Kein großer Verlust.
39
Lloyd Henreid kniete auf dem Boden. Er summte und grinste. Hin und wieder vergaß er, was er gesummt hatte, dann verschwand das Grinsen aus seinem Gesicht, und er schluchzte ein kleines bißchen, aber dann vergaß er, daß er geweint hatte, und summte weiter. Das Lied, das er summte, hieß »Camptown Races«. Ab und zu summte und schluchzte er nicht, sondern flüsterte »Duu-dah, duu-dah«. Abgesehen vom Summen, dem Schluchzen, dem gelegentlichen Duu-dah und dem leisen Scharren des Pritschenbeins, mit dem sich Lloyd zu schaffen machte, herrschte völlige Stille im Zellentrakt. Er versuchte, Trasks Leiche umzudrehen, damit er ein Bein erreichen konnte. Bitte, Herr Ober, bringen Sie mir noch etwas Krautsalat und noch ein Bein.
Lloyd sah aus wie ein Mann, den man auf eine radikale Diät gesetzt hatte. Der Gefängnis-Overall hing an seinem Körper wie ein schlaffes Segel. Die letzte Mahlzeit, die im Zellentrakt serviert wurde, war das Frühstück vor acht Tagen gewesen. Lloyds Haut spannte straff über dem Gesicht, jeder Knochen war darunter zu erkennen. Seine Augen waren hell und glänzend. Er hatte die Lippen von den Zähnen zurückgezogen. Sein Kopf wirkte seltsam gescheckt, weil ihm die Haare allmählich büschelweise ausfielen. Er sah aus wie ein Wahnsinniger.
»Duu-dah, duu-dah«, flüsterte Lloyd und angelte mit dem Pritschenbein. Es war einmal, da hatte er nicht gewußt, warum er sich die Finger kaputtmachte, um das verdammte Ding abzuschrauben. Es war einmal, da hatte er zu wissen geglaubt, was Hunger heißt. Aber verglichen mit dem, was er jetzt erlebte, war der Hunger von damals lediglich ein etwas kräftigerer Appetit gewesen.
»Ride around all night... ride around all day... duu-dah...«
Das Pritschenbein hakte sich in Trasks Hosenaufschlag fest und rutschte wieder ab. Lloyd senkte den Kopf und schluchzte wie ein Kind. Hinter ihm, achtlos in die Ecke geschmissen, lag das Skelett der Ratte, die er vor fünf Tagen, am 2.9. Juni, in Trasks Zelle totgeschlagen hatte. Der lange rosa Schwanz der Ratte hing noch am Skelett. Lloyd hatte wiederholt versucht, auch den Schwanz zu essen, aber er war zu zäh. Fast alles Wasser in der Kloschüssel war verschwunden, obwohl er versucht hatte, es möglichst lange aufzubewahren. In der Zelle stank es nach Urin; er hatte in den Korridor gepinkelt, um seinen Wasservorrat nicht zu verderben. Den Darm hatte er - was einleuchtete, wenn man die radikal zurückgeschraubten Standards seiner Diät berücksichtigte - nicht entleeren müssen.
Er hatte die Lebensmittel, die er sich zurückgelegt hatte, zu schnell verschlungen. Das war ihm jetzt klar. Er hatte gedacht, daß jemand kommen würde. Er hatte nicht glauben können...
Er wollte Trask nicht essen. Die Vorstellung, Trask zu essen, war schrecklich. Gestern abend war es ihm gelungen, mit dem Pantoffel eine Kakerlake zu fangen, und er hatte sie lebendig gegessen; wie verrückt war sie in seinem Mund herumgewuselt, bis er sie halb durchgebissen hatte. Sie hatte nicht einmal schlecht geschmeckt, viel köstlicher als die Ratte. Nein, er wollte Trask nicht essen. Er wollte kein Kannibale sein. Es war wie mit der Ratte. Er wollte Trask in Reichweite haben... für alle Fälle. Nur für alle Fälle. Er hatte einmal gehört, daß ein Mensch es lange ohne Nahrung aushaken konnte, wenn er nur Wasser hatte.
(nicht viel Wasser aber darüber will ich jetzt nicht nachdenken nicht jetzt nein nicht jetzt)
Er wollte nicht sterben. Er wollte nicht verhungern. Er war zu sehr von Haß erfüllt.
