»Wie heißt du, Soldat?«
»Lloyd Henreid.« Er überlegte krampfhaft, was er als nächtes sagen sollte, aber sein Verstand war ein chaotisches Durcheinander. Er hatte Angst gehabt, als sein Anwalt ihm sagte, daß er vielleicht auf den elektrischen Stuhl müßte, aber nicht solche Angst. Solche Angst hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gehabt. »Alles war Pokes Idee!« schrie er. »Poke müßte hier sein, nicht ich.«
»Sieh mich an, Lloyd.«
»Nein«, flüsterte Lloyd. Er rollte wild mit den Augen.
»Warum nicht?«
»Weil...«
»Nur weiter.«
»Weil ich nicht glaube, daß Sie wirklich existieren«, flüsterte Lloyd.
»Und wenn Sie wirklich existieren... Mister, wenn Sie wirklich existieren, dann sind Sie der Teufel.«
»Sieh mich an, Lloyd.«
Hilflos richtete Lloyd den Blick auf das schwarze, grinsende Gesicht, das zwischen einer Kreuzung der Gitterstäbe hing. Die rechte Hand hielt etwas neben dem rechten Auge hoch. Als er es sah, wurde Lloyd heiß und kalt zugleich. Es sah aus wie ein schwarzer Stein, so schwarz, daß er fast harzig oder pechig wirkte. In der Mitte war eine rote Stelle, die Lloyd wie ein schreckliches blutiges und halb offenes Auge vorkam, das ihn anstarrte. Dann drehte Flagg es zwischen den Fingern hin und her. Jetzt war es das Auge, dann der Schlüssel. Er sang: »She brought me coffee... she brought me tea... she brought me... damn near everything... but the workhouse key. Nur nicht den Schlüssel, Lloyd, richtig?«
»Ja«, sagte Lloyd heiser. Er ließ den kleinen schwarzen Stein nicht aus den Augen. Flagg ließ ihn von einem Finger zum ändern wandern wie ein Zauberer, der einen Trick vorführt.
»Du bist gewiß ein Mann, der den Wert eines guten Schlüssels zu schätzen weiß«, sagte der Mann. Der schwarze Stein verschwand in seiner geballten Faust und tauchte plötzlich in der andren Hand wieder auf, wo er aufs neue von einem Finger zum andern wanderte.
»Davon bin ich überzeugt. Ein Schlüssel ist dazu da, Türen zu öffnen. Gibt es etwas Wichtigeres im Leben, als Türen zu öffnen, Lloyd?«
»Mister, ich habe schrecklichen Hunger...«
»Logisch«, sagte der Mann. Sein Gesichtsausdruck wurde besorgt, aber so übertrieben besorgt, daß es grotesk wirkte. »Mein Gott, eine Ratte ist doch nichts zu essen! Weißt du, was ich heute gegessen habe? Ein wunderbares Roastbeef-Sandwich, englisch, auf Wiener Brot, mit ein paar Zwiebeln und Guldens süßem Senf. Hört sich das gut an?«
Lloyd nickte, Tränen flössen aus seinen fiebrig glänzenden Augen.
»Dazu Pommes und eine Schokoladenmilch und als Nachtisch... herrje, ich quäle dich, was? Jemand müßte mich auspeitschen, das müßte man, ja. Tut mir leid. Ich laß dich sofort raus, und dann besorgen wir was zu essen, okay?«
Lloyd war so verblüfft, daß er nicht einmal nicken konnte. Er war zu dem Ergebnis gekommen, daß der Mann mit dem Schlüssel wirklich ein Teufel war, vielleicht sogar nur ein Trugbild, und daß das Trugbild vor seiner Zelle stehen würde, bis Lloyd tot umfiel, und dabei munter über Gott und Jesus und Guldens süßen Senf plaudern und den seltsamen Stein verschwinden und wieder zum Vorschein kommen lassen würde. Aber jetzt schien das Mitleid im Gesicht des Mannes echt zu sein, und er hörte sich an, als wäre er wirklich empört über sich selbst. Der schwarze Stein verschwand wieder in seiner geballten Faust. Und als die Faust sich wieder öffnete, sahen Lloyds erstaunte Augen einen flachen silbernen Schlüssel mit reich verziertem Griff in der Hand des Fremden.
»O - du - mein - Gott!«
»Gefällt dir das?« fragte der dunkle Mann erfreut. »Den Trick habe ich von einem Mädchen in einem Massagesalon in Secaucus, New Jersey, gelernt, Lloyd. Secaucus, Heimat der größten Schweinefarmen der Welt.«
Er beugte sich vor und steckte den Schlüssel ins Schloß von Lloyds Zelle. Und das war seltsam, denn wenn Lloyd seinem Gedächtnis trauen durfte (das im Augenblick nicht sehr gut war), hatten diese Zellen gar keine Schlüssellöcher, sondern wurden elektronisch geöffnet und geschlossen. Aber er zweifelte nicht daran, daß der Silberschlüssel funktionieren würde.
