Lorena richtete sich auf und salutierte zackig. »Jawohl, Ma'am.«
»Kristoff, ich fürchte, ich muss sofort abreisen. Donnerechsen sind aus Thunder Ridge entkommen und bedrohen die Drygulch Klamm.«
Ärgerlich sagte der Kämmerer. »Ich verstehe nicht, inwieweit das uns kümmern müsste – oder Euch.«
»Ein Teil des Waldes, der die Echsen auf Thunder Ridge hält, wurde bis zum Stumpf abgeholzt. Orcs tun so etwas nicht.«
»Wie könnt Ihr da so sicher sein?« Kristoff klang ungläubig.
Das gleiche Gefühl überkam Lorena angesichts der törichten Frage des Kämmerers. »Es können unmöglich Orcs gewesen sein!«, platzte es aus ihr heraus.
Ihr wurde bewusst, dass es ihr nicht zugestanden hatte, etwas zu äußern, deshalb suchte sie den Blickkontakt zu Lady Proudmoore. »Es tut mir Leid, Ma'am.«
Lächelnd sagte die Lady: »Ist schon in Ordnung. Bitte, fahrt fort.«
Lorena sah wieder Kristoff an und erklärte: »Selbst unter dem Bann der Brennenden Legion hätten Orcs so etwas niemals getan. Orcs haben eine tiefe Ehrfurcht vor dem Land, so tief, dass sie manchmal, mit Verlaub, schon ans Psychotische grenzt.«
Lady Proudmoore schmunzelte. »Eigentlich würde ich eher sagen, die menschliche Neigung, die Natur zu missbrauchen, grenzt ans Psychotische. Aber der Oberst hat einen guten Punkt angesprochen. Orcs sind einfach nicht in der Lage, so etwas zu machen. Besonders, wenn man überlegt, was die Donnerechsen anrichten könnten. Also bleiben nur die Trolle, die sich jedoch selbst Thralls Herrschaft unterworfen haben, die Gnome, die aber neutral sind – und wir, die Verbündeten von Durotar.« Sie seufzte. »Dazu kommt, dass es keine Spur von dem Holz gibt. Es müsste irgendwie transportiert worden sein. Aber es gibt keinerlei Berichte über Transporte zu Wasser, zu Lande oder durch die Lüfte. Was auf Magie hindeutet.«
»Nachdem ich Euren Bericht gehört habe, Oberst, tendiere ich sehr in diese Richtung, und darüber möchte ich mehr von Euch erfahren.«
Kristoff verschränkte seine spindeldürren Arme vor der schmalen Brust. »Ich verstehe nicht, warum Ihr deshalb Theramore verlassen müsst.«
»Ich habe Thrall versprochen, dass ich das persönlich untersuche.« Sie lächelte schief. »Im Moment bin ich eine der Hauptverdächtigen, weil ich sehr wohl dazu in der Lage wäre, die Bäume abzuholzen und nach sonst wohin zu teleportieren. Welchen besseren Weg, meine Unschuld zu beweisen, gäbe es, als selbst die Wahrheit herauszufinden?«
»Mir fielen mehrere Wege ein«, meinte Kristoff säuerlich.
Lady Proudmoore ging zur anderen Seite des Tisches und stand ihrem Kämmerer gegenüber. »Es gibt noch einen anderen Grund. Es kann gut sein, dass fremde Magie dahintersteckt. Machtvolle Magie. Wenn es Magie von dieser Stärke auf Kalimdor gibt, dann muss ich wissen, wer sie ausübt. Und herausfinden, warum sich der betreffende Zauberer versteckt hält.«
»Wenn Magie dahintersteckt.« Kristoff klang gereizt, weshalb Lorena ihn leidenschaftlich gern verprügelt hätte. Doch dann atmete er tief aus und senkte seine Arme. »Dennoch ist es ein legitimer Einwand. Und der muss untersucht werden. Ich ziehe meine Einsprüche zurück.«
»Ich bin froh, dass Ihr zustimmt, Kristoff, sagte die Lady spröde. Sie ging zu ihrem Tisch und durchsuchte den Stapel Schriftrollen. »Ich werde am Morgen abreisen. Kristoff, Ihr werdet Euch um alles kümmern, so lange ich weg bin, weil ich nicht weiß, wie lange ich fort bleiben werde. Ihr seid ermächtigt, in meinem Namen zu handeln, bis ich wieder da bin.« An Lorena gewandt ergänzte sie: »Viel Glück, Oberst. Ihr seid entlassen.«
Lorena salutierte, drehte sich um und ging. Als sie hinaustrat, hörte sie Kristoff etwas sagen, aber die Lady unterbrach ihn. »Ich habe gesagt, Ihr seid entlassen, Kämmerer.«
»Selbstverständlich, Ma'am.«
Der Oberst musste angesichts des verärgerten Tons des Kämmerers lächeln.
