrassil und den Rest von Azeroth bedrohte. Er sah Bewegungen in einigen Gebäuden und hörte aus einer Richtung sogar Musik.
Wie können sie es nicht wissen? Wie können sie nur so Ignorant sein?
Die Antwort war einfach. Jemand wollte, dass es so war.
Dennoch war es merkwürdig, dass die Wächter von dieser Sache keinerlei Ahnung hatten. Malfurion kannte Shandris Mondfeder sehr gut, irgendwie war er sogar so etwas wie ihr Stiefvater. Sie hätte ihre Stadt nicht derart schutzlos zurückgelassen.
Doch er hatte keine Zeit herauszufinden, was die Wächter wussten oder nicht. Hamuuls verzweifelter Ruf war aus einer anderen Richtung gekommen.
Malfurion bewegte sich darauf zu und vermied jeden Kontakt mit seinem Volk. Zu ihrer eigenen Sicherheit wollte er nicht, dass irgendjemand wusste, wo er gerade war. Derzeit schien der Albtraumlord kein Verlangen zu verspüren, Darnassus anzugreifen. Es war eine prekäre Lage, und Malfurion gefielen die Alternativen nicht. Aber es führte kein Weg daran vorbei.
Ohne sie zu kennen, wusste er, dass er an der neuen Enklave des Cenarius angekommen war. Über diesen Ort der Meditation und der Versammlung hatten sie bei der Planung der Stadt lange diskutiert. Malfurion selbst hatte viele der Details vorgeschlagen, die er jetzt direkt vor sich sah. Doch sein Herz wurde krank, als er die Befleckung spürte, die auch hier stark war.
Malfurion landete und seine Gestalt wandelte sich dabei. Alles war ruhig, zu ruhig für einen Ort, wo sich Vögel und andere Tiere tummeln sollten, egal ob bei Tag oder Nacht.
Er hatte keine andere Wahl, als die Bäume zu meiden, die die Enklave begrenzten. Der Erzdruide wusste, dass sie wahrscheinlich so verderbt wie die Zweige waren, gegen die er zuvor gekämpft hatte.
Ein Verdacht, der schon seit Langem in ihm schwelte, regte sich. Der Angriff hatte ihn in seiner Meinung nur bestätigt. Obwohl Malfurion es immer noch nicht wahrhaben wollte...
Der Gedankengang wurde von einem kurzen Kontakt Hamuuls unterbrochen. Er drängte zur Eile. Malfurion versuchte, den Druiden zu erreichen, doch er hatte keinen Erfolg.
Aber er wusste, von wo aus Hamuul ihn kontaktiert hatte. Malfurion eilte zu dem Gebäude, das sich in der Mitte der Enklave befand.
Dort hatte auch der Mann sein Heim gewählt, der die Druiden nach Malfurions Verschwinden geführt hatte.
Malfurion näherte sich dem Gebäude – und blieb plötzlich vor Schreck erstarrt stehen.
Zwei Gestalten waren in den Ranken verflochten, die das Heim bedeckten. Ihre Glieder waren weit auseinandergestreckt. Malfurion erkannte Hamuul Runentotem. Daneben erblickte er Shandris Mondfeder. Sie beide schienen ohnmächtig zu sein... oder Schlimmeres...
Malfurion erkannte, dass er hierher gelockt worden war.
„Seht an, der verloren geglaubte Shan’do ist zurückgekehrt, um uns mit seinem unverdienten Ruhm zu ehren“, erklang die Stimme von Fandral Hirschhaupt, die von überall her gleichzeitig zu kommen schien. „Stets der Einzige, der die Welt retten kann. Das behauptet er zumindest selbst. Ich spürte schon vor langer Zeit, dass Ihr kommen würdet, und ich habe Euch einen entsprechenden Empfang bereitet...“
Malfurion blickte sich nicht um, um nach Fandral zu suchen. Denn das wollte der Erzdruide ja. Stattdessen sprach er einfach mit dem Gebäude. „Was ist hier geschehen, Fandral? Warum tut Ihr das?“
„Ist das nicht offensichtlich?“, antwortete die Stimme. „Diese beiden sind eine Gefahr für unser Volk! Für ganz Azeroth!“
„Hamuul und Shandris?“ Malfurion versuchte, Fandrals wahren Aufenthaltsort herauszubekommen. Der Druide war offensichtlich vom Albtraumlord ausgetrickst worden und sah die Dinge deshalb falsch. Wenn Malfurion Fandral diese Tatsache klarmachen konnte, dann schaffte er es vielleicht auch, seinen Druidenbruder den Fängen des Zaubers zu entreißen. „Shandris ist eine tapfere Verteidigerin unseres Volkes, und Hamuul ist ein ehrliches, würdiges Mitglied unserer Bruderschaft...“
„Lügen, Lügen, Lügen!“ Die Worte hallten durch Malfurions Kopf. „Sie wollen alles zerstören! Sie wollen uns vernichten. Er hat es mir gesagt!“
„Wer, Fandral? Wer?“
Ein Bereich der Ranken, der nicht benutzt wurde, um Malfurions Freunde zu fesseln, zog sich zusammen, formte sich zu einer Gestalt, die etwa so groß wie Malfurion war.
Die Ranken verschwanden plötzlich.
Fandral Hirschhaupt starrte auf seinen Shan’do. „Das würdet Ihr gern wissen, oder? Ich weiß, dass auch Ihr ein Verräter seid!“ Auf seinem Gesicht zeigte sich ehrliche Trauer – gemischt mit Wahnsinn. „Aber Ihr seid zu gefährlich! Die Frau und das Tier – sie sind fehlgeleitet. Doch nun schlafen und träumen sie. Sie werden erfrischt aufwachen, so wie alle anderen auch!“
Malfurion trat auf Fandral zu. „Niemand wird aufwachen! Der Albtraum erstreckt sich schon über den Smaragdgrünen Traum hinaus! Ganz Azeroth, außer Darnassus, wird vom Bösen heimgesucht, und dieses Böse erfüllt auch den Weltenbaum!“
„Ihr lehnt meinen Teldrassil immer noch ab!“, zischte der Erzdruide grimmig. „Aber ich habe so viel damit erreicht! Er hat mir geholfen, nicht nur unser Volk, sondern ganz Azeroth neu zu formen!“
Fandral starrte nach unten. „Ich weiß, dass Teldrassils Herz besser ist als Eures oder das jedes anderen! Ich habe ihm mein Herz gegeben, und für dieses Opfer hat er mir ihn zurückgegeben...“
Erst jetzt bemerkte Malfurion einen Schatten, der über der linken Schulter des Nachtelfen schwebte. Es war eine der verderbten Gestalten, die ihn auf dem Weg hierher angegriffen hatten.