Doch obwohl Fandral den Schatten anblickte, schien er nicht beunruhigt von dessen offensichtlich düsteren Präsenz zu sein. Stattdessen lächelte Fandral ihn mit väterlicher Zuneigung an.
„Teldrassil hat mir meinen Sohn zurückgegeben, Malfurion. Meinen Sohn! Ist Valstann nicht so stolz und schön wie immer?“
Er wird von dem Wahn verzehrt, erkannte Malfurion traurig. Er ist jenseits aller Rettung...
Und das bedeutete, dass Malfurion nur eine Möglichkeit hatte. Er konzentrierte sich...
Fandral runzelte die Stirn. Er blickte seinen ehemaligen Shan’do ebenso traurig an wie der ihn. „Ich hatte mir etwas anderes erhofft. Das war Eure letzte Chance, mein Lehrer...“
Der Schatten, der vorgab, Valstann zu sein, lachte düster, obwohl nur Malfurion es zu hören schien.
Es gab ein schreckliches Beben. Malfurion wurde zu Boden geworfen. Doch Fandral schien davon unberührt zu sein.
Der Boden erzitterte, und die Bäume beugten sich, als versuchten sie, sich selbst zu entwurzeln. Eine dunkle Furcht ergriff Malfurion, als er spürte, wie die Befleckung in Teldrassil immer schlimmer wurde.
„Ich habe ihm geraten noch zu warten!“, rief Fandral. „Doch es scheint, dass Valstann die Wahrheit gesagt hat! Ihr, Darnassus... alles... muss gereinigt werden! Valstann und ich werden unserem Volk den Weg weisen, und alle werden es gut haben! Teldrassil wird das Instrument des neuen, glorreichen Azeroths werden!“
Er plapperte noch weiter, blind für die schreckliebe Wahrheit um ihn herum. Malfurion versuchte, das Gleichgewicht zu wahren. Aber der Boden brannte wie Feuer. Ihm wurde schwarz vor Augen. Fürchterliche Blätter, so schwarz wie die Nacht und mit wilden Dornen gespickt, sprossen überall hervor.
Die Bäume wankten immer wilder, einige von ihnen rissen sich los. Sie trugen eine Fäule in sich, die vorher nicht offenbar gewesen war. Aus ihren Kronen fielen Hunderte der kleinen dornigen Blätter.
Die Blätter begannen, sich in die Schattenkreaturen zu verwandeln.
Zum ersten Mal hörte Malfurion Rufe und Schreie, die von außerhalb der Enklave kamen. Darnassus erging es schließlich wie dem restlichen Azeroth. Der Schrecken des Albtraums war erwacht, in einer neuen und auf seine Art noch furchtbareren Gestalt.
Die Heimat der Nachtelfen – Teldrassil – war ihr Feind geworden.
21
Sturm über Sturmwind
Broll erwachte aus der Bewusstlosigkeit. Er konnte sich nicht genau erinnern, wann er dem Albtraum zum Opfer gefallen war. Er stand bei Tyrande, Lucan und der Orckriegerin... und blickte auf einen sehr bedrückt wirkenden Eranikus.
Sie waren wieder im Smaragdgrünen Traum – oder dem, was davon übrig geblieben war. Die Gruppe befand sich in einem tiefen Tal, das immer noch den schwindenden Glanz des einst sagenhaften Reiches ausstrahlte. Hohe Hügel umgaben sie, und obwohl sie wie starke aufmerksame Wächter wirkten, wusste der Druide ganz genau, wie wenig Schutz sie tatsächlich boten.
Der grüne Drache blickte Lucan an, als wäre er eine Seuche, die man am besten vernichtete. Doch der Kartograf stand dem riesigen Drachen ohne zu zittern gegenüber.
„Zum ersten und letzten Mal, nimm deine Freunde und verschwindet von hier! Es wäre am besten, wenn du das, was auch immer uns beide verbinden mag, entfernen würdest, Mensch!“
„Ich wollte uns nur woanders hinbringen“, antwortete Lucan verbittert. „Ich wusste nicht, dass ich damit zu dir zurückkehre!“
Der Drache zischte. „Wenn ich gewusst hätte, dass du mir so viel Ärger bereitest, hätte ich dich als Baby im Smaragdgrünen Traum zurückgelassen! Unfassbar, dass ein Mensch solche gefährlichen und willkürlichen Fähigkeiten besitzen kann, nur weil er hier geboren ist! Ich hätte dich besser den Launen des Schicksals überlassen...“
Trotz seines Protests erkannte Broll an Eranikus’ Tonfall, dass sein Ärger nicht wirklich Lucan galt. Die Wut des Drachen richtete sich eigentlich gegen ihn selbst.
Doch damit musste Eranikus allein klarkommen. Etwas anderes bereitete Broll viel mehr Sorgen. Etwas, das Tyrande für ihn ansprach.