Dieser Haß hatte sich in den letzten drei Tagen ganz allmählich in ihm aufgestaut und war mit dem Hunger gewachsen. Wenn sein Kaninchen, das schon so lange tot war, hätte denken können, hätte es ihn genauso gehaßt (er schlief jetzt viel, und dabei träumte er immer wieder von seinem Kaninchen mit aufgeblähtem Körper, mattem, verfilztem Fell, wimmelnden Maden in den Augen und, am schlimmsten, blutigen Pfoten: Wenn er aufwachte, betrachtete er seine eigenen Finger, von grausiger Faszination erfüllt). Lloyds Hass war um ein einfaches bildliches Konzept herum geronnen, und dieses Konzept war der SCHLÜSSEL.
Er war eingesperrt. Früher einmal war ihm das gerecht vorgekommen. Er war einer von den bösen Jungs. Kein wirklich böser Junge. Der wirklich böse Junge war Poke gewesen. Ohne Poke hätte er sich höchstens kleinen Scheißdreck geleistet. Trotzdem gebührte ihm natürlich eine Mitschuld. Der schöne George in Vegas und die drei Insassen des weißen Continental - da war er dabeigewesen, und wahrscheinlich traf ihn ein Teil der Schuld. Er schätzte, daß er seinen Sturz verdient hatte und eine gewisse Zeit absitzen mußte. Nicht, daß man sich dazu freiwillig meldete, aber wenn sie einen kalt erwischten, servierten sie einem die Chose, und man schluckte sie eben. Wie er seinem Anwalt gesagt hatte, seiner Meinung nach verdiente er schätzungsweise zwanzig für seinen Anteil an der »Amokfahrt durch drei Staaten«. Aber nicht den elektrischen Stuhl. Himmel, nein. Der Gedanke, daß Lloyd Henreid einen zappelnden Abgang machte, war... war verrückt. Aber sie hatten den SCHLÜSSEL, darum ging es. Sie konnten einen einsperren und mit einem machen, was sie wollten.
Während der letzten drei Tage hatte Lloyd vage die symbolhafte magische Bedeutung des SCHLÜSSELS begriffen. Der SCHLÜSSEL war die Belohnung dafür, daß man die Regeln beachtete. Beachtete man sie nicht, wurde man eingesperrt. Es war nicht anders als bei der Gehen-Sie-in-das-Gefängnis-Karte beim Monopoly. Gehen Sie nicht über Los, ziehen Sie nicht 200 Dollar ein. Und mit dem SCHLÜSSEL waren Vorrechte verbunden. Sie konnten dir zehn Jahre deines Lebens stehlen, oder zwanzig, oder vierzig. Sie konnten Leute wie Mathers beauftragen, dich zusammenzuschlagen. Sie konnten dir sogar auf dem elektrischen Stuhl das Leben nehmen.
Aber den SCHLÜSSEL zu haben, gab ihnen nicht das Recht, wegzugehen und dich im Kittchen verhungern zu lassen. Es gab ihnen nicht das Recht, dich zu zwingen, eine tote Ratte zu essen oder zu versuchen, die trockene Füllung deiner Matratze zu verspeisen. Es gab ihnen nicht das Recht, dich in einer Lage zurückzulassen, wo du vielleicht den Mann aus der Zelle nebenan aufessen mußtest, um am Leben zu bleiben (das heißt, wenn du ihn zu packen kriegst - duu-dah, duu-dah).
Es gab gewisse Dinge, die machte man einfach nicht mit Menschen. Auch mit dem SCHLÜSSEL konnte man nur bis hierher gehen und nicht weiter. Sie hatten ihn hier zurückgelassen, damit er eines grausamen Todes starb, dabei hätten sie ihn rauslassen können. Er war kein tollwütiger Killer, der den ersten Menschen abservierte, den er sah, auch wenn die Zeitungen das behauptet hatten. Bevor er Poke kennengelernt hatte, hatte er nur kleine Sachen begangen. Deshalb haßte er, und der Haß befahl ihm zu leben... oder es wenigstens zu versuchen. Eine Zeitlang schien ihm, als wären der Haß und der Lebenswille etwas Nutzloses, weil alle, die den SCHLÜSSEL hatten, Opfer der Grippe geworden waren. An ihnen konnte er sich nicht mehr rächen. Dann, ganz allmählich, als der Hunger immer schlimmer wurde, überkam es ihn, daß die Grippe sie nicht umbringen würde. Sie würde nur Verlierer wie ihn umbringen. Sie würde Mathers umbringen, aber nicht diesen Scheißwärter, der Mathers auf ihn angesetzt hatte, denn der Wärter hatte den SCHLÜSSEL.