Larry legte den Kopf auf die Knie und machte die Augen zu. Er nahm sich vor, nicht zu weinen. Weinen haßte er fast genauso sehr wie Kotzen.
Und am Ende kniff er. Er konnte sie nicht beerdigen. Er dachte an möglichst scheußliche Dinge - an Maden und Käfer und an die Waldmurmeltiere, die ihre Leiche wittern und kommen würden, um an ihr zu knabbern; wie unfair es war, wenn ein Mensch einen anderen einfach liegen läßt wie ein Stück zerknülltes Papier oder eine weggeworfene Pepsi-Dose. Irgendwie kam es ihm auch vage illegal vor, sie zu beerdigen, aber um die Wahrheit zu sagen (und jetzt sagte er wohl doch die Wahrheit), das war nur eine billige Ausrede. Er würde es fertigbringen, nach Bennington zu gehen und in das »allzeit beliebte« Eisenwarengeschäft einzubrechen, um einen Spaten und eine Spitzhacke zu besorgen; er würde es auch fertigbringen, hierher zurückzukommen, wo es so still und schön war, um am »allzeit beliebten« Zwölf-MeilenPunkt das »allzeit beliebte«
Grab auszuheben. Aber in das Zelt zu gehen (das jetzt wahrscheinlich genauso roch wie die öffentliche Toilette an der Transverse Number One im Central Park, wo die »allzeit beliebte«
Süßigkeit bis in alle Ewigkeit sitzen würde), den Schlafsack ganz zu öffnen, die steife, schwere Leiche herauszuziehen, sie unter den Achselhöhlen zu packen und bis zur Grube zu zerren und dann Erde auf sie zu schaufeln, die auf ihre weißen Schenkel mit den dunklen Krampfadern fiel und in ihrem Haar hängenblieb...
Hm-hmm, Kumpel. Werd' ich's dann doch lieber aussitzen. Bin ich eben feige, na und. Ätsch-ätsch-ätsch.
Er ging zu der Stelle zurück, wo das Zelt aufgebaut war, und schlug die Klappe zurück. Er suchte einen langen Stock. Dann holte er einmal tief frische Luft, hielt den Atem an und fischte seine Kleidung mit dem Stock heraus. Wich damit zurück, zog sie an. Holte noch einmal tief Luft, hielt den Atem an und fischte mit dem Stock seine Stiefel heraus. Er setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm und zog auch sie an.
Der Geruch saß in seiner Kleidung.
»Scheiße«, flüsterte er.
Er sah sie halb im Schlafsack, die steife Hand, die noch die Tablettenflasche hielt, die nicht mehr da war. Ihre halbgeöffneten Augen schienen ihn vorwurfsvoll anzusehen. Er mußte wieder an den Tunnel und seine Vision von dem wandelnden Toten denken. Er nahm rasch den Stock und machte die Zeltklappe zu. Aber er hatte immer noch ihren Geruch an sich.
Also machte er doch noch Halt in Bennington, zog in Bennington's Men Shop seine alte Kleidung aus und holte sich neue, dreimal Sachen zum Wechseln, vier Paar Socken und Shorts. Er fand sogar ein neues Paar Stiefel. Als er sich im dreiteiligen Spiegel betrachtete, sah er hinter sich den leeren Laden und draußen die Harley, die aufdringlich am Bordstein lehnte.
»Scharfe Sachen«, murmelte er. »Geil, geil.« Aber es war niemand da, der seinen Geschmack bewundern konnte.
Er verließ den Laden und ließ die Harley an. Er sollte eigentlich beim Eisenwarengeschäft anhalten, dachte er, und nachsehen, ob sie ein Zelt und einen neuen Schlafsack hatten, aber er wollte nur fort von Bennington. Er würde anderswo anhalten.
Er blickte zu der Stelle zurück, wo das Land sanft anstieg, und sah, während er mit der Harley aus dem Ort fuhr, den Zwölf-Meilen-Punkt, aber nicht, wo sie das Zelt aufgeschlagen hatten. Das war auch am besten so, es war...
Larry sah wieder auf die Straße, und Entsetzen schoß ihm den Hals hinunter. Ein International-Harvester-Kleintransporter mit Pferdeanhänger hatte einem Auto ausweichen wollen, dabei war der Pferdeanhänger umgestürzt. Er hatte nicht aufgepaßt, und jetzt fuhr er mit der Harley direkt darauf zu.
Er riß die Maschine nach rechts, sein neuer Stiefel schleifte über die Straße, und er hatte es fast geschafft, aber die linke Fußraste verhakte sich an der hinteren Stoßstange des Hängers und riß das Motorrad unter ihm weg. Larry landete mit einem Aufprall, der jeden Knochen erschütterte, auf der Standspur. Die Harley tuckerte noch eine Weile und ging dann aus.
