Sie würde den Gouverneur oder den Gefängnisdirektor nicht umbringen - der Wärter, der gesagt hatte, der Gefängnisdirektor sei krank, war offensichtlich ein dreckiger Lügner. Sie würde die Polizisten nicht umbringen, auch nicht die Sheriffs oder die FBI-Agenten. Die Grippe würde den Leuten, die den SCHLÜSSEL hatten, nichts anhaben. Aber Lloyd würde es ihnen zeigen. Wenn er hier lebend rauskam, würde er es ihnen sogar gewaltig zeigen.
Das Pritschenbein verfing sich wieder in Trasks Hosenaufschlag.
»Komm schon«, flüsterte Lloyd. »Komm. Komm rüber... schon... Camptown ladies sing this song... all du-dah day.«
Trasks Leichnam rutschte langsam, steif, über den Boden seiner Zelle. Geduldiger und geschickter als Lloyd Trask hatte noch nie ein Angler eine Makrele eingeholt. Einmal riß der Stoff von Trasks Hose, und Lloyd mußte an einer anderen Stelle einhaken. Aber schließlich war der Fuß nahe genug, daß Lloyd durch die Gitterstäbe greifen und ihn packen konnte... wenn er wollte.
»Ist nicht persönlich gemeint«, flüsterte er Trask zu. Er berührte Trasks Bein. Er streichelte es. »Ist nicht persönlich gemeint, ich werde dich nicht essen, alter Junge. Nur, wenn es sein muß.«
Er war sich nicht bewußt, daß ihm das Wasser im Mund zusammenlief.
Lloyd hörte jemanden im aschfahlen Widerschein der Dämmerung, zuerst war das Geräusch so weit entfernt und so seltsam - das Klirren von Metall auf Metall -, daß er glaubte, er würde es träumen. Wachen und Schlafen waren mittlerweile fast gleiche Zustände für ihn; er überschritt die Grenze zwischen ihnen, fast ohne es zu merken.
Aber dann kam die Stimme, und er fuhr kerzengerade von der Pritsche hoch, seine Augen glänzten riesig, weiß und unstet in dem abgemagerten Gesicht. Die Stimme drang von Gott weiß wie weit entfernt aus dem Verwaltungsflügel herunter und dann die Treppe herab durch die Flure, welche die Besuchszimmer mit dem zentralen Zellenblock verbanden, wo Lloyd war. Sie dröhnte heiter immer weiter durch die doppelt verriegelten Türen und drang schließlich an Lloyds Ohren:
»Hoooo-hoooo! Jemand da?«
Und seltsam, Lloyds erster Gedanke war: Nicht antworten. Vielleicht geht er wieder.
»Jemand da? Zum ersten, zum zweiten?... Okay, ich muß weiter, bin dabei, mir den Staub von Phoenix von den Stiefeln zu schütteln...«
Das riß Lloyd aus seiner Lethargie. Er katapultierte sich von der Pritsche, packte das Pritschenbein und schlug wie wild gegen die Gitterstäbe; die Vibrationen pflanzten sich durch das Metall fort und brachten die Knochen seiner geballten Faust zum Erzittern.
»Nein!« schrie er. »Nein! Gehen Sie nicht weg! Bitte gehen Sie nicht weg!«
Die Stimme (inzwischen näher) kam von der Treppe zwischen der Verwaltung und diesem Zellentrakt: »Wir haben dich zum Fressen gern, so lieben wir dich... und, oh, da hört sich jemand so... hungrig an.« Dem folgte ein träges Lachen.
Lloyd ließ das Pritschenbein fallen und umklammerte die Gitterstäbe der Zellentür mit beiden Händen. Jetzt konnte er die Schritte hinten im Schatten hören, sie kamen gleichmäßig den Korridor herauf, der zum Zellentrakt führte. Lloyd hätte vor Erleichterung in Tränen ausbrechen mögen, schließlich war er gerettet... aber er empfand keine Freude, sondern Angst im Herzen, ein wachsendes Grauen, das den Wunsch in ihm weckte, er wäre lieber still geblieben. Still geblieben? Großer Gott! Was konnte schlimmer sein, als zu verhungern?
