Als er dem Riesenschwert gerade zum vierten Mal auswich, rannte er in den Gefreiten Nash. Nash fuhr erschrocken herum und lief dem wie tollwütig kämpfenden Orc genau in die Klinge.
Rych kochte vor Wut. Offenbar reichte es nicht, dass diese Orcs eine Schlacht vom Zaum brechen mussten, jetzt töteten sie auch noch einen nach dem anderen seiner Kameraden!
Unter wildem Gebrüll stürmte er dem Orc mit seinem Schwert entgegen.
Der trat nach links, und brauchte sein Riesenschwert nur noch von sich zu strecken. Es schnitt mühelos durch Rychs Brustpanzer und Oberkörper. Wogen von Schmerz brandeten durch seinen Körper, und sein Schrei wurde noch gellender. Mit der Rechten führte er das Schwert, während die Linke versuchte, die barbarische Wunde zu bedecken.
Plötzlich saß das Schwert fest und ließ sich nicht mehr bewegen. Wie benebelt drehte sich Rych um. Er sah, dass seine Waffe den Kopf des Orcs gespalten und sich im Knochen verkeilt hatte.
»Geschieht dir recht«, schaffte er noch durch zusammengebissene Zähne zu keuchen.
Irgendwie gelang es ihm, das Schwert doch wieder frei zu bekommen. Aber die Anstrengung trieb ihm erneut qualvolle Schmerzen durch seine Brust.
Aus irgendeinem Grund waren die Kampfgeräusche verstummt. Alles, was Rych noch hörte, war ein monotones Brummen. Er benutzte seine Familienwaffe als Krücke, stolperte vorwärts und hielt Ausschau nach weiteren Orcs, die er zur Strecke bringen konnte.
22
Vor einem Lidschlag hatte sich Aegwynn noch in Theramore befunden. Vor einem Lidschlag hatte Lorena einen tiefen Atemzug genommen, während sie besorgt in die Runde blickte. (Aegwynn erinnerte sich an die Worte des Oberst, wie sehr sie die Magie und den Brechreiz, den Teleportationen hervorriefen, hasste. Umso fragwürdiger schien, ob es wirklich empfehlenswert gewesen war, dass Lorena vor dem Sprung noch etwas gegessen hatte.) Vor einem Lidschlag war Jaina Proudmoores Miene voller Entschlossenheit gewesen. Und jetzt...
... standen sie am Eingang zu einer Höhle und waren umgeben von giftig orangefarbenem Nebel!
Aegwynn verstand sehr gut, warum die Idee, sich hierher zu begeben, so wenig Begeisterung in Lorena geweckt hatte. Der orangene Dunst hing wie Pestatem in der Luft. Aegwynn fühlte sich davon regelrecht erdrückt.
Gegen die Nebenwirkungen des Teleportierens war sie hingegen seit langem immun. Das Gefühl von Orientierungslosigkeit, das ihr zusetzte, musste also von dem Nebel verursacht werden.
Sie warf Lorena einen Blick zu. Obwohl sie bleich aussah, hielt sie immer noch ihr Schwert verteidigungsbereit ausgestreckt. Offensichtlich war sie auf alle Eventualitäten vorbereitet.
Jaina war ebenso blass wie Lorena, was kein gutes Zeichen war.
Doch Aegwynn schwieg. Jetzt gab es kein Zurück mehr, und das Letzte, was Jaina gebrauchen konnte, war jemand, der sich wie eine Glucke benahm.
Aegwynn hatte es immer gehasst, wenn jemand – im Regelfall Scavell, oder, wenn sie miteinander geschlafen hatten, Jonas – nervös reagierte, wenn sie, obwohl längst erschöpft, noch einen Kampf vor sich hatte. Deshalb sah sie keinen Grund, Jaina mit unnötigen Bemerkungen noch mehr zu verunsichern.
Trotzdem gab es Anlass zur Sorge. So weit Aegwynn wusste, hatte Jaina vier Teleportsprüche gewirkt. Sich selbst hatte sie nach Bladescar versetzt, die Donnerechsen ebenfalls dorthin, sie drei zurück nach Theramore und anschließend noch zu dieser Höhle. Dann hatte sie Zmoldors Aufenthaltsort herausgefunden und irgendetwas getan, damit die Donnerechsen unter Kontrolle blieben. Und schließlich musste Jaina sie alle drei gegen das schützen, was dieser Nebel sonst mit ihnen angestellt hätte. So viel Zauberei an einem Tag forderte ihren Tribut.
Und nach allem, was Aegwynn wusste, blühte ihnen noch wesentlich mehr.
