Zu seiner Erleichterung stellte Broll schließlich fest, dass sie den Kanaleingang zum Handelsbezirk erreicht hatten. Der Nebel war dort so dicht wie in der Altstadt. Doch es gab keinerlei Anzeichen für einen Kampf, der nach wie vor um Burg und Kathedrale tobte. Niemand glaubte allerdings, dass sie vom Albtraum unbehelligt bleiben würden.
„Wir wenden uns nach links, wenn wir aus dem Durchgang heraus sind“, informierte der Offizier sie.
Broll beugte sich zu Tyrande hinüber und flüsterte: „Warum lebt denn die Botschafterin in diesem Teil der Stadt statt am Park?“
Kaum hörbar antwortete die Hohepriesterin: „Weil wir uns hier heimlich mit Leuten treffen, die im Park viel zu auffällig wären.“ Als Broll die Stirn runzelte, fügte Tyrande hinzu: „Das ist nicht gegen Varian und Sturmwind gerichtet. Ganz im Gegenteil, Broll. Und fragt mich jetzt bitte nicht weiter.“
Er respektierte ihren Wunsch. Immerhin war sie als Herrscherin seines Volkes zu politischen Handlungen gezwungen, von denen selbst ihre Vertraute Shandris nichts wusste. So etwas geschah nicht nur zum Wohle der Nachtelfen, obwohl deren Belange natürlich vorrangig behandelt wurden. Doch letztlich nützten diese Dinge ganz Azeroth.
Der Handelsbezirk war ein gepflegteres, vielschichtigeres Viertel als die Altstadt gewesen. Broll war stets gern über die mit Kopfstein gepflasterten Straßen geschlendert. Der Trubel des Viertels, die verschiedenen Völker und Berufsklassen... das alles hatte für die Vielfalt gestanden, die es auf Azeroth einst gab.
Doch jetzt glich der Handelsbezirk viel zu sehr der Altstadt. Der Nebel hing über Läden, Tavernen und den anderen Gebäuden, als befände man sich in einer großen und komplex aufgebauten Totenstadt. Überall lagen Leichen und Schlafende herum, als wären viele der Bewohner einfach mitten in ihrer Beschäftigung umgefallen.
„Sind sie tot oder schlafen sie?“, fragte Thura plötzlich. Die Orc-frau war bislang auffallend still gewesen. Ihr Tonfall deutete ihre Unsicherheit an, die sie wahrscheinlich verbergen wollte. Für solche Gefahren wurden Krieger nicht ausgebildet.
„Wir haben keine Zeit, um das zu überprüfen oder uns darum zu kümmern“, antwortete Mattingly. Er wies auf ein schattenhaftes Gebäude zur Rechten. „Wir müssen zu diesem Haus dort.“
Sie erreichten den Bau – ein Gasthaus – ohne Probleme. Broll und Tyrande tauschten besorgte Blicke aus. Sie hatten bislang schon zu viel Glück gehabt.
„Am besten bewachen ein paar von uns die Straße“, schlug der Major vor und beobachtete die wie ausgestorben wirkende Gasse. Der Kampfeslärm war stark gedämpft, als hätten Sturmwinds letzte Verteidiger bereits verloren.
„Ich suche den Raum“, entschied Tyrande.
„Und ich gehe mit Euch“, erklärte Broll. „Mein Shan’do würde mir etwas anderes nie verzeihen, und ich auch nicht.“
Thura grunzte: „Ich bleibe hier, wo eine Axt gebraucht wird.“
„Ich bleibe auch.“ Lucan blickte nacheinander den Major und die Orcfrau an und stellte sich dann zwischen sie. Mattingly gab ihm einen langen Dolch.
„Wir beeilen uns“, versprach die Hohepriesterin. Eigentlich konnten die drei zurückbleibenden Gruppenmitglieder nur wenig zur Verteidigung beitragen. Sie dienten am besten als Beobachter.
Das Innere des Gasthauses wurde vom Körper eines kräftigen Mannes dominiert, der entweder der Besitzer oder ein Diener des Hauses war. Er saß in einem Stuhl, seine Arme hingen schlaff zur Seite. Sein Gesichtsausdruck war dermaßen vor Schreck verzerrt, dass die Nachtelfen stehen blieben.
Broll beugte sich zu ihm hinab. Der Mensch murmelte etwas. Seine Stirn runzelte sich.
„Wir müssen weiter.“ Tyrande nahm jeweils zwei der hölzernen Stufen auf einmal.
Broll blickte den Mann noch einen Augenblick länger an. Aus irgendeinem Grund fand er dieses Opfer des Albtraums interessant. Immer noch unzufrieden folgte der Druide Tyrande.
