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Er richtete sich ein wenig auf, als die Motorräder endlich um die Kurve gerauscht kamen, und sah, daß es zwei 250er Hondas waren, die von einem etwa achtzehnjährigen Jungen und einem hübschen Mädchen gefahren wurden, das wahrscheinlich etwas älter als der Junge war. Das Mädchen trug eine gelbe Bluse und hellblaue Levi's. Sie sahen ihn auf dem Stein sitzen, beide Hondas schlingerten ein wenig, als die Überraschung der Fahrer die Oberhand gewann. Der Junge klappte den Mund auf. Einen Augenblick war nicht sicher, ob sie anhalten oder einfach weiter nach Westen brausen würden. Stu hob eine Hand und rief mit freundlicher Stimme: »Hi!« Sein Herz schlug heftig in der Brust. Er wollte, daß sie anhielten. Sie hielten. Einen Moment wunderte er sich über die angespannte Haltung der beiden. Besonders der Junge sah aus, als wäre literweise Adrenalin in seinen Blutkreislauf geschüttet worden. Stu hatte natürlich sein Gewehr, aber er hielt es nicht in der Hand, und die beiden waren ebenfalls bewaffnet; er trug eine Pistole, und sie hatte eine kleine Jagdflinte umgehängt, wie eine Schauspielerin, die nicht sehr überzeugend Patty Hearst darzustellen versuchte.

»Ich glaube, es ist in Ordnung, Harold«, sagte das Mädchen, aber der Junge, den sie mit Harold angeredet hatte, blieb auf dem Motorrad sitzen und betrachtete Stu mit einer Mischung aus Überraschung und Feindseligkeit.

»Ich sagte, ich glaube...« fing sie wieder an.

»Woher wollen wir das wissen?« fauchte Harold, der sie nicht aus den Augen ließ.

»Nun, ich freue mich, Sie zu sehen, wenn Ihnen das hilft«, sagte Stu.

»Und wenn ich Ihnen das nicht glaube?« forderte Harold ihn heraus, und Stu sah, daß er grün vor Angst war. Angst vor ihm und seiner Verantwortung für das Mädchen.

»Dann weiß ich auch nicht.« Stu kletterte von seinem Stein hinunter. Harolds Hand fuhr zum Griff seiner Pistole.

»Harold, laß das«, sagte das Mädchen. Dann schwieg sie, und eine Weile schienen sie alle nicht recht zu wissen, wie es weitergehen sollte - eine Anordnung von drei Punkten, die, wenn man sie miteinander verband, ein Dreieck bilden würden, dessen genaue Form noch nicht abzusehen war.

»Ooooh«, sagte Frannie, als sie sich am Straßenrand auf ein moosbewachsenes Fleckchen unter einer Ulme niederließ. »Die Schwielen am Hintern werde ich nie wieder los, Harold.«

Harold grunzte mürrisch.

Sie wandte sich an Stu. »Sind Sie schon einmal hundertsiebzig Meilen auf einer Honda gefahren, Mr. Redman? Nicht zu empfehlen.«

Stu lächelte. »Wohin fahren Sie?«

»Was geht Sie das an?« fragte Harold grob.

»Und was ist das für ein Benehmen?« fragte Frannie ihn. »Mr. Redman ist der erste Mensch, den wir gesehen haben, seit Gus Dinsmore gestorben ist. Ich meine, wir sind doch aufgebrochen, um Menschen zu finden!«

»Er paßt eben auf Sie auf«, sagte Stu ruhig. Er pflückte einen Grashalm und nahm ihn in den Mund.

»Ganz recht, so ist es«, sagte Harold, der keineswegs besänftigt war.

»Ich dachte, jeder paßt auf den anderen auf«, sagte sie, und Harold wurde dunkelrot.

Stu dachte: Geben Sie mir drei Menschen, und sie werden eine Gesellschaft bilden. Aber waren diese beiden die Richtigen für ihn? Das Mädchen gefiel ihm, aber der Junge kam ihm wie ein feiger Wichtigtuer vor. Und unter den richtigen - oder falschen - Umständen konnte ein feiger Wichtigtuer ein sehr gefährlicher Mann sein.

»Wie du meinst«, sagte Harold. Er sah Stu drohend an und holte eine Packung Marlboro aus der Brusttasche. Er rauchte wie jemand, der es sich erst kürzlich angewöhnt hatte. Zum Beispiel vorgestern.

»Wir fahren nach Stovington, Vermont«, sagte Frannie. »Zum Seuchenzentrum. Wir - was ist denn los, Mr. Redman?« Er war plötzlich blaß geworden, und der Grashalm, an dem er gekaut hatte, fiel ihm aus dem Mund.