Als Jaina den Weg durch die Höhle beschritt, fragte sich Aegwynn, wann sie aufgehört hatte, das goldhaarige Mädchen »Lady Proudmoore« zu nennen oder »das nervige kleine Mädchen« und stattdessen begonnen hatte, von ihr als »Jaina« zu denken.
Laut sagte sie: »Zmoldor ist bereits hier.« Sie erschauderte. »Er ist überall.«
Der Dämon hatte sich offensichtlich in der Höhle eingenistet. Seine Präsenz steckte in jedem Stein. Eine derartige Bosheit hatte sie nicht mehr überwältigt, seit sie bei Kharazan ihrem Sohn gegenübergestanden hatte.
Obwohl – etwas von diesem Gefühl mochte auch vom Nebel auf sie einströmen.
Jaina sprach einen Lichtzauber, der ihnen bessere Sicht ermöglichen sollte. Aber eigentlich hellte er nur den Nebel auf. Davon abgesehen wollte Aegwynn gar keinen besseren Blick auf die feuchten Wände oder die Stalaktiten, deren Spitzen ihren Kopf bedrohten – oder den tückischen Boden.
Nachdem sie zwanzig Schritte weit in die Höhle vorgedrungen waren, versteifte sich Aegwynn plötzlich. »Da ist...«
»Ich habe es«, fiel ihr Jaina ins Wort. Dann murmelte sie eine schnelle Beschwörung.
Aegwynn nickte. Beide hatten den Fallenzauber gespürt. Ein einfacher Spruch, den jeder Schüler bereits im ersten Jahr erfolgreich zu wirken lernte. Man hatte ihn wohl hauptsächlich eingesetzt, um streunende Tiere oder Wanderer fernzuhalten.
Dabei war es unwahrscheinlich, dass sich irgendjemand in diesen Alptraum von Höhle verirren würde. Aber Aegwynn hatte schon Merkwürdigeres erlebt. Es musste nur ein Wolf oder einer dieser verrückten kletternden Zwerge hierher gelangen und sich genau dann in die Höhle quetschen, wenn Zmoldor und seine Diener mitten in einer komplizierten Beschwörung steckten.
Am besten überließ man nichts dem Zufall.
Außerdem diente das Entschärfen des Spruchs auch als Alarm. Aegwynn achtete darauf, dass sich Lorena mit ihrem Schwert und Jaina mit ihrer Magie zwischen ihr und der Höhle befanden.
Augenblicke später rief Lorena scharf: »Runter!«
Da sie keine Närrin war, ließ sich Aegwynn sofort auf den kalten Boden fallen. Lorena tat es ihr gleich.
Jaina hingegen blieb stehen und hielt ihre Fackel hoch. Der Feuerball, der auf sie zutoste, sah aus, als wolle er sie verschlingen...
... aber er stoppte eine Armlänge vor ihr – und verschwand dann.
Aegwynn richtete sich wieder auf. »Ich glaube, die wissen, dass wir da sind.«
»Ach?« Jainas Stimme war nur ein Flüstern.
Ohja.
Aegwynn stöhnte. Die Stimme schien von überall her zu kommen. Ein uralter Dämonentrick. »Verkneif dir diese billigen Mätzchen, Zmoldor. Wir sind nicht deine hirnlosen Schergen und lassen uns davon nicht beeindrucken!«
Aegwynn! Was für eine angenehme Überraschung. Ich habe gedacht, du seiest schon lange durch die Hand deines Sohnes gestorben. Wie schön für mich, dass ich das nun selbst erledigen darf. Dafür schulde ich dir etwas.
Selbst über den Wortschwall des Dämons hinweg hörte Aegwynn merkwürdige knackende Geräusche, eine Art Keckem.
»Ich kenne diese Lache.« Lorena klang angeekelt. »Grellkins.«
Plötzlich stürmte eine Horde kleiner Dämonen, deren Fell die Farbe des Nebels hatte, auf sie zu.
Lorena eilte nach vorn, um Aegwynn und Jaina zu schützen. »Ich hasse diese kleinen Kerle!« Noch während sie sprach leitete sie die Gegenattacke ein.
Es waren zu viele Biester für eine einzelne Frau. Aber glücklicherweise gab es ja auch zwei, die sich ihrer annahmen. Jaina wirkte mehrere Zauber, die unterschiedliche Auswirkungen auf die Grellkins hatten. Einige setzten den Pelz in Brand. Andere blockierten die Atmung. Wieder andere Grellkins wurden von orkanartigen Winden gegen die Höhlenwände geschmettert und zerquetscht. Keiner der Zauber war etwas Besonderes, sie waren allesamt simpel genug, um Jainas Kräfte zu schonen. Aber das war nur der Auftakt. Nachdem die ersten zwanzig getötet waren, tauchten zwanzig neue auf.
»Das ist ein Ablenkungsmanöver«, knurrte Aegwynn.