„Könnt Ihr uns zu Malfurion bringen?“, fragte sie den Drachen. „Wir müssen ihn finden. Ich muss ihn finden!“
„Aus welchem Grund?“, spottete Eranikus. „Alles läuft sowieso auf ein schreckliches Ende hinaus. Der Albtraum hat meine Königin gefangen, meine Gefährtin! Es gibt keine Hoffnung mehr. Ich habe sie erneut enttäuscht...“
Die Hohepriesterin maß ihn mit einem verächtlichen Blick. „Und so suhlt Ihr Euch in Selbstmitleid! Nun gut, wir tun das nicht!“
Eranikus breitete die Flügel aus. Er blickte sich um, fast als hätte er Angst, dass der Albtraum ihn spüren konnte. Dann wurde die Wut stärker als seine Furcht. Er zischte. „Du kannst gehen, wohin du willst und tun, welche Narretei dir auch immer gefällt. Wenn ich nur nie wieder daran erinnert werde, was geschehen ist!“
Er wischte mit seinem Flügel über die kleinen Gestalten hinweg. Broll schubste Tyrande auf Lucan zu und sah, dass auch Thura seine Absicht erkannte.
Lucan tat das, was Eranikus offensichtlich gewollt hatte. Instinktiv... verschwand der Mensch aus dem Smaragdgrünen Traum.
Die anderen verschwanden mit ihm. In einem Moment schwebte noch der grüne Drache über ihnen, im nächsten standen sie auf den Zinnen einer großen Burg.
Sie befanden sich inmitten einer wild tobenden Schlacht.
Die schrecklichen Traumgestalten der Opfer des Albtraums überrannten die Verteidigungsanlagen und zogen sich rund um die Burg zusammen. Ihre grotesken, leidenden Gestalten, ihre kreischenden Münder... alles an ihnen rührte an den tiefsten Ängsten selbst der tapfersten Kämpfer. Die leeren Augen der Angreifer suchten nach jemandem, mit dem sie ihre Folter teilen konnten.
Eine schwindende Gruppe von Verteidigern in vertraut wirkender Rüstung versuchte, sich dem Ansturm entgegenzustemmen, was ganz offensichtlich nicht zu schaffen war. Ihr Mut war groß, denn niemand floh, obwohl sie weit in der Unterzahl waren. Auch als der leichenblasse Feind sich näherte, blieben die Kämpfer allesamt standhaft.
Mit Schrecken stellte Broll fest, dass er diesen Ort kannte. „Das ist Sturmwind – die königliche Burg!“
Ein Soldat erblickte sie. Er brauchte einen Moment, um ihr merkwürdiges Auftauchen zu verdauen, dann rief er eine Gruppe von Kameraden zu sich. Die drei Männer bewegten sich ängstlich auf die Neuankömmlinge zu und schwenkten dabei Fackeln und Schwerter.
Die Orckriegerin nahm Kampfhaltung ein, doch Tyrande hielt Thura zurück. „Die Männer halten uns für einen Teil des Albtraums!“, rief die Hohepriesterin Broll zu. „Wir müssen sie vom Gegenteil überzeugen!“
Bevor die anderen ihn davon abhalten konnten, trat Lucan vor. Er hielt die Hände ausgestreckt, seine Handflächen waren offen, und rief: „Wartet! Wir sind Freunde! Ich bin Lucan Fuchsblut, dritter Assistent des königlichen Kartografen! Wir müssen Seine Majestät sehen!“
Die Soldaten zögerten. Misstrauisch beäugten sie die Orcfrau. Broll überlegte, was sie wohl dachten. Welche Art Albtraum nahm schon eine so merkwürdige Gestalt an?
Einer der Soldaten signalisierte seinen Kameraden, zurückzubleiben und trat in Waffenreichweite vor Lucan. Er richtete sein Schwert auf den Kartografen, der sich nicht rührte.
Die Spitze berührte seine Haut. Der Soldat wirkte dabei erleichterter als Lucan. Dennoch blickte er wieder zu Thura.
Die Hohepriesterin trat neben Lucan und verstellte so die Sicht auf die Orcfrau. „Ich bin Tyrande Wisperwind, Herrscherin der Nachtelfen, und bei mir ist Broll Bärenfell, ein Kampfgefährte von König Varian! Die Orcfrau gehört zu uns. Sie ist keine Bedrohung...“
„Broll Bärenfell...“ Der Name schien dem Soldaten etwas zu sagen. Er nickte beiden Nachtelfen respektvoll zu. „Mylady... wir sind sehr geehrt...“
„Der König...“, erinnerte ihn Lucan. „Wir müssen sofort mit König Varian sprechen!“
„Kommt am besten mit mir“, antwortete der Kämpfer. „Wir müssen hier sowieso weg!“