»Haben Sie keine Lust zu sprechen?« fragte er, aber Nick drehte sich nicht um, schien ihn nicht gehört zu haben. Tom zupfte ihn am Ärmel und wiederholte seine Frage.
Der Mann auf dem Fahrrad hielt wieder die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf. Tom runzelte die Stirn. Jetzt war der Mann abgestiegen, hatte sein Rad auf den Klappständer gestellt und betrachtete die Schaufenster. Er schien gefunden zu haben, was er suchte, denn er trat auf den Bürgersteig und dann zu Mr. Nortons Drugstore. Pech, wenn er da reinwollte, denn die Drogerie war zu. Mr. Norton hatte die Stadt verlassen. Fast alle hatten Häuser und Geschäfte zugemacht und die Stadt verlassen, wie es schien, außer Mom und ihrer Freundin Mrs. Blakely, aber die waren beide tot. Jetzt versuchte der nichtsprechende Mann, die Tür aufzumachen. Tom hätte ihm sagen können, daß das zwecklos war, obwohl ein GEÖFFNET-Schild an der Tür hing. Das GEÖFFNET-Schild war ein Lügner. Wirklich schade, denn Tom hätte zu gern ein Ice Cream Soda gehabt. Das war viel besser als der Whiskey, der ihm zuerst geholfen, ihn dann müde gemacht und ihm zum Schluß schlimme Kopfschmerzen beschert hatte. Er war eingeschlafen, um die Kopfschmerzen loszuwerden, aber er hatte eine Menge verrückte Träume von einem Mann in einem schwarzen Anzug gehabt, wie ihn Reverend Deiffenbaker immer trug. Der Mann im schwarzen Anzug verfolgte ihn in seinen Träumen. Ein sehr böser Mann, fand Tom. Er hatte überhaupt nur getrunken, weil er das nicht durfte. Sein Daddy hatte ihm das gesagt und auch Mom, aber jetzt waren sie alle weg, und darum konnte er jetzt trinken, wenn er wollte. Aber was machte der nichtsprechende Mann jetzt? Nahm den Abfallkorb vom Gehweg hoch und wollte... was? Mr. Nortons Fenster einschlagen? KLIRR! Pest und Hölle, er hatte es schon getan! Und jetzt griff er hinein und machte die Tür auf...
»He, Mister, das dürfen Sie nicht!« schrie Tom mit vor Aufregung und Wut zitternder Stimme. »Das ist böse! M-O-N-D, und das buchstabiert man böse! Wissen Sie denn nicht...«
Aber der Mann war schon drinnen und drehte sich nicht einmal um.
»Sind Sie vielleicht taub, oder was?« rief Tom empört. »Meine Fresse! Sind Sie...«
Er verstummte. Alles Leben wich aus seinem Gesicht. Er war wieder der Roboter mit herausgezogenem Stecker. Im Mai war es nicht ungewöhnlich gewesen, den Tumben Tom so zu sehen. Er ging die Straße entlang, schaute mit diesem ewig glücklichen Ausdruck in seinem etwas rundlichen skandinavischen Gesicht in die Schaufenster, und plötzlich blieb er stehen und schaltete ab. Jemand rief vielleicht: »Da kommt Tom!«, und es wurde gelacht. Wenn Toms Daddy dabei war, runzelte dieser die Stirn, rempelte Tom mit dem Ellenbogen in di e Rippen oder klopfte ihm vielleicht sogar auf die Schulter oder den Rücken, bis Tom wieder zum Leben erwachte. Aber Toms Daddy war seit Anfang 1988 immer seltener in der Nähe gewesen, denn er ging mit einer rothaarigen Kellnerin aus, die in Boomer's Bar & Grille arbeitete. Ihr Name war Dee Dee Packalotte (über diesen Namen wurden nicht wenige Witze gerissen), und sie und Don Cullen waren vor etwa einem Jahr zusammen aBgehauen. Man hatte die beiden nur einmal gesehen, in einer billigen Absteige nicht weit entfernt, in Slapout, Oklahoma. Seither hatte man nichts mehr von ihnen gehört.
