Dann wandte sich der dunkle Mann ihm zu, und Nick hatte schreckliche Angst. Er wußte nicht, wer diese Kreatur war, aber sie ließ nicht umsonst Wunder geschehen.
... wenn du niederkniest und mich anbetest.
Und Nick schlug die Hände vors Gesicht, denn er wünschte sich alles, was die schwarze Menschengestalt ihm hoch über der Wüste gezeigt hatte: Städte, Frauen, Reichtum, Macht. Aber am meisten wollte er das wunderbare Geräusch hören, wenn seine Fingernägel über den Stoff des Hemdes glitten, das Ticken einer Uhr in einem leeren Haus nach Mitternacht, das geheimnisvolle Rauschen des Regens.
Aber er sagte nur das Wort Nein, und dann legte sich wieder die Kälte über ihn, und er wurde gestoßen, er stürzte kopfüber und schrie lautlos, während er durch die wolkenverhangenen Tiefen stürzte, hinein in den Geruch von...
...Mais?
Ja, Mais. Das war der andere Traum; sie fügten sich so nahtlos aneinander, daß man kaum eine Bruchstelle erkennen konnte. Er war im Mais, im grünen Mais, und es roch nach sommerlicher Erde, nach Kuhmist und wachsenden Pflanzen. Er stand auf, ging die Furche entlang, in der er gelandet war, und blieb einen Augenblick stehen, als er merkte, daß er den Wind hören konnte, der durch den Juli-Mais und dessen grüne, schwertähnliche Blätter strich... und noch etwas anderes.
Musik?
Ja, eine Art Musik. Und im Traum dachte er: »Das meinen sie also.«
Die Musik kam direkt von vorn, und er ging darauf zu, weil er sehen wollte, ob diese spezielle Folge schöner Geräusche von etwas kam, das »Klavier« oder »Hörn« oder »Cello« oder wie auch immer genannt wurde.
Der heiße Duft des Sommers, das blaue Himmelsrund oben, die wunderbaren Geräusche. Nie war Nick glücklicher gewesen als in diesem Traum. Als er sich der Stelle näherte, von der die Musik zu hören war, fiel eine Stimme in die Musik ein, eine alte Stimme, eine Stimme wie dunkles Leder, die die Worte undeutlich sprach, als sei das Lied ein oft aufgewärmtes Gericht, das dennoch nichts von seinem Wohlgeschmack verloren hatte. Nick ging gebannt darauf zu.
»I come to the garden alone
While the dew is still on the roses
And the voice l hear, falling on my ear
The son... of God... disclo-o-ses
And he walks with me and he talks with me
Tells me I am his own
And the joy we share as we tarry there
None other... has ever... known.«
Als der Vers zu Ende war, hatte Nick das Ende der Furche erreicht, und dort auf der Lichtung stand eine Hütte, nicht viel mehr als ein Schuppen, mit einem rostigen Abfallkübel links und einer alten Reifenschaukel rechts. Die Schaukel hing an einem knorrigen alten Apfelbaum, der aber noch wunderschön grünte. Vor dem Haus war eine Veranda, ein baufälliges altes Ding, das von alten, ölverklebten Wagenhebern gestützt wurde. Die Fenster standen offen, und der warme Sommerwind wehte die zerschlissenen weißen Gardinen hinein und hinaus. Aus dem Dach ragte in seltsamem Winkel ein spitzer, verbeulter Schornstein aus galvanisiertem Blech hervor. Um die Hütte dehnten sich nach allen Seiten, so weit das Auge reichte, Maisfelder aus, unterbrochen nur von einem Sandweg, der am flachen Horizont zu einem Punkt geschrumpft war. Und in diesem Augenblick wußte Nick, wo er war: Polk County, Nebraska, westlich von Omaha und ein Stück nördlich von Osceola. Weit hinten am Sandweg verlief die US 30, und dort lag auch Columbus am Nordufer des Platte.
