»W-Wort?«
»Daß wir zusammenhalten, du und ich. Keine Weigerung. Auf Posten wird nicht geschlafen. Sehr bald werden andere kommen - sie sind schon auf dem Weg nach Westen -, aber im Augenblick gibt es nur uns. Ich gebe dir den Schlüssel, wenn du mir dein Versprechen gibst.«
»Ich gebe Ihnen... mein Versprechen«, sagte Lloyd, und die Worte schienen in der Luft zu hängen und seltsam zu vibrieren. Er lauschte den Vibrationen mit geneigtem Kopf und sah die Worte fast vor sich; sie glühten so dunkel, wie sich das Nordlicht in den Augen eines Toten widerspiegelt.
Dann vergaß er die Worte, als die Zuhaltungen innerhalb des Schließkastens klickten. Im nächsten Moment fiel Flagg das Schloss vor die Füße, leichter Rauch stieg davon auf.
»Du bist frei, Lloyd. Komm raus.«
Ungläubig und zögernd berührte Lloyd die Stäbe, als könnten sie ihn verbrennen; und wirklich, sie schienen warm zu sein. Aber als er schob, glitt die Tür leicht und geräuschlos zurück. Er sah seinem Erlöser in die flammenden Augen.
Etwas wurde ihm in die Hand gedrückt. Der Schlüssel.
»Er gehört jetzt dir, Lloyd.«
»Mir?«
Flagg packte Lloyds Finger und drückte sie zu... und Lloyd spürte, wie der Schlüssel sich in seiner Hand bewegte, sich veränderte. Er stieß einen heiseren Schrei aus und machte die Hand auf. Der Schlüssel war verschwunden, er hielt den schwarzen Stein mit dem roten Fleck in der Hand. Er hielt ihn erstaunt hoch und drehte ihn so und so. Mal sah der rote Fleck wie ein Schlüssel aus, mal wie ein Schädel, dann wieder wie ein blutiges, halb geschlossenes Auge.
»Mir«, antwortete Lloyd sich selbst. Diesmal schloß er die Hand ohne Hilfe und hielt den Stein verbissen fest.
»Wollen wir uns ein Abendessen besorgen?« fragte Flagg. »Wir müssen heute nacht noch weit fahren.«
»Abendessen«, sagte Lloyd. »Okay.«
»Es gibt viel zu tun«, sagte Flagg heiter. »Und wir werden uns sehr beeilen.« Sie gingen an den toten Männern in den Zellen vorbei, gemeinsam zur Treppe. Als Lloyd vor Schwäche stolperte, ergriff Flagg seinen Arm über dem Ellenbogen und stützte ihn. Lloyd wandte sich ihm zu, und sein Blick in dieses grinsende Gesicht verriet mehr als Dankbarkeit. Er sah Flagg mit so etwas wie Liebe an.
40
Nick Andros lag unruhig schlafend auf der Pritsche in Sheriff Bakers Büro. Er war bis auf Shorts nackt, sein ganzer Körper war von einem Schweißfilm überzogen. Gestern abend, bevor ihn der Schlaf übermannt hatte, war sein letzter Gedanke gewesen, daß er am Morgen tot sein würde; der dunkle Mann, der unablässig seine Fieberträume heimgesucht hatte, würde irgendwie durch die letzte dünne Barriere des Schlafes brechen und ihn mitnehmen.
Es war seltsam. Das Auge, das Ray Booth gequetscht hatte, bis er nichts mehr sehen konnte, hatte nur zwei Tage weh getan. Am dritten Tag war das Gefühl, als wären ihm gigantische Schrauben in den Schädel gedreht worden, einem dumpf pochenden Schmerz gewichen. Wenn er jetzt durch dieses Auge sah, nahm er nur graue Schlieren wahr; graue Schlieren, in denen sich manchmal Gestalten bewegten oder zu bewegen schienen. Aber nicht die Augenverletzung brachte ihn um, sondern der Streifschuß am Bein.
Er hatte ihn nicht desinfiziert. Die Schmerzen im Auge waren so gross gewesen, daß er die Beinwunde kaum bemerkt hatte. Der Streifschuß verlief den rechten Oberschenkel entlang und hörte am Knie auf; er hatte am nächsten Tag das Loch in der Hose, wo die Kugel eingedrungen war, staunend bet rachtet. Am Tag darauf, dem 30. Juni, war die Wunde an den Rändern rot gewesen, und sämtliche Muskeln des Beins schienen weh zu tun.
Er war zur Praxis von Dr. Soames gehinkt und hatte sich eine Flasche Jod genommen. Er hatte die ganze Flasche über die etwa dreißig Zentimeter lange Wunde geschüttet. Aber er hatte eben erst gehandelt, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. An diesem Abend hatte das ganze Bein wie ein fauler Zahn gepocht, und er konnte unter der Haut die verräterischen roten Linien einer Blutvergiftung sehen, die von der Verletzung ausgingen, auf der sich gerade erst Schorf gebildet hatte.