Als sich der Schlüssel schon drehte, hielt Flagg plötzlich inne, sah Lloyd mit einem listigen Grinsen an, und Verzweiflung kam wieder über Lloyd. Es war also doch nur ein Trick.
»Habe ich mich überhaupt vorgestellt? Mein Name ist Flagg, mit zwei g. Freut mich, dich kennenzulernen.«
»Ganz meinerseits«, krächzte Lloyd.
»Und ich denke, bevor ich diese Zelle öffne und wir essen gehen, sollte eines klar sein, Lloyd.«
»Natürlich«, krächzte Lloyd und fing wieder an zu weinen.
»Du sollst meine rechte Hand werden, Lloyd. Ich werde dich dem heiligen Petrus gleichstellen. Wenn ich diese Tür geöffnet habe, werde ich dir den Schlüssel zum Königreich in die Hand geben.
Tolles Geschäft, was?«
»Ja «, flüsterte Lloyd und bekam wieder Angst. Es war jetzt fast ganz dunkel. Flagg war wenig mehr als eine dunkle Gestalt, aber seine Augen waren noch deutlich zu sehen. Sie schienen in der Dunkelheit zu glühen wie die Augen eines Luchses, eins links von der Gitterstange, die im Schließkasten endete, und eins rechts davon. Lloyd empfand Entsetzen, aber gleichzeitig noch etwas anderes: eine Art religiöse Ekstase. Freude. Die Freude, auserwählt zu sein. Das Gefühl, daß er etwas erreicht hatte... etwas.
»Du möchtest gern mit den Leuten abrechnen, die dich hier eingesperrt haben, richtig?«
»Junge, und wie«, sagte Lloyd und vergaß seine Angst einen Augenblick. Sie wurde von einer ausgehungerten, zügellosen Wut aufgesogen.
»Und nicht nur mit den Leuten, sondern mit allen, die so etwas fertigbringen«, fügte Flagg hinzu. »Es ist ein bestimmter Typ Mensch, richtig? Für einen bestimmten Typ Mensch ist ein Mann wie du nur Dreck. Denn sie sind ganz oben. Für sie haben Leute wie du überhaupt kein Recht zu leben.«
»Stimmt genau«, sagte Lloyd. Sein großer Hunger hatte sich plötzlich in eine andere Art Hunger verwandelt. Er hatte sich so verwandelt, wie sich der schwarze Stein in einen silbernen Schlüssel verwandelt hatte. Dieser Mann hatte all seine vielschichtigen Empfindungen in ein paar Sätzen ausgedrückt. Er wollte nicht nur mit der Torwache abrechnen - Da ist ja unser Klugscheißer, wie geht's denn, Klugscheißer, wieder was Vorlautes zu sagen? -, weil der Torwärter nicht der war, den er suchte. Die Torwache hatte zwar den SCHLÜSSEL gehabt, richtig, aber die Torwache hatte den SCHLÜSSEL nicht gemacht. Jemand hatte ihn ihr gegeben. Der Direktor, vermutete Lloyd, aber auch der Direktor hatte den SCHLÜSSEL nicht gemacht. Lloyd wollte die Macher und Schmiede finden. Sie waren bestimmt immun gegen die Grippe, und er mußte mit ihnen abrechnen. O ja, und wie er abrechnen mußte.
»Weißt du, was in der Bibel über solche Menschen steht?« fragte Flagg leise. »Dort steht, wer sich erhöht, der soll erniedrigt werden, und Hochmut kommt vor dem Fall. Und weißt du, was über Menschen wie dich darin steht, Lloyd? Es steht geschrieben, selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Und es steht geschrieben, selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden Gott schauen.«
Lloyd nickte. Nickte und weinte. Einen Augenblick schien es, als hätte sich eine lodernde Korona um Flaggs Kopf gebildet, ein so grelles Licht, daß es Lloyds Augen zu Schlacke verbrennen würde, wenn er es zu lange ansah. Dann war es weg, als wäre es nie da gewesen, und es konnte auch nicht dagewesen sein, denn Lloyd hatte nicht einmal seine Nachtsicht verloren.
»Du bist nicht besonders hell im Kopf«, sagte Flagg, »aber du bist der erste. Und ich habe das Gefühl, du wirst sehr loyal sein. Du und ich, Lloyd, wir werden es weit bringen. Es herrschen gute Zeiten für Menschen wie uns. Alles ist für uns bereit. Ich brauche nur dein Wort.«