Es gab Zeiten, in denen es Jaina Proudmoore hasste, Recht zu behalten. Falsch zu liegen war nie etwas, das sie gestört hatte. Dafür machte sie vor allem Antonidas verantwortlich. Ihr Mentor hatte ihr vom ersten Moment ihrer Lehrzeit an eingebläut, dass Arroganz die größte Sünde des Magiers und die am leichtesten zu begehende war.
»Mit so viel Macht unter den Fingerspitzen wie du sie besitzt, ist man leicht versucht, sich für allmächtig zu halten«, hatte der alte Magier gesagt. »Die meisten Zauberer erliegen dieser Versuchung irgendwann. Das ist einer der Gründe, warum ich nicht müde werde, dich zu warnen. Ich spreche aus leidvoller eigener Erfahrung.« Letzteres hatte er mit einem leichten Lächeln gesagt.
»Ihr seid nicht gefährdet«, hatte Jaina bemerkt.
»Doch, doch«, war die Antwort des Magiers gewesen. »Niemand bleibt davon unbeeindruckt. Der Trick dabei, um dem zu widerstehen, ist, den Makel in dir selbst zu erkennen und daran zu arbeiten.«
Später hatte ihr Mentor von Magiern aus alten Tagen erzählt. Solchen wie Aegwynn und Medivh, den letzten beiden Wächtern von Tirisfal. In beiden Fällen hatte Arroganz ihren Untergang besiegelt. Jahre später sollte Jaina mit Medivh zusammenarbeiten und erkennen, dass zumindest er sich davon losgesagt hatte. Seine Mutter, Aegwynn, hatte weniger Glück. Sie war die erste weibliche Wächterin, eine Frau, die Jaina über weite Strecken ihres Lebens bewundert hatte. Ihr einziger Fehler in all den Jahrhunderten als Wächterin war es gewesen zu glauben, Sargeras allein besiegt zu haben. Tatsächlich zerstörte sie nur seinen Avatar und erlaubte es dem Dämon, sich in ihrer Seele zu verstecken. Der blieb dort jahrhundertelang, bis Aegwynn Medivh gebahr. Dann wechselte Sargeras in diesen über.
Medivh war das Medium für Sargeras Invasion gewesen und verantwortlich für die Anwesenheit der Orcs in dieser Welt. Und das alles nur, weil Aegwynn arrogant genug gewesen war zu glauben, dass sie Sargeras allein besiegen könnte...
Jaina hatte sich diese Worte zu Herzen genommen und immer ihre eigene Selbstsicherheit angezweifelt. Sie bewunderte Aegwynn immer noch. Ohne sie als Wegbereiterin wäre die einzige Antwort auf Jainas Versuch, Magie zu studieren, Gelächter gewesen, statt der Skepsis, die sie vorfand.
Und sie hatte Antonidas beeinflusst.
Manchmal hatten die Selbstzweifel gegen sie gearbeitet. Sie hatte länger, als es gut gewesen war, nicht ihrem Instinkt vertraut, dass Arthas dem Bösen verfallen war. Wenn sie Arthas' Niedergang bedachte, fragte sie sich immer noch, ob alles anders gekommen wäre, hätte sie nur früher gehandelt. Aber meistens hatten sie ihr gut geholfen. Sie machten sie auch, das hoffte sie zumindest, zu einer weisen Herrscherin von Theramore.
Als Thrall ihr von der Zerstörung des Waldes von Thunder Ridge berichtet hatte, hatte sie sofort gewusst, dass Magie im Spiel war – und zwar mächtige Magie. Aber sie hatte auch gehofft, dass sie falsch mit ihrer Annahme lag.
Was sich als trügerische Hoffnung erwiesen hatte.
Sie war geradewegs von ihrer Kammer in Theramore zu dem betreffenden Wald gegangen. Sobald sie materialisierte, konnte sie die Magie förmlich riechen. Und selbst ohne ihre besonderen Fähigkeiten hätte sie wissen müssen, dass hier Zauberei wirkte.
Vor ihr befand sich ein Feld von Baumstümpfen, das sich so weit erstreckte, wie ein Mensch sehen konnte, bevor es sich über dem Hügel verlor, der hinunter zum Gebirgskamm führte. Jeder Stumpf zeigte eine perfekte Schnittfläche.
Es war, als wäre eine riesige Sense durch alle Bäume auf einmal gefahren. Mehr noch, die Schnitte waren allesamt gleich – ohne Risse oder Brüche. Solch einen Grad an Perfektion konnte man nur mit Magie erreichen.
Jaina kannte die meisten Magier, die noch lebten. Und die wenigen, die außer ihr zu so etwas in der Lage waren, befanden sich nicht auf Kalimdor. Außerdem fühlte sich diese Magie anders als jede an, die sie kannte.