Beim Stichwort »verhungern« mußte er an Trask denken. Trask lag auf dem Rücken im aschfahlen Widerschein der Dämmerung; ein Bein ragte steif in Lloyds Zelle, und an der Wadenregion (der fleischigen Region) dieses Beins hatte eine sichtbare Veränderung stattgefunden. Dort waren Spuren von Zähnen zu sehen. Lloyd wußte, wer dort abgebissen hatte, aber er konnte sich nur noch ganz vage erinnern, Filet de Trask gegessen zu haben. Dennoch war er von übermächtigen Empfindungen des Ekels, der Schuld und des Grauens erfüllt. Er hastete zu den Gitterstäben und schob Trasks Bein wieder in dessen Zelle. Dann sah er über die Schulter, vergewisserte sich, daß der Besitzer der Stimme noch nicht zu sehen war, griff hinüber und zog, das Gesicht gegen die Gitterstäbe gepreßt, Trasks Hosenbein herunter, um zu verbergen, was er getan hatte.
Natürlich bestand kein Grund zur Eile, denn die massiven Türen am Ende des Zellentrakts waren zu, und da der Strom ausgefallen war, funktionierte der automatische Türöffner nicht. Sein Retter würde zurückgehen und den SCHLÜSSEL suchen müssen. Er würde...
Lloyd grunzte, als der Elektromotor, der die Tür öffnete, surrend zum Leben erwachte. Die Stille im Zellentrakt machte das Geräusch noch lauter, nachdem das altbekannte Klick-bumm! ertönte, mit dem das Schloß aufging.
Dann kamen die Schritte stetig den Flur des HS-Trakts entlang. Nachdem er Trask aufgeräumt hatte, war Lloyd wieder zu seiner Zellentür gegangen; jetzt wich er unwillkürlich zwei Schritte zurück. Er richtete den Blick auf den Boden draußen und sah als erstes ein Paar staubige Cowboystiefel mit spitzen Zehen und abgelaufenen Absätzen, und sein erster Gedanke war: Poke hatte auch so ein Paar gehabt.
Die Stiefel blieben vor seiner Zelle stehen.
Langsam hob er den Blick, sah die verblichenen Jeans über den Stiefeln, den Ledergürtel mit der Messingschnalle (verschiedene astrologische Symbole in zwei konzentrischen Kreisen), die Jeansjacke mit einem Button auf jeder Brusttasche - ein Smiley-Gesicht auf der einen, ein totes Schwein und die Worte GESTERN SCHWEIN - HEUTE SCHINKEN auf der anderen.
In dem Augenblick, als Lloyd widerstrebend in Flaggs dunkles, gerötetes Gesicht sah, schrie Flagg »Buuuh!« Der kurze Laut schwebte durch den toten Zellenblock und kam rasch wieder zurück. Lloyd kreischte, stolperte über seine eigenen Füße, stürzte und fing an zu weinen.
»Schon gut«, beruhigte ihn Flagg. »He, Mann, schon gut. Alles in bester Ordnung.«
Lloyd schluchzte: »Können Sie mich rauslassen? Bitte, lassen Sie mich raus. Ich will nicht wie mein Kaninchen sein, so will ich nicht enden, das ist nicht fair, wenn Poke nicht gewesen wäre, hätte ich nur kleine Sachen abgezogen, bitte, lassen Sie mich raus, Mister, ich mache alles.«
»Armer Kerl. Du siehst aus wie Reklame für einen Sommerurlaub in Dachau.«
Obwohl Flaggs Stimme mitfühlend klang, wagte Lloyd nicht, höher als bis zu den Knien des Fremden zu sehen. Wenn er noch einmal in dieses Gesicht blickte, würde er sterben. Es war das Gesicht eines Teufels.
»Bitte-«, murmelte Lloyd. »Bitte, lassen Sie mich raus. Ich verhungere.«
»Wie lange sitzt du in diesem Scheißhaus, mein Freund?«
»Ich weiß nicht«, sagte Lloyd und massierte sich die Augen mit den dünnen Fingern. »Ziemlich lange.«
»Wie kommt es, daß du noch nicht tot bist?«
»Ich wußte, was kommen würde«, sagte Lloyd zu den Beinen in den Bluejeans und raffte die letzten Fetzen seiner Verschlagenheit um sich. »Ich habe etwas Verpflegung weggelegt. Deshalb.«
»Hast nicht zufällig ein Stück von dem netten jungen Mann in der Zelle nebenan gemampft, oder?«
»Was?« krächzte Lloyd. »Was? Nein! Um Himmels willen! Wofür halten Sie mich? Mister, Mister, bitte...«
»Sein linkes Bein sieht dünner aus als das rechte. Nur aus dem Grund hab' ich gefragt, guter Freund.«
»Davon weiß ich nichts«, flüsterte Lloyd. Er zitterte am ganzen Körper.
»Und was ist mit Bruder Ratte? Hat er geschmeckt?«
Lloyd schlug die Hände vors Gesicht und sagte nichts.
»Wie heißt du?«
Lloyd versuchte, es zu sagen, brachte aber nur ein Stöhnen heraus.