Schließlich fing er an zu rennen.
Schneller, schneller glitten die Türen an ihm vorbei und weg, seine Füße stampften auf das Linoleum. Verschwimmende orangefarbene Pfeile an der weißen Wand. Schilder. Zuerst erschienen sie ganz normaclass="underline" RADIOLOGIE und KORRIDOR B ZU DEN LABORS und KEIN ZUTRITT OHNE GÜLTIGEN AUSWEIS. Und dann war er plötzlich in einem anderen Teil der Anlage, einem Teil, den er noch nie gesehen hatte und auch nie hätte sehen sollen. Die Farbe an diesen Wänden blätterte schon ab. Manche Neonlampen waren aus; andere summten wie gefangene Fliegen. Viele Milchglasscheiben an den Bürotüren waren eingeschlagen, und durch die gezackten Löcher sah er Trümmer und zusammengekrümmte Leichen. Er sah Blut. Diese Leute waren nicht an der Grippe gestorben. Sie waren ermordet worden. Ihre Leichen wiesen Stiche und Schußwunden und schlimme Verletzungen auf, die nur von stumpfen Gegenständen herrühren konnten. Ihre Augen waren aus den Höhlen gequollen.
Er lief eine Rolltreppe hinunter, die außer Betrieb war, und in einen langen, dunklen Tunnel mit gekachelten Wänden. Am anderen Ende lagen weitere Büroräume, aber jetzt waren die Türen tiefschwarz gestrichen. Die Pfeile waren hellrot. Die Neonlampen summten und flackerten. Auf den Schildern stand: KOBALTBEHÄLTER und LASER-ARSENAL und SIDEWINDERRAKETEN und SEUCHENRAUM. Und dann sah er schluchzend vor Erleichterung einen Pfeil, der um eine rechtwinklige Ecke wies, und darüber das gesegnete Wort: AUSGANG.
Er ging um die Ecke, die Tür stand offen. Draußen die angenehm duftende Nacht. Er wollte auf die Tür zustürzen und hinaus, aber ein Mann in Jeans und grober Jacke trat davor und versperrte ihm den Weg. Stu blieb rutschend stehen, ein Schrei blieb ihm im Hals stecken. Als der Mann unter das trübe Licht der flackernden Neonlampen trat, sah Stu dort, wo sein Gesicht hätte sein müssen, nur einen kalten schwarzen Schatten, eine Schwärze, aus der zwei seelenlose rote Augen hervorstarrten. Keine Seele, aber Humor. Das war es; eine Art tanzende, irre Heiterkeit.
Der dunkle Mann streckte die Hände aus, und Stu sah, daß Blut von ihnen herabtropfte.
»Himmel und Erde«, flüsterte der dunkle Mann aus dem leeren Loch, wo sein Gesicht hätte sein müssen. »Der ganze Himmel und die ganze Erde.«
Dann war Stu aufgewacht.
Jetzt winselte und knurrte Kojak leise im Flur. Er zuckte im Schlaf sogar mit den Pfoten, und Stu nahm an, daß sogar Hunde träumten. Träumen war ganz normal, auch gelegentliche Alpträume.
Aber es dauerte lange, bis er wieder einschlafen konnte.
38
Im Kielwasser der Supergrippe-Epidemie folgte eine zweite Epidemie, die ungefähr zwei Monate dauerte. Diese Epidemie war in technologischen Gesellschaften wie den Vereinigten Staaten weit verbreitet, weniger dagegen in unterentwickelten Ländern wie Peru oder Senegal. In den USA raffte diese zweite Epidemie etwa sechzehn Prozent der Überlebenden der Supergrippe dahin. In Peru und Senegal nicht mehr als drei Prozent. Die zweite Epidemie hatte keinen Namen, weil die Symptome von Fall zu Fall grundverschieden waren. Ein Soziologe wie Glen Bateman hätte diese zweite Epidemie vielleicht »natürlichen Tod« genannt oder »den alten Unfallaufnahme-Nachklapp«. Im streng darwinistischen Sinn war es der letzte Schnitt - der schlimmste Schnitt von allen, hätten manche vielleicht gesagt.
Sam Tauber war fünfeinhalb Jahre alt. Seine Mutter war am 24. Juni im General Hospital von Murfreesboro, Georgia, gestorben. Am 25. starben sein Vater und seine kleine Schwester, die zwei Jahre alte April. Am 27. starb sein ältester Bruder Mike, und damit war Sam sich selbst überlassen.