»Warum dorthin?« fragte Stu.

»Weil es dort eine Abteilung gibt, wo ansteckende Krankheiten studiert werden«, sagte Harold von oben herab. »Ich habe mir gedacht, wenn es überhaupt noch eine Ordnung in diesem Land gibt und wenn es noch verantwortliche Leute gibt, die dieser jüngsten Geißel entgangen sind, dann werden sie wahrscheinlich in Stovington oder Atlanta sein, wo es ein ähnliches Institut gibt.«

»Das stimmt«, sagte Frannie.

Stu sagte: »Sie verschwenden Ihre Zeit.«

Frannie sah ihn verblüfft an. Harold war empört; die Röte stieg ihm wieder aus dem Kragen. »Ich glaube kaum, daß Sie das beurteilen können, guter Mann.«

»Ich glaube doch. Ich komme von dort.«

Jetzt waren sie beide verblüfft. Verblüfft und erstaunt.

»Sie kennen es?« fragte Frannie fassungslos. »Sie haben sich da umgesehen?«

»Nein, ganz so war es nicht. Es...«

»Sie sind ein Lügner!« Harolds Stimme war hoch und schrill geworden.

Fran sah ein gefährliches Aufblitzen kalter Wut in Redmans Augen, dann waren sie wieder braun und freundlich. »Nein. Bin ich nicht.«

»Das sind Sie doch!«

»Halt den Mund, Harold!«

Harold sah sie gekränkt an. »Aber Frannie, wie kannst du nur glauben...«

»Und wie kannst du so unhöflich und feindselig sein?« fragte sie aufbrausend. »Willst du dir nicht wenigstens anhören, was er zu sagen hat, Harold?«

»Ich traue ihm nicht.«

Recht und billig, dachte Stu, damit sind wir quitt.

»Wie kannst du einem Menschen nicht trauen, dem du eben erst begegnet bist? Wirklich, Harold, du bist ekelhaft.«

»Ich will Ihnen erzählen, warum ich das weiß«, sagte Stu gelassen. Er gab ihnen eine Kurzfassung der Geschichte, die damit anfing, dass Campion Haps Zapfsäulen umgemäht hatte. Er schilderte seine Flucht aus Stovington vor einer Woche. Harold betrachtete mißmutig seine Hände. Er hatte ein wenig Moos ausgerissen, das er jetzt zerkrümelte. Aber das Gesicht des Mädchens zeigte grenzenlose Enttäuschung, und sie tat Stu leid. Sie war mit diesem Jungen zusammen losgefahren (der, das mußte man ihm lassen, eine gute Idee gehabt hatte) und hatte verzweifelt gehofft, irgendwo noch etwas vom alten Lauf der Dinge vorzufinden. Nun war sie enttäuscht. Bitter enttäuscht, wie man ihr deutlich ansah.

»Atlanta auch? Die Seuche hat beide Zentren erwischt?« fragte sie.

»Ja«, sagte Stu, und sie brach in Tränen aus.

Er hätte sie gern getröstet, aber das hätte der Junge nicht geduldet. Harold sah verstört zu Fran und betrachtete dann das Moos an seinen Ärmeln. Stu gab ihr sein Taschentuch. Sie dankte ihm zerstreut, ohne ihn anzusehen. Harold starrte Stu wieder wütend an, die Blicke eines trotzigen kleinen Jungen, der die ganze Plätzchendose für sich allein haben will. Wird der überrascht sein, dachte Stu, wenn er feststellt, daß ein Mädchen keine Plätzchendose ist.

Als ihr Weinen zu Schniefen geworden war, sagte sie: »Ich glaube, Harold und ich müssen uns bei Ihnen bedanken. Auf jeden Fall haben Sie uns eine lange Fahrt erspart, an deren Ende eine Enttäuschung gewartet hätte.«

»Soll das heißen, daß du ihm glaubst? Einfach so? Er erzählt dir eine irre Geschichte, und du... du kaufst sie ihm einfach ab?«

»Harold, warum sollte er lügen. Was hätte er davon?«

»Weißt du, was er im Sinn hat?« fragte Harold brutal. »Vielleicht Mord. Oder Vergewaltigung.«

»Ich selber halte nichts von Vergewaltigung«, sagte Stu freundlich.

»Davon verstehen Sie vielleicht mehr als ich.«

»Schluß jetzt!« sagte Fran. »Harold, würdest du bitte versuchen, nicht so abscheulich zu sein?«

»Abscheulich?« brüllte Harold. »Ich versuche, auf dich aufzupassen - auf uns -, und das soll abscheulich sein?«