»Sehen Sie mal«, sagte Stu und schob den Ärmel hoch. In seiner Armbeuge waren mehrere heilende Einstiche und die letzten Reste eines blauen Flecks zu sehen. »Sie haben mir alles mögliche injiziert.«
»Vielleicht sind Sie ein Junkie«, sagte Harold.
Wortlos krempelte Stu den Ärmel wieder herunter. Es ging natürlich um das Mädchen. Er hatte ihr gegenüber eine Art Besitzdenken entwickelt. Nun, einige Mädchen konnte man besitzen, andere nicht. Dieses Mädchen schien zur letzteren Sorte zu gehören. Sie war gross und hübsch und wirkte sehr frisch. Ihr dunkles Haar und die dunklen Augen unterstrichen einen Ausdruck, den man für Hilflosigkeit hätte halten können. Man übersah nur allzu leicht die Linie zwischen ihren Augenbrauen (die Ich-will-Linie, hatte Stus Mutter sie genannt), die so deutlich hervortrat, wenn sie sich aufregte, ihre geschickten Handbewegungen und selbst die Art, wie sie das Haar aus der Stirn zurückwarf.
»Und was machen wir jetzt?« fragte sie und ging gar nicht auf Harolds letzten Beitrag zur Diskussion ein.
»Auf jeden Fall weiterfahren«, sagte Harold, und als sie ihn mit dieser steilen Falte zwischen den Brauen ansah, fügte er hastig hinzu: »Irgendwohin müssen wir ja fahren. Wahrscheinlich sagt er die Wahrheit, aber das könnten wir prüfen.Und dann überlegen wir uns, was wir tun wollen.«
Fran sah Stu mit einem >Ich-will-Ihre-Gefühle-nicht-verletzen-aber<Gesichtsausdruck an. Stu zuckte die Achseln.
»Okay?« drängte Harold.
»Es kommt wohl nicht mehr drauf an«, sagte Frannie. Sie pflückte einen ausgeblühten Löwenzahnstengel und pustete, so daß die Samen wegflogen.
»Sie haben überhaupt keinen Menschen gesehen, von wo Sie gekommen sind?« fragte Stu.
»Einen Hund, der wohlauf zu sein schien. Keine Menschen.«
»Einen Hund habe ich auch gesehen.« Er erzählte ihnen von Bateman und Kojak. Als er damit fertig war, sagte er: »Ich wollte zur Küste, aber wenn Sie mir sagen, daß es dort keine Menschen gibt, nimmt mir das ziemlich den Wind aus den Segeln.«
»Tut mir leid«, sagte Harold, aber es hörte sich ganz wie das Gegenteil an. Er stand auf. »Bist du soweit, Fran?«
Sie sah Stu an, zögerte und stand ebenfalls auf. »Vielen Dank, dass Sie uns gesagt haben, was Sie wissen, Mr. Redman, auch wenn die Auskunft alles andere als gut war.«
»Einen Augenblick«, sagte Stu und stand auch auf. Er zögerte und fragte sich noch einmal, ob sie die Richtigen waren. Das Mädchen schien in Ordnung zu sein, aber der Junge war erst siebzehn und litt an einem schlimmen Fall Menschenhaß. Aber gab es noch so viele Menschen, daß man wählerisch sein konnte? Das bezweifelte Stu.
»Ich glaube, wir suchen alle andere Menschen«, sagte er. »Ich würde mich euch gern anschließen, wenn es euch recht ist.«
»Nein«, sagte Harold sofort.
Fran sah besorgt von Harold zu Stu. »Vielleicht sollten wir...«
»Vergiß es, ich sage nein.«
»Habe ich kein Stimmrecht?«
»Was ist denn los mit dir? Siehst du nicht, daß er nur eins will? Mein Gott!«
»Drei sind besser als zwei, wenn es Schwierigkeiten gibt«, sagte Stu, »und ich weiß, sie sind besser als einer.«
»Nein«, wiederholte Harold. Er legte die Hand auf den Griff der Pistole.
»Ja«, sagte Fran. »Sie sind uns willkommen, Mr. Redman.«
Harold drehte sich mit beleidigtem und wütendem Gesicht zu ihr um. Stu verkrampfte sich einen Moment, weil er dachte, Harold würde sie schlagen, aber dann entspannte er sich wieder. »So sieht das also aus, ja? Du hast nur auf die passende Gelegenheit gewartet, mich loszuwerden, ich verstehe.« Er war so wütend, daß ihm Tränen in die Augen traten, was ihn noch wütender machte. »Wenn du es so haben willst, okay. Geh mit ihm. Ich bin mit dir fertig.« Er stapfte zu der Stelle, wo die Hondas standen.
Frannie sah Stu flehentlich an, dann drehte sie sich zu Harold um.
»Einen Augenblick«, sagte Stu. »Bitte, bleiben Sie hier.«
»Tun Sie ihm nicht weh«, sagte Fran. »Bitte.«
Stu ging zu Harold, der schon auf seiner Honda saß und versuchte, die Maschine zu starten. In seiner Wut hatte er das Gas ganz aufgedreht, und es war gut für ihn, daß der Motor absoff. Wenn der Motor mit so viel Gas angesprungen wäre, hätte die Maschine sich aufgebäumt wie ein Einrad, hätte Harold an den nächsten Baum geschleudert und wäre auf ihn gestürzt.
