BUCH II
AN DER GRENZE
5. Juli - 6. September 1990
We come on the ship they call the Mayflower
We come on the ship that sailed the moon
We come in the age's most uncertain hour and sing an American tune
But it's all right, it's all right
You can't be forever blessed...
Paul Simon
Lookin hard for a drive-in
Searching for a parking space
Where hamburgers sizzle on an open grille night and day
Yes! Juke-box is jumpin with records back in the U. S. A.
Well I'm so glad I'm living in the U. S. A.
Anything you want we got it right here in the U. S. A.
Chuck Berry
43
Mitten auf der Main Street in May, Oklahoma, lag ein Toter. Nick war nicht überrascht. Er hatte viele Tote gesehen, seit er Shoyo verlassen hatte, aber er vermutete, daß er nicht einmal ein Tausendstel der Leichen gesehen hatte, an denen er vorbeigekommen war. Stellenweise war der Geruch des Todes so schwer und dicht, daß er einem das Bewußtsein zu rauben drohte. Ein Toter mehr oder weniger spielte da keine Rolle. Aber als der Tote sich aufrichtete, explodierte ein solches Entsetzen in Nick, daß er wieder die Kontrolle über das Fahrrad verlor. Es schwankte, wackelte, dann kippte es um, und Nick stürzte heftig auf das Pflaster der Oklahoma Route 3. Er zerkratzte sich die Hände und schürfte sich die Stirn auf.
»Du lieber Himmel, Mister, Sie sind ja ganz schön hingefallen«, sagte der Tote und kam in einem Tempo zu Nick herüber, das man bestenfalls als hilflos eifriges Taumeln bezeichnen konnte. »Stimmt doch, oder? Meine Güte!«
Nick bekam nichts davon mit. Er blickte auf den Asphalt zwischen seinen Händen, auf jene Stelle, auf die das Blut von seiner aufgeschürften Stirn tropfte, und fragte sich, wie schlimm er verletzt war. Als ihn eine Hand an der Schulter berührte, fiel ihm der Tote wieder ein, und er krabbelte auf Handflächen und Schuhsohlen davon; das Auge, das nicht von einer Klappe bedeckt wurde, war vor Entsetzen weit aufgerissen.
»Nur keine Bange«, sagte der Tote, und Nick sah, daß es überhaupt kein Toter war, sondern ein junger Mann, der ihn strahlend ansah. Er hatte eine Flasche Whiskey in einer Hand, und jetzt begriff Nick. Kein Toter, sondern ein Mann, der sich betrunken hatte und mitten auf der Straße umgekippt war.
Nick nickte ihm zu und machte mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis. In diesem Moment rann ihm ein Tropfen Blut in das Auge, das Ray Booth bearbeitet hatte, und es tat weh. Er hob die Augenklappe und strich mit dem Unterarm darüber. Heute war auf dieser Seite wieder eine leichte Besserung eingetreten, aber wenn er das gesunde Auge schloß, verwandelte sich die Welt um ihn herum noch immer in bunte, verschwommene Schlieren. Er brachte die Augenklappe wieder an, ging langsam zum Straßenrand und setzte sich neben einen Plymouth mit einem Nummernschild aus Kansas; der Wagen war fast schon bis auf die Felgen abgesenkt. Nick konnte das verzerrte Spiegelbild der Stirnverletzung auf der Stoßstange des Plymouth sehen. Die Kratzer und Schnitte sahen häßlich aus, waren aber nicht tief. Er würde die hiesige Apotheke suchen, die Wunde desinfizieren und ein Pflaster draufkleben. Er müßte eigentlich, dachte er, noch genügend Penicillin in sich haben, daß sein Körper mit praktisch allen Erregern fertigwerden konnte, aber die Erfahrung mit dem Streifschuß am Bein hatte ihm höllische Angst vor Infektionen eingejagt. Er zupfte mit verzerrtem Gesicht Gesteinssplitter aus den Handflächen.
Der Mann mit der Whiskeyflasche hatte das alles ausdruckslos beobachtet. Hätte Nick den Kopf gehoben, wäre ihm das gleich seltsam vorgekommen. Schon als er sich abgewandt hatte, um seine Wunde in der Stoßstange zu betrachten, war alles Leben aus dem Gesicht des Mannes gewichen. Es wurde leer und stumpf und völlig nichtssagend. Der Mann trug eine verblichene, aber saubere Latzhose und schwere Arbeitsschuhe. Er war ungefähr einsfünfundsiebzig groß und hatte so hellblondes Haar, daß es fast weiß wirkte. Seine Augen waren von einem hellen, klaren Blau, und wegen des strohigen Haares war seine schwedische oder norwegische Herkunft unverkennbar. Er sah nicht älter als dreiundzwanzig aus, aber später stellte Nick fest, daß er Mitte Vierzig sein mußte oder nahe dran, denn er konnte sich noch an das Ende des Koreakriegs erinnern und wie sein Daddy einen Monat später in Uniform nach Hause gekommen war. Unmöglich, daß er das alles erfunden haben konnte. Phantasie war nicht Tom Cullens starke Seite.
Er stand da, mit leerem Gesicht, wie ein Roboter, dem man den Stecker rausgezogen hat. Dann kam ganz allmählich wieder Leben in sein Gesicht. Er blinzelte mit whiskey-roten Augen. Er lächelte. Er wußte wieder, was die Situation erforderte.
»Du lieber Himmel, Mister, Sie sind ja ganz schön hingefallen. Stimmt doch, oder? Meine Güte!« Er blinzelte, als er das viele Blut auf Nicks Stirn sah.
Nick hatte einen Notizblock und einen Bic in der Hemdtasche; sie waren beim Sturz nicht herausgefallen. Er schrieb: »Sie haben mich erschreckt. Ich hielt Sie für tot, bis Sie aufgestanden sind. Mir ist nichts passiert. Gibt es hier einen Drugstore?«
Er zeigte dem Mann in der Latzhose den Block. Der Mann nahm ihn. Betrachtete das Geschriebene. Gab den Zettel zurück. Er sagte lächelnd: »Ich bin Tom Cullen. Aber ich kann nicht lesen. Ich bin nur bis zur dritten Klasse gekommen, aber da war ich sechzehn, und mein Daddy hat mich rausgenommen. Er sagte, ich wäre zu groß.«
Geistig zurückgeblieben, dachte Nick. Ich kann nicht sprechen, und er kann nicht lesen. Einen Augenblick war er völlig ratlos.
»Du lieber Himmel, Mister, Sie sind ja ganz schön hingefallen!« rief Tom Cullen. Irgendwie war es für beide so, als hätte er es jetzt zum ersten Mal gesagt. »Stimmt doch, oder? Meine Güte!«
Nick nickte. Steckte Block und Kugelschreiber wieder ein. Legte eine Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf. Hielt die Hände auf die Ohren und schüttelte den Kopf. Hob die linke Hand an den Hals und schüttelte den Kopf.
Cullen grinste verwirrt. »Zahnschmerzen? Hatte ich auch mal. Tat böse weh. Stimmt doch, oder? Meine Güte!«
Nick schüttelte den Kopf und wiederholte seine Pantomime. Diesmal tippte Cullen auf Ohrenschmerzen. Nick winkte resigniert ab und ging zu seinem Fahrrad. An manchen Stellen war Farbe abgeschürft, aber sonst schien es unbeschädigt zu sein. Er stieg auf und fuhr ein Stück die Straße entlang.
Ja, es war in Ordnung. Cullen lief neben ihm her und lächelte glücklich. Er ließ Nick nicht aus den Augen. Er hatte seit fast einer Woche niemanden mehr gesehen.