Er erreichte den oberen Stock und sah, dass einige Türen bereits offen standen. Weit hinten öffnete Tyrande die letzte Tür am Ende des Ganges.
„Hier ist es...“, sagte die Hohepriesterin.
Doch als Broll zu ihr trat, sah er nichts außer einer fast leeren Kammer mit mehreren blühenden Pflanzen, die immer noch frisch und gepflegt wirkten, und ein Bett, das mit einem grünen Laken bedeckt war.
„Sie ist fort...“, sagte der Druide. „Varian hat gemeint, sie würde schlafen, so wie die anderen.“
Tyrande trat wortlos in die Kammer und suchte den Kleiderschrank am anderen Ende. Sie riss eine der beiden Türen auf, das knackende Geräusch hallte bedrohlich von den Wänden wider.
Die Hohepriesterin betete. Das Licht von Elune leuchtete und ließ den Raum erstrahlen... doch dann konzentrierte sie sich auf eine leere Ecke. Tyrande berührte sie.
Sie berührte etwas Unsichtbares. Als die Hohepriesterin aufstand, konnte man den Gegenstand gut im Licht erkennen.
Es war der Ruhestein.
„Er wirkt alt“, meinte Broll.
„Einer der Überlebenden aus Zin-Azshari hat ihn mitgebracht“, sagte Tyrande widerwillig. „Ich hätte ihn aufgrund seiner Bindungen an diesen verfluchten Ort vernichten sollen. Doch einen neuen Ruhestein zu erschaffen, ist noch anstrengender, als das Zaubermuster eines alten Steins zu ändern...“
Lang, oval und von kristalliner Beschaffenheit, war er mit schwach leuchtenden blauen Runen bedeckt. Diese Runen symbolisierten den Ort, an den der Stein gebunden war und das Wesen, dem der Stein gehörte. Damit konnte diese Person augenblicklich von überall her an den Bestimmungspunkt des Ruhesteins gelangen... in diesem Fall, Darnassus.
„Warum hatte die Botschafterin so etwas?“, fragte der Druide.
„Um von hier zu fliehen, falls es notwendig werden sollte.“
„Hmm. Hat aber nicht so toll geklappt, oder?“
Die Hohepriesterin sagte nichts. Stattdessen vertiefte sie sich in das Artefakt. Einst war es von arkanen Kräften erschaffen worden. Doch Mutter Mond hatte Tyrande schon einmal die Kraft gegeben, es zu verändern. Sie nahm den Stein in beide Hände und begann zu beten. Sie hoffte, dass die Göttin ihr diese Gabe ein zweites Mal gewährte.
„Etwas stimmt hier nicht“, flüsterte Broll. „Etwas stimmt ganz und gar nicht...“
Tyrande achtete nicht darauf. „Der Ruhestein widersetzt sich. Die Botschafterin lebt also noch, wo immer sie auch...“
Aus dem Kleiderschrank ertönte ein schreckliches Geheul.
Tyrande wandte sich um, konnte aber nicht mehr verhindern, dass eine skelettartige Gestalt sie packte, die sich irgendwie dort versteckt gehalten hatte, wo selbst das Licht von Elune nicht hinreichte. Das Wesen warf die Hohepriesterin zu Boden. Der Ruhestein fiel ihr aus den Händen.
Eine wahnsinnig wirkende Kreatur stürzte sich auf Broll. Sie trug die zerfetzten Kleider einer hochstehenden Elfe. Doch erst durch den Anhänger um ihren Hals wurde deutlich, dass es sich dabei um die verschwundene Botschafterin handelte.
„Ihr werdet meine Kinder nicht bekommen, ihr Dämonen!“, schrie sie. „Ihr werdet sie nicht kriegen!“
Ihre Augen erregten Brolls Aufmerksamkeit, weil man sie nicht sehen konnte. Die Lider der Botschafterin waren fest zusammen-gepresst.
„Sie träumt!“, rief er.
In diesem Moment erklang von draußen ein Warnruf des Majors. Dann ertönten Schreie, die die Nachtelfen nur allzu deutlich an ihre Angreifer erinnerten.
Tyrande betete. Silbernes Licht ergoss sich über den Körper der rasenden Frau vor ihr. Die Botschafterin schien sich zu beruhigen...
Doch dann glitt ein Schatten über ihr Gesicht. Ihr Mund verformte sich, und sie begann von Neuem zu schreien.
Links und rechts von ihr entstanden Schattenkreaturen, wie sie die Hohepriesterin bereits in ihrem Zelt angegriffen hatten. Sie lauerten Tyrande auf und hätten sie gepackt, wäre das Mondlicht nicht gewesen. Das Licht reagierte wie ein lebendiges Wesen und stellte sich zwischen Elunes Dienerin und die Angreifer. Die beiden Schatten wichen zurück.