Am 1. Juli war er wieder in der Praxis von Dr. Soames gewesen, hatte den Arzneimittelschrank durchwühlt und nach Penizillin gesucht. Er hatte welches gefunden und nach einigem Zögern beide Tabletten in der Probepackung geschluckt. Ihm war klar, daß er sterben würde, wenn sein Körper gegen das Penizillin allergisch reagierte, aber er dachte, die Alternative wäre ein noch schlimmerer Tod. Die Infektion raste, raste. Das Penizillin brachte ihn nicht um, verbesserte seinen Zustand aber auch nicht nennenswert.
Gestern nachmittag hatte er hohes Fieber gehabt; er vermutete, dass er größtenteils im Delirium gewesen war. Er hatte genug zu essen da, wollte aber nichts zu sich nehmen; er wollte nur eine Tasse destilliertes Wasser nach der anderen aus dem Spender trinken, der in Bakers Büro stand. Als er gestern abend eingeschlafen (oder bewußtlos geworden) war, war das Wasser fast verbraucht gewesen, und er hatte keine Ahnung, wo er frisches herbekommen konnte. In seinem fiebrigen Zustand war ihm das auch einerlei. Er würde bald sterben und sich keine Gedanken mehr machen müssen. Er war nicht versessen darauf zu sterben, aber die Vorstellung, keine Schmerzen oder Sorgen mehr zu haben, war sehr verlockend. Sein Bein pochte und juckte und brannte.
Sein Schlaf war ihm in den Nächten, nachdem er Ray Booth getötet hatte, gar nicht wie Schlaf vorgekommen. Seine Träume waren eine Sturzflut. Ihm schien, als würden alle, die er je gekannt hatte, auf einen Besuch zurückkommen. Rudy Sparkman, der auf das leere Blatt Papier deutete. Du bist dieses leere Blatt. Seine Mutter, die ihm geholfen hatte, Linien und Kreise auf ein anderes Blatt Papier zu kritzeln, wodurch dessen Reinheit versehrt wurde: Das heißt Nick Andros, Liebes. Das bist du. Jane Baker, die das Gesicht auf dem Kissen auf die Seite gedreht hatte und sagte: Johnny, mein armer Johnny. In seinem Traum bat Dr. Soames John Baker immer wieder, das Hemd auszuziehen, und Ray Booth sagte immer wieder: Haltet ihn fest... ich mach' ihn fertig... das Schwein hat mich geschlagen... haltet ihn fest... Anders als in in seinen sonstigen Träumen mußte Nick ihnen nicht von den Lippen lesen.
Er konnte richtig hören, was die Leute sagten. Die Träume waren unglaublich lebhaft. Sie verblaßten, wenn die Schmerzen in seinem Bein ihn ins Wachsein zurückriefen. Wenn er wieder in Schlaf versank, folgte eine neue Szene. In zwei Träumen kamen Menschen vor, die er noch nie gesehen hatte, das waren die Träume, an die er sich nach dem Aufwachen am deutlichsten erinnerte.
Er war an einem hohen Ort. Das Land erstreckte sich unter ihm wie eine Reliefkarte. Es war eine Wüste, und die Sterne über ihm besaßen die irre Klarheit hoher Luftschichten. Neben ihm war ein Mann... nein, kein Mann, sondern die Gestalt eines Mannes. Als wäre die Gestalt aus der Wirklichkeit herausgeschnitten worden und in Wirklichkeit nur noch das Negativ eines Mannes neben ihm, ein schwarzes Loch in Menschengestalt. Und die Stimme dieser Gestalt flüsterte: Alles, was du siehst, wird dir gehören, wenn du niederkniest und mich anbetest. Nick schüttelte den Kopf und wollte weg von dem gräßlichen Steilhang, weil er Angst hatte, die Gestalt könnte die schwarzen Arme ausstrecken und ihn über den Rand stoßen.
Warum sprichst du nicht? Warum schüttelst du nur den Kopf?
Im Traum machte Nick die Geste, die er im wachen Zustand schon so häufig gemacht hatte: Er legte einen Finger an die Lippen und die flache Hand an den Hals... und dann hörte er sich mit vollkommen klarer und wohlklingender Stimme sagen: »Ich kann nicht sprechen. Ich bin stumm.«
Du kannst. Wenn du willst, kannst du.
Nick streckte die Hand aus, um die Gestalt zu berühren, denn einen Augenblick war seine Angst wie weggefegt von Erstaunen und heller Freude. Aber als seine Hand sich der Schulter der Gestalt näherte, wurde sie eiskalt, so kalt, als sei sie verbrannt. Er riß sie weg, als sich an den Knöcheln Eiskristalle gebildet hatten. Da bemerkte er es. Er konnte hören. Die Stimme der dunklen Gestalt; die entfernten Schreie eines jagenden Nachtvogels; das endlose Heulen des Windes. Dieses Wunder machte ihn fast wieder taub. Hier offenbarte die Welt ihm eine Dimension, die er nie vermißt hatte, weil er sie nicht kannte, und nun stimmte alles. Er hörte Geräusche. Er wußte ohne Erklärung, was jedes einzelne Geräusch bedeutete. Sie waren schön. Schöne Geräusche. Er fuhr mit den Fingern über sein Hemd und staunte über das geschwinde Flüstern der Fingernägel auf dem Stoff.