»Bleiben Sie weg!« schrie Harold ihn wütend an, und seine Hand fiel wieder auf den Griff der Pistole. Stu legte seine Hand auf Harolds Hand und hielt mit der anderen seinen Arm fest. Harold riß die Augen weit auf, und Stu hatte das Gefühl, daß er jeden Augenblick durchdrehen könnte. Er war nicht nur eifersüchtig, das wäre eine allzu große Vereinfachung gewesen. Es ging um seine persönliche Würde und um seine Rolle als Beschützer des Mädchens. Gott weiß, was für ein Arschloch er vorher gewesen sein mochte, mit seinem fetten Wanst, den spitzen Stiefeln und der gespreizten Redeweise. Aber unter dem neuen äußeren Bild blieb die Überzeugung, daß er immer noch ein Arschloch war und es ewig bleiben würde. Darunter lag die Überzeugung, daß es so etwas wie einen Neuanfang nicht gab. Er hätte Bateman gegenüber genauso reagiert oder gegenüber einem zwölfjährigen Jungen. In jeder Dreieckssituation würde er sich als den Geringsten einschätzen.
»Harold«, sagte Stu fast in Harolds Ohr.
»Lassen Sie mich los.« Sein schwerer Körper wirkte leicht vor Anspannung; er summte wie ein Stromkabel.
»Harold, schläfst du mit ihr?«
Durch Harolds Körper ging ein Ruck, und Stu wußte, daß es nicht der Fall war.
»Das geht Sie nichts an!«
»Nein. Aber wir müssen darüber reden, damit wir wissen, wo wir stehen. Sie gehört nicht mir, Harold. Sie gehört sich selbst. Und ich will sie dir nicht wegnehmen. Es tut mir leid, daß ich so offen reden muß, aber das läßt sich nicht vermeiden. Jetzt sind wir zwei und einer, und wenn du wegfährst, sind wir wieder zwei und einer. Und haben nichts gewonnen.«
Harold sagte nichts, aber er zitterte nicht mehr.
»Ich will so offen sein wie nötig«, fuhr Stu fort, sprach immer noch dicht an Harolds Ohr (in dem braunes Ohrenschmalz klebte) und machte sich die Mühe, sehr, sehr ruhig zu sprechen. »Du und ich wissen beide, daß es ein Mann nicht nötig hat, eine Frau zu vergewaltigen. Nicht, wenn er weiß, was er mit seinen Händen anfangen kann.«
»Das ist...« Harold leckte sich die Lippen und sah zum Straßenrand, wo Frannie mit unter den Brüsten verschränkten Armen stand und sie besorgt beobachtete. »Das ist ziemlich ekelhaft.«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht, aber wenn ein Mann mit einer Frau zusammen ist, die ihn nicht im Bett haben will, dann hat er die Wahl. Ich wähle jedesmal die Hand. Du wahrscheinlich auch, denn sie bleibt ja freiwillig bei dir. Ich will nur offen mit dir reden, unter uns. Ich will dich nicht rausdrängen wie ein Abschläger beim Volkstanz.«
Harold nahm die Hand von der Pistole und sah Stu an. »Ist das Ihr Ernst? Ich... versprechen Sie mir, nichts zu sagen?«
Stu nickte.
»Ich liebe sie«, sagte Harold heiser. »Sie liebt mich nicht, das weiss ich, aber ich rede offen, wie Sie sagten.«
»Das ist auch das beste. Ich will mich nicht einmischen. Ich will nur mitkommen.«
Harold sagte zwanghaft: »Versprochen?«
»Versprochen.«
»Okay.«
Er stieg langsam von der Honda. Er und Stu gingen zu Fran.
»Er kann mitkommen«, sagte Harold. »Und ich...« Er sah Stu an und sagte, um Haltung bemüht: »Entschuldigen Sie, daß ich mich so blöd benommen habe.«
»Hurra«, sagte Frannie und klatschte in die Hände. »Das wäre also geregelt, und wohin fahren wir?«
Schließlich einigten sie sich darauf, in die Richtung zu fahren, für die Fran und Harold sich entschieden hatten, nach Westen. Stu sagte, daß Bateman sie gern bei sich übernachten lassen würde, wenn sie bei Einbruch der Dunkelheit Woodville erreichten - vielleicht würde er sogar bereit sein, am nächsten Morgen mit ihnen weiterzufahren (worauf Harold wieder finster dreinblickte). Stu fuhr Frans Honda, sie saß bei Harold auf dem Rücksitz. In Twin Mountain hielten sie an, um etwas zu essen, und begannen den vorsichtigen, mühsamen Prozeß, sich kennenzulernen. Stu fand ihren Dialekt komisch, sie dehnten das A und ließen manchmal das R aus. Vielleicht fanden sie seinen Dialekt genauso komisch, wenn nicht noch komischer. Sie aßen in einer verlassenen Imbißstube, und Stu mußte immer wieder Frans Gesicht betrachten - ihre lebhaften Augen, das schmale, energische Kinn, die Linie zwischen den Augen, an der man ihre Stimmungslage ablesen konnte. Ihm gefiel ihre Art, sich zu bewegen und zu reden; ihm gefiel auch, wie ihr Haar von den Schläfen nach hinten fiel. Und allmählich erkannte er, daß er sie doch begehrte.