Die meisten Leute sahen in Toms häufigen Blackouts einen weiteren Beweis für seine geistige Zurückgebliebenheit, aber in Wahrheit waren es Momente fast normalen Denkens. Der menschliche Denkprozeß basiert (behaupten jedenfalls die Psychologen) auf Deduktion und Induktion, und ein zurückgebliebener Mensch ist nicht imstande, diese deduktiven und induktiven Sprünge zu vollziehen. Irgendwo im Hirn sind kaputte Leitungen, Kurzschlüsse, fehlerhafte Schalter. Tom Cullen war zwar zurückgeblieben, aber nicht debil; er konnte einfache Zusammenhänge herstellen. Gelegentlich war er - während seiner vermeintlichen Blackouts - imstande, auch komplexere induktive oder deduktive Schlüsse zu ziehen. Immer dann stand er kurz vor der Schwelle, einen solchen gedanklichen Zusammenhang herzustellen, wie ein normaler Mensch manchmal das Gefühl hat, daß ihm ein Name »auf der Zunge liegt«. Wenn Tom dies spürte, zog er sich aus der wirklichen Welt, die für ihn nörmalerweise nichts weiter als ein konstanter Zustrom an Sinneswahrnehmungen von Augenblick zu Augenblick war, in seinen Verstand zurück. Dann war er mit einem Mann in einem dunklen, fremden Zimmer zu vergleichen, der den Stecker einer Lampenschnur in der Hand hält, über den Boden kriecht und immer wieder Gegenstände umstößt, während er versucht, mit der freien Hand die Steckdose zu ertasten. Und wenn er sie fand - er fand sie nicht immer -, kam die Erleuchtung, und er sah das Zimmer (oder den Gedanken) deutlich. Ansonsten war Tom ein auf äußere Sinneseindrücke reduziertes Wesen. Auf eine Liste der Dinge, die er besonders gern mochte, hätte auch ein Ice Cream Soda aus Mr. Nortons Laden gehört, der Anblick eines hübschen Mädchens im Minirock, das an der Ecke daraufwartete, über die Straße zu gehen, der Geruch von Flieder und das Gefühl, über Seide zu streichen. Aber mehr als das alles liebte er das Ungreifbare, liebte er jene Momente, wenn ein Zusammenhang hergestellt wurde, wenn der Schalter funktionierte (wenigstens für den Augenblick) und das Licht in dem dunklen Zimmer aufflammte. Das geschah nicht häufig; oft entging ihm der Zusammenhang. Diesmal nicht.
Er hatte gesagt: Sind Sie vielleicht taub, oder was?
Der Mann hatte nicht so reagiert, als hätte er gehört, was Tom sagte; er hatte ihn nur direkt angesehen. Ja, der Mann hatte überhaupt nichts zu ihm gesagt, nicht einmal »Hi«. Manchmal antworteten die Leute Tom nicht, wenn er eine Frage stellte, denn etwas in seinem Gesicht verriet ihnen, daß er nicht ganz richtig im Oberstübchen war. Aber immer wenn das geschah, sah derjenige, der Tom nicht antworten wollte, wütend oder traurig oder hektisch drein. Bei diesem Mann war es anders - er hatte Tom einen Kreis mit Daumen und Zeigefinger gezeigt, und Tom wußte, das bedeutete »alles in Ordnung«... aber der Mann hatte nichts gesagt.
Hände auf den Ohren und Kopfschütteln.
Hände vor dem Mund und dasselbe.
Hände vor dem Hals und noch einmal dasselbe.
Im Zimmer wurde es hell, der Zusammenhang war hergestellt.
»Meine Güte!« rief Tom, und sein Gesicht wurde wieder lebendig. Seine blutunterlaufenen Augen glühten. Er rannte in Nortons Drugstore und vergaß ganz, daß das M-O-N-D war. Der nichtsprechende Mann spritzte etwas, das wie Steryllium roch, auf Watte und wischte sich mit der Watte über die Stirn.
»He, Mister!« sagte Tom und rannte auf Nick zu. Der nichtsprechende Mann drehte sich nicht um. Tom war für einen Moment verblüfft, aber dann erinnerte er sich wieder. Er tippte Nick auf die Schulter, und Nick drehte sich um. »Sie sind taub und stumm, richtig? Können nicht hören! Können nicht sprechen! Richtig?«
Nick nickte. Toms Reaktion war höchst erstaunlich für ihn. Er sprang in die Luft und klatschte ausgelassen in die Hände.
»Ich bin draufgekommen! Hurra! Ich bin selber draufgekommen!
Hurra für Tom Cullen!«
Nick mußte grinsen. Er konnte sich nicht erinnern, daß sich schon einmal jemand so über seine Behinderung gefreut hatte.
Vor dem Gerichtsgebäude befand sich ein kleiner Platz, und auf diesem Platz stand die Statue eines Soldaten mit Uniform und Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein Schild am Sockel wies darauf hin, daß dieses Denkmal den Jungs aus Harper County gewidmet war, die das LETZTE OPFER FÜR IHR VATERLAND gebracht hatten. Nick Andros und Tom Cullen saßen im Schatten dieses Denkmals und aßen Underwood-Teufelsschinken und Teufelshühnchen auf Kartoffelchips. Nick hatte über dem linken Auge ein X aus Pflaster auf der Stirn. Er las Tom von den Lippen ab (was etwas schwierig war, weil Tom sich unablässig Essen zwischen die Worte stopfte) und stellte fest, daß er es allmählich satt hatte, ständig nur Konserven zu essen. Am liebsten wäre ihm ein großes Steak mit Beilagen gewesen.