In Swanville, Maine, fiel ein zehnjähriges Mädchen namens Candice Moran vom Fahrrad und starb an Schädelbruch.
Milton Craslow, Farmer in Harding Country, New Mexico, wurde von einer Klapperschlange gebissen und starb eine halbe Stunde später.
In Milltown, Kentucky, war Judy Horton sehr zufrieden mit der Lage. Judy war siebzehn Jahre alt und hübsch. Vor zwei Jahren hatte sie zwei große Fehler gemacht: Sie war schwanger geworden und hatte sich vo n ihren Eltern beschwatzen lassen, den verantwortlichen Jungen zu heiraten, einen brillentragenden Ingenieurstudenten der State University. Mit fünfzehn hatte sie sich geschmeichelt gefühlt, daß einer vom College sie überhaupt einlud (auch wenn er gerade angefangen hatte), aber heute konnte sie sich, selbst wenn ihr Leben davon abgehangen hätte, nicht mehr daran erinnern, warum sie Waldo - Waldo Horton, was für ein Scheißname - »zu Willen gewesen« war. Wenn sie schon geschwängert wurde, warum dann ausgerechnet von ihm? Judy war auch Steve Phillips und Mark Collins »zu Willen gewesen«; sie gehörten beide der Footballmannschaft der High School von Milltown an (den Milltown Cougars, um genau zu sein, fight-fight-fight-fight-for-the-dearblueand-white), sie selbst war Cheerleader gewesen. Wäre der beschissene Waldo Horton nicht gewesen, wäre sie schon im Juniorjahr zur Anführerin der Cheerleaders geworden, problemlos. Und, um wieder zur Sache zu kommen, Steve oder Mark hätten beide akzeptablere Ehemänner abgegeben. Sie hatten beide breite Schultern, und Mark hatte herrliches, schulterlanges blondes Haar. Aber es war Waldo, es konnte kein anderer als Waldo sein. Sie mußte nur in ihr Tagebuch schauen und nachrechnen. Und als das Baby da war, hatte sich sogar das erübrigt. Es sah aus wie er. Beschissen.
Sie hatte sich zwei Jahre durchgequält, die verschiedensten Scheißjobs in Imbißrestaurants und Motels angenommen, während Waldo selbst zum College ging. Es kam so weit, daß sie Waldos College am meisten haßte, noch mehr als Waldo und das Baby. Wenn er sich so sehr eine Familie wünschte, warum ging er dann nicht arbeiten? Sie hatte es doch auch getan. Aber das ließen seine und ihre Eltern nicht zu. Sie allein hätte ihn beschwatzen können (sie hätte es ihn versprechen lassen können, bevor sie sich im Bett von ihm anfassen ließ), aber sämtliche Eltern und Schwiegereltern steckten andauernd ihre Nasen in alles hinein. O Judy, wenn Waldo eine gute Stelle hat, wird alles viel besser werden. O Judy, alles würde viel besser aussehen, wenn du öfter zur Kirche gehen würdest. O Judy, du mußt schlucken und dir nichts anmerken lassen. Nichts anmerken lassen.
Dann war die Supergrippe gekommen und hatte all ihre Probleme gelöst. Ihre Eltern waren gestorben, ihr kleiner Sohn Petie war gestorben (das war schon irgendwie traurig, aber nach ein paar Tagen war sie darüber hinweg), dann waren Waldos Eltern gestorben und zuletzt Waldo selbst, und sie war frei. Der Gedanke, daß sie selbst sterben könnte, war ihr nie in den Sinn gekommen, und sie starb dann auch nicht.
Sie hatte in einem großen und lauten Mietshaus in der Innenstadt von Milltown gewohnt. Was Waldo so dafür eingenommen hatte (sie selbst hatte kein Mitspracherecht gehabt), war eine große Fleischkühlhalle im Keller. Sie hatten im September 1988 eine Wohnung bezogen, die im dritten Stock lag, und wer hatte immer runtergehen und Roastbeef oder Hamburger aus der Kühlhalle holen müssen? Dreimal darfst du raten, die beiden ersten zählen nicht. Waldo und Petie waren daheim gestorben. Da konnte man schon keine Krankenhausbehandlung mehr bekommen, wenn man kein Großkopferter war, und die Leichenhallen waren überfüllt (es waren unheimliche, dunkle Klötze, Judy wäre nicht für viel Geld hingegangen), aber der Strom funktionierte noch. Daher hatte sie sie nach unten in die Kühlhalle gebracht.
Vor drei Tagen war in Milltown der Strom ausgefallen, aber hier unten war es immer noch ziemlich kühl. Judy wußte es, weil sie drei-bis viermal täglich nach unten ging, um sich die Leichen anzusehen. Sie sagte sich, daß sie nur nachsah. Was sollte es sonst sein? Sie trauerte doch sicher nicht?