Auf der Veranda sitzt die älteste Frau Amerikas, eine Schwarze mit dünnem weißen Haar - sie ist selbst dünn und trägt Hauskleid und Brille. Sie sieht so dünn aus, daß man glaubt, die Nachmittagsbrise könnte sie davonwehen, sie hoch in den Himmel wirbeln und möglicherweise bis Julesburg, Colorado, tragen. Und das Instrument, auf dem sie spielt (vielleicht hält das sie unten, auf der Erde), ist eine »Gitarre«, und Nick denkt im Traum: So klingt also eine »Gitarre«. Hübsch. Er hat das Gefühl, er könnte den ganzen Tag hier stehen bleiben und die alte Frau beobachten, die mitten zwischen den grünen Maisfeldern Nebraskas auf einer von Wagenhebern gestützten Veranda sitzt, hier, westlich von Omaha und ein Stück nördlich von Osceola in Polk County, und ihr zuhören. Ihr Gesicht hat eine Million Falten und sieht aus wie die Landkarte eines Staates, dessen Geographie noch nicht zur Ruhe gekommen ist. Flüsse und tiefe Täler in den braunen ledrigen Wangen, Gebirgsketten unter dem knochigen Kinn, erhabene, aufragende Moränen am Stirnansatz, die Höhlen der Augen.
Sie hat wieder angefangen zu singen und begleitet sich auf der alten Gitarre.
»Jee-sus, won't you kun-bah-yere
Oh Jee-sus, won't you kun-bah-yere
Jesus won't you come by here?
Cause now... is the needy time
Oh now... is the needy time
Now is the...«
Sag, Junge, willst du da Wurzeln schlagen?
Sie legt die Gitarre auf den Schoß wie ein Baby und winkt ihn zu sich. Nick kommt. Er sagt, daß er sie nur singen hören wollte, das Singen sei so schön.
Nun, Singen ist eine Narretei Gottes. Ich singe heute fast den ganzen Tag... wie kommst du mit diesem schwarzen Mann zurecht? Ich habe Angst vor ihm. Er macht mir...
Junge, du mußt auch Angst haben. Selbst vor einem Baum in der Dämmerung mußt du Angst haben, wenn du ihn nur auf die richtige Weise betrachtest. Wir sind alle sterblich. Gelobt sei Gott. Wie soll ich nein zu ihm sagen? Wie soll ich...
Wie atmest du? Wie träumst du? Niemand weiß es. Aber komm mich besuchen. Jederzeit. Man nennt mich Mutter Abagail. Ich bin die älteste Frau in dieser Gegend, glaube ich, und ich backe meine Plätzchen immer noch selbst. Du kannst mich jederzeit besuchen, Junge, und bring deine Freunde mit.
Aber wie komme ich hier raus?
Gott segne dich, Junge, niemand kommt jemals hier raus. Du mußt nur das Beste hoffen und Mutter Abagail besuchen kommen, wann immer du Lust hast. Ich denke, ich werde hier sein; ich gehe nicht mehr oft weg. Also, besuch mich. Ich werde hier... sein, ich werde hier sein...
Er wurde nach und nach wach, bis Nebraska und der Geruch von Mais und Mutter Abagails zerfurchtes Gesicht verschwunden waren. Die Wirklichkeit kam wieder, aber sie trat nicht an die Stelle der Traumwelt, sondern überdeckte sie, bis sie nicht mehr zu sehen war. Er war in Shoyo, Arkansas, sein Name war Nick Andros, er hatte noch nie gesprochen oder eine »Gitarre« gehört... aber er lebte noch.
Er richtete sich auf der Pritsche auf, stellte die Beine auf den Fußboden und betrachtete den Streifschuß. Die Schwellung war zurückgegangen. Die Schmerzen waren nur noch ein Pochen. Es heilt, dachte er mit großer Erleichterung. Ich glaube, ich werde gesund.