»Alles in Ordnung?« fragte er laut. Gott sei Dank war er nur etwa zwanzig gefahren. Gott sei Dank war Rita nicht bei ihm, sie wäre vor Hysterie wieder ausgerastet. Allerdings hätte er auch nicht dort hoch gesehen, wenn Rita bei ihm gewesen wäre, er hätte ADWG - »auf den Weg geachtet«, für die Abkürzungsfetischisten unter euch.
»Alles in Ordnung«, beantwortete er seine Frage, war aber nicht ganz sicher. Er richtete sich auf. Die Stille wurde ihm wieder bewußt; es war so still, daß man verrückt werden konnte, wenn man darüber nachdachte. Selbst Ritas Geschrei wäre in diesem Augenblick eine Wohltat gewesen. Plötzlich schienen überall Sterne hell aufzublitzen, und er glaubte voll Entsetzen, daß er das Bewußtsein verlieren würde.
Er dachte: Ich bin verletzt. In einer Minute, wenn der Schock abgeklungen ist, werde ich es spüren. Ich habe schlimme Schnittwunden, oder so, und wer soll mir einen Druckverband anlegen?
Aber als der Schwächeanfall vorbei war, sah er an sich hinab und stellte fest, daß ihm doch nichts weiter passiert war. Er hatte sich beide Hände aufgerissen, und seine neue Hose war am rechten Knie zerfetzt - auch das Knie war aufgeschlagen -, aber es waren alles nur Kratzer, und was war schon dabei, verdammt, jeder schmeißt mal sein Motorrad hin, irgendwann passiert das jedem. Aber er wußte genau, was los war. Er hätte mit dem Kopf unglücklich aufschlagen und sich den Schädel brechen können, und dann hätte er hier in der heißen Sonne gelegen, bis er gestorben wäre. Oder er hätte an seiner eigenen Kotze ersticken können, wie eine gewisse, inzwischen leider verschiedene Freundin von ihm.
Er ging zitternd zur Harley hinüber und richtete sie auf. Sie schien nicht weiter beschädigt zu sein, sah aber jetzt anders aus. Vorher war sie nur eine Maschine gewesen, eine sehr schöne Maschine, die den doppelten Zweck erfüllte, daß sie ihn beförderte und er sich gleichzeitig wie James Dean oder wie Jack Nicholson in Hell's Angels on Wheels fühlen konnte. Aber jetzt schien das Chrom ihn anzugrinsen wie ein Jahrmarktsschreier, der ihn aufzufordern schien, doch raufzukommen und zu zeigen, ob er Manns genug war, das Monster mit den zwei Rädern zu reiten.
Beim dritten Versuch sprang sie an, und er fuhr im Schrittempo aus Bennington hinaus. Er trug Ringe aus kaltem Schweiß an den Armen, und nie in seinem ganzen Leben hatte er sich so sehnlich wie in diesem Augenblick gewünscht, ein menschliches Gesicht zu sehen.
Aber an diesem Tag sah er keins mehr.
Am Nachmittag fuhr er etwas schneller, brachte es aber nicht über sich, das Gas weiter aufzudrehen, sobald die Tachonadel bei zwanzig Meilen stand, nicht einmal, wenn er sehen konnte, daß die Straße vor ihm frei war. Am Stadtrand von Wilmington fand er ein Sport- und Motorradgeschäft, hielt an und holte sich dicke Handschuhe und einen Helm, aber nicht einmal damit fuhr er schneller als fünfundzwanzig. An unübersichtlichen Kurven bremste er so stark ab, daß er die große Maschine praktisch schob. Er sah förmlich vor Augen, wie er bewußtlos am Straßenrand lag und verblutete.
Um fünf Uhr näherte er sich Brattleboro, und die Temperaturanzeige der Harley leuchtete rot auf. Larry hielt an und würgte sie mit gemischten Gefühlen von Erleichterung und Verdrossenheit ab.
»Hättest auch schieben können«, sagte er. »Sie ist für sechzig Stundenmeilen gedacht, Dummkopf!«
Er ließ sie stehen und ging zu Fuß in die Stadt, ohne zu wissen, ob er sie wieder holen würde.
In dieser Nacht schlief er unter dem Dach des Musikpavillons im öffentlichen Stadtpark von Brattleboro. Er legte sich hin, sobald es dunkel geworden war, und schlief fast auf der Stelle ein. Einige Zeit später weckte ihn ein Geräusch, und er schrak hoch. Er sah auf die Uhr. Die dünnen Radiumlinien auf dem Zifferblatt zeigten 11:20 Uhr. Er stützte sich auf einen Ellbogen und sah in die Dunkelheit, spürte den riesigen Musikpavillon ringsum und vermißte das kleine Zelt, das seine Körperwärme festgehalten hatte. Warm wie in einem hübschen kleinen Mutterleib aus Segeltuch.