Am Nachmittag des 2. Juli ging sie hinein und vergaß, den Gummikeil unter die Tür der Kühlhalle zu kanten. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloß. Da erst stellte sie fest, nachdem sie zwei Jahre lang hier fast jeden Tag unten gewesen war, daß die Tür innen keine Klinke hatte. Mittlerweile war es so warm, daß sie nicht erfror, aber nicht zu kalt zum Verhungern. So kam es, daß Judy Horton doch noch in Gesellschaft von Mann und Kind starb.
Jim Lee aus Hattiesburg, Mississippi, schloß alle elektrischen Leitungen in seinem Haus an einen Benzingenerator an und starb durch Stromschlag, als er versuchte, ihn anzulassen.
Richard Hoggins war ein junger Farbiger, der sein ganzes Leben in Detroit, Michigan, verbracht hatte. Die letzten fünf Jahre war er süchtig nach dem weißen Pulver, das er »Herroinn« nannte. Während die Supergrippe grassierte, hatte er extreme Entzugserscheinungen gehabt, weil sämtliche Dealer und Pusher, die er kannte, gestorben oder geflohen waren.
An diesem warmen Sommernachmittag saß er auf einer müllübersäten Veranda, trank warmes 7-Up und wünschte sich, er hätte einen Schuß, nur einen kleinen, klitzekleinen Schuß. Er mußte an Allie McFarlane denken und an etwas über Allie McFarlane, das er auf der Straße gehört hatte, bevor die Kacke am Dampfen gewesen war.
Die Leute sagten, daß Allie, schätzungsweise der Drittgrößte in Detroit, gerade eine eins a Lieferung bekommen hatte. Allen würde es gutgehen. Nicht die übliche braune Scheiße. China White, richtig guter Stoff. Richie wußte nicht mit Sicherheit, wo McFarlane so eine große Lieferung aufbewahren würde - es war nicht gut für die Gesundheit, so etwas zu wissen -, aber er hatte mehrmals im Vorbeigehen sagen hören, wenn die Polizei jemals einen Durchsuchungsbefehl für das Haus am Grosse Point bekommen würde, das Allie seinem Großonkel gekauft hatte, dann würde Allie hinter Gitter wandern, bis der Neumond golden wurde.
Richie entschied, daß er zum Grosse Point gehen würde. Er hatte schließlich nichts Besseres vor.
Die Adresse von Erin D. McFarlane am Lake Shore Drive fand er im Telefonbuch und ging zu Fuß dorthin. Als er dort war, war es fast dunkel, und die Füße taten ihm weh. Er versuchte sich nicht mehr einzureden, daß es nur ein Spaziergang war; er brauchte einen Schuß, und zwar dringend.
Das Anwesen war von einer grauen Steinmauer umgeben, und Richie kletterte wie ein schwarzer Schatten hinüber und schnitt sich die Hände an den Glasscherben oben auf. Als er eine Scheibe einschlug, damit er hinein konnte, ging der Einbruchalarm los, und er war schon halb über den Rasen geflohen, bis ihm einfiel, daß keine Bullen mehr dawaren, die den Alarm hören konnten. Flatterig und schweißnaß ging er zurück.
Der Hauptstrom war aus, und die Scheißbude hatte gut und gerne zwanzig Zimmer. Er mußte warten bis morgen, bis er richtig suchen konnte, und selbst bei Tage würde es drei Wochen dauern, das ganze Haus ordentlich auf den Kopf zu stellen. Und dabei war der Stoff wahrscheinlich nicht einmal hier. Herrgott. Richie war ganz krank vor Verzweiflung. Aber er wollte wenigstens an den offensichtlichsten Stellen suchen.
Oben im Schlafzimmer fand er ein Dutzend weiße Plastiksäcke randvoll mit weißem Pulver. Sie waren im Wassertank der Toilette, einem altbekannten Versteck. Richie sah sie krank vor Verlangen an und dachte am Rande, daß Allie alle richtigen Leute bestochen haben mußte, wenn er es sich leisten konnte, so eine Ladung in einem blöden Toilettentank zu lassen. Der Stoff hätte einem einzigen wahrscheinlich sechzehn Jahrhunderte gereicht.
Er nahm einen Beutel mit ins Schlafzimmer und riß ihn auf der Steppdecke auf. Seine Hände zitterten, als er das Besteck herausnahm und aufkochte. Er kam nicht auf die Idee, sich zu fragen, ob der Stoff verschnitten war. Auf der Straße war die größte Dosis, die Richie sich je verpaßt hatte, zwölf Prozent pur gewesen, und daraufhin hatte er so tief geschlafen, daß es fast schon ein Koma gewesen war. Er hatte nicht einmal genickt. Einfach zackbumm, und weg war er, out of the blue and into the black. Er stach sich die Nadel oberhalb des Ellbogens rein und drückte den Stöpsel. Der Stoff war fast sechsundneunzig Prozent rein. Er knallte in seine Blutbahn wie ein außer Kontrolle geratener Güterzug, und Richie fiel auf den Heroinbeutel und bestäubte sich das Hemd damit. Sechs Minuten später war er tot.