Sam war seit dem Tod seiner Mutter im Schock. Er irrte gleichgültig durch die Straßen von Murfreesboro, aß, wenn er Hunger hatte, und weinte manchmal. Nach einer Weile hörte er auf zu weinen, weil es nichts nützte zu weinen. Es brachte die Menschen nicht zurück. Nachts wurde sein Schlaf von gräßlichen Alpträumen unterbrochen, in denen Papa, April und Mike immer wieder starben; ihre Gesichter waren schwarz und aufgedunsen, und sie hatten alle ein schlimmes Rasseln in der Brust, während sie an ihrem eigenen Rotz erstickten. Am Morgen des 2. Juli um Viertel vor zehn verirrte sich Sam in ein Gebüsch mit wilden Brombeeren hinter Hattie Reynolds' Haus. Geistesabwesend und mit leeren Augen ging er im Zickzack um Brombeersträucher herum, die fast zweimal so hoch waren wie er, und pflückte Beeren und aß sie, bis Lippen und Kinn schwarz verschmiert waren. Dornen rissen an seiner Kleidung und manchmal der bloßen Haut, aber er merkte es kaum. Bienen summten träge um ihn herum. Er sah die alte und verfaulte Brunnendeckplatte nicht, die halb unter hohem Gras und Brombeerranken verborgen war. Sie gab mit einem knirschenden, splitternden Krachen unter seinen Füßen nach, Sam stürzte sechs Meter tief den gemauerten Schacht hinunter auf den trockenen Grund, wo er sich beide Arme brach. Er starb vierundzwanzig Stunden später an Angst und Elend ebenso wie an Schock, Hunger und Wassermangel.
Irma Fayette lebte in Lodi, Kalifornien. Sie war alleinstehend, sechsundzwanzig Jahre alt, Jungfrau und von morbider Angst vor einer Vergewaltigung erfüllt. Seit dem 23. Juni, als es in der Stadt zu Plünderungen gekommen war und keine Polizei mehr da war, um den Plünderern Einhalt zu gebieten, war ihr Leben ein einziger langer Alptraum geworden. Irma besaß ein kleines Haus in einer Seitenstraße; ihre Mutter hatte mit ihr dort gewohnt, bis sie 1985 an einem Schlaganfall gestorben war. Als die Plünderungen begannen, die Schüsse und das gräßliche Grölen betrunkener Männer, die auf Motorrädern die Hauptstraße entlang fuhren, hatte Irma sämtliche Türen abgeschlossen und sich dann in der Rumpelkammer im Keller versteckt. Seither schlich sie regelmäßig nach oben, mucksmäuschenstill, um etwas zu essen zu holen oder sich zu erleichtern.
Irma konnte die Menschen nicht ausstehen. Wenn alle auf der Welt gestorben wären, außer ihr, wäre sie darüber nicht unglücklich gewesen. Aber so war es nicht. Erst gestern, als sie schon die zaghafte Hoffnung hegte, zumindest in Lodi könnte außer ihr niemand mehr sein, hatte sie einen üblen, betrunkenen Mann gesehen, einen Hippie mit T-Shirt, auf dem stand: ICH HABE AUF SEX UND ALKOHOL VERZICHTET - ES WAREN DIE SCHLIMMSTEN 20 MINUTEN MEINES LEBENS, der mit einer Flasche Whiskey in der Hand durch die Straßen gezogen war. Er hatte langes blondes Haar, das unter der Schirmmütze hervorquoll, die er aufhatte, und bis auf die Schultern fiel. Im Saum der engen Jeans hatte er eine Pistole stecken. Irma hatte ihn hinter dem Schlafzimmervorhang beobachtet, bis er nicht mehr zu sehen war, dann war sie nach unten in die Rumpelkammer geeilt, als wäre ein böser Bann von ihr genommen worden.
Sie waren nicht alle tot. Wenn noch ein Hippie übrig war, würde es noch andere Hippies geben. Und alle waren Vergewaltiger. Sie würden sie vergewaltigen. Früher oder später würden sie sie finden und vergewaltigen.
Heute morgen war sie noch vor Anbruch der Dämmerung auf den Dachboden geschlichen, wo die wenigen Habseligkeiten ihres Vaters in Kartons verstaut waren. Ihr Vater war bei der Handelsmarine gewesen. Er hatte Irmas Mutter Ende der sechziger Jahre verlassen. Irmas Mutter hatte Irma alles darüber erzählt. Sie war ganz offen zu ihr gewesen. Irmas Vater war ein Scheusal gewesen, der sich betrank und sie dann vergewaltigen wollte. Das wollten sie alle. Wenn man verheiratet war, gab das einem Mann das Recht, einen zu vergewaltigen, wann immer er wollte. Sogar bei Tage. Irmas Mutter faßte die Tatsache, daß ihr Mann sie verlassen hatte, stets mit drei Worten zusammen, dieselben Worte, die Irma zum Tod aller Männer, Frauen und Kinder auf der Welt hätte sagen können: »Kein großer Verlust.«
Die meisten Kisten enthielten lediglich billige Kinkerlitzchen, die in fremden Häfen gekauft worden waren - Souvenir aus Hong Kong, Souvenir aus Saigon, Souvenir aus Kopenhagen. Daneben ein Album mit Fotos. Die meisten zeigten ihren Vater auf einem Schiff, manchmal hatte er den Arm um seine befreundeten Scheusale gelegt und lächelte in die Kamera. Nun, wahrscheinlich hatte ihn die Krankheit, die sie Captain Trips nannten, dort erwischt, wohin er sich verkrümelt hatte. Kein großer Verlust.