Er suchte weiter und fand eine Dose Three-In-One-Öl auf einem Regal. Nick setzte sich auf den rissigen Betonboden, achtete nicht mehr auf die Hitze und ölte die Kette und beide Naben. Als er damit fertig war, schraubte er das Three-In-One wieder zu und verstaute es sorgfältig in der Hosentasche.
Er band die Luftpumpe mit einer Strohschnur auf dem Gepäckträger über dem Hinterrad des Schwinn fest, schloß die Garagentür auf und schob es hinaus. So gut hatte frische Luft noch nie gerochen. Er schloß die Augen, atmete tief ein, rollte das Rad auf die Straße, stieg auf und fuhr langsam die Main Street hinunter. Das Rad lief ausgezeichnet. Genau das Richtige für Tom... vorausgesetzt, er konnte überhaupt fahren.
Er stellte es neben seinem Raleigh ab und ging in den Five-andDime-Supermarkt. Hinten im Laden, zwischen den Sportartikeln, fand er einen größeren Drahtkorb, klemmte ihn unter den Arm und wollte gerade gehen, als ihm eine große verchromte Hupe mit einem dicken roten Gummiball auffiel. Nick legte sie in den Korb und ging zur Eisenwarenabteilung, um einen Schraubenzieher und einen verstellbaren Schraubenschlüssel zu besorgen. Dann trat er wieder nach draußen. Tom lag friedlich ausgestreckt auf dem Marktplatz unter dem Zweiten-Weltkrieg-Soldaten und döste.
Nick befestigte Korb und Hupe an der Lenkstange des Schwinn. Er kehrte ins Five-and-Dime zurück, kam mit einer großen Einkaufstasche wieder heraus, ging damit zum A&P und füllte die Tasche mit Dosenfleisch und Obstund Gemüsekonserven. Er packte gerade einige Dosen Chilibohnen ein, als er einen Schatten am Gang vorbeihuschen sah, in dem er stand. Wäre er nicht taub gewesen, hätte er bemerkt, daß Tom inzwischen das Fahrrad entdeckt hatte. Das heisere, langgezogene Hauuu-UUU-Gaaa! der Hupe hallte durch die Straße, begleitet von Toms fröhlichem Kichern.
Nick trat durch die Tür des Supermarkts nach draußen und sah Tom stolz die Main Street entlangsausen; das blonde Haar flatterte, sein Hemd wehte hinter ihm her, und er quetschte die Hupe, als würde sein Leben davon abhängen. An der Arco-Tankstelle am Ende der Ladenzeile wendete er und kam wieder zurückgestrampelt. Er grinste breit und triumphierend. Die Fisher-Price-Tankstelle hatte er in den Korb am Lenker gestellt. Seine Hosentaschen und die Taschen des Khakihemds waren vollgestopft mit maßstabgetreuen Corgi-Spielzeugautos. Die Sonne warf funkelnde helle, drehende Kreise auf die Speichen. Ein wenig traurig wünschte sich Nick, er könnte den Klang der Hupe hören, um festzustellen, ob er ihm genauso gefallen würde, wie er Tom zu gefallen schien.
Tom winkte ihm zu und radelte weiter die Straße entlang. Am anderen Ende des Einkaufsviertels wendete er wieder, drückte dabei aber unablässig auf die Hupe. Nick streckte die Hand aus wie ein Polizist, der jemanden anhält. Tom kam mit dem Rad schlitternd vor ihm zum Stehen. Große Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Der Gummischlauch der Luftpumpe wippte. Tom keuchte und grinste.
Nick deutete zur Stadt hinaus und winkte: Tschüs.
»Kann ich die Tankstelle immer noch mitnehmen?«
Nick nickte und streifte Tom den Henkel der Tasche über den Stiernacken.
»Fahren wir gleich?«
Nick nickte wieder. Machte mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis.
»Nach Kansas City?«
Nick schüttelte den Kopf.
»Wohin wir wollen?«
Nick nickte. Ja. Wohin wir wollen, dachte er, aber wahrscheinlich wird es irgendwo in Nebraska sein.
»Mann!« sagte Tom glücklich. »Okay! Klar! Mann!«
Sie radelten auf der Route 283 Richtung Norden und waren erst zweieinhalb Stunden gefahren, als im Westen Gewitterwolken aufzogen. Der Sturm, der auf einem gazeartigen Regenschleier ritt, war rasch über ihnen. Nick konnte den Donner nicht hören, sah aber gabelförmige Blitze aus den Wolken herausschießen. Sie waren so grell, daß sie blau-purpurnes Flimmern vor den Augen hinterließen. Als sie sich dem Stadtrand von Rosston näherten, wo Nick auf der Route 64 nach Westen abbiegen wollte, verschwand der Regenschleier unter den Wolken, und der Himmel nahm eine stille, bedrohliche Gelbfärbung an. Der Wind, der ihm kühl und frisch gegen die linke Wange geweht hatte, flaute völlig ab. Nick wurde von einer extremen Nervosität gepackt, ohne zu wissen warum, und handelte obendrein seltsam ungeschickt. Niemand hatte ihm je gesagt, daß zu den wenigen Instinkten, die der Mensch noch mit den Tieren teilt, genau dies die Reaktion auf ein plötzliches und radikales Absinken des Luftdrucks war.
Dann zupfte Tom ihn am Ärmel, zupfte heftig. Nick blickte ihn an. Er stellte verblüfft fest, daß alle Farbe aus Toms Gesicht gewichen war. Seine Augen waren große, schwebende Untertassen.
»Tornado!« schrie Tom. »Da kommt ein Tornado!«
Nick suchte nach einer Windhose, sah aber keine. Er wandte sich wieder Tom zu, um ihn zu beruhigen. Aber Tom war schon verschwunden, fuhr mit dem Rad in ein Feld rechts von der Straße und walzte einen ungleichmäßigen, flachen Pfad durch das hohe Gras.
Verdammter Blödmann, dachte Nick wütend. Du wirst eine von den Achsen brechen!
Tom fuhr auf eine Scheune mit Silo zu, die sich am Ende eines etwa eine Viertelmeile langen Feldwegs befand. Nick, der noch immer seltsam nervös war, fuhr mit seinem Rad ein Stück weiter den Highway entlang, hob es über das Viehgatter und strampelte dann den Feldweg zur Scheune hinunter. Toms Fahrrad lag davor im Sand. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, den Ständer runterzuklappen. Diesen Umstand hätte Nick schlichter Vergeßlichkeit zugeschrieben, hätte er nicht vorher mehrmals gesehen, wie Tom den Klappständer benützte. Er hat vor Angst sein letztes bißchen Verstand verloren, dachte Nick.
Weil er sich aber selbst so unbehaglich fühlte, drehte er sich schnell noch einmal nach Westen um; und als er sah, was sich von dort näherte, blieb er wie erstarrt stehen.
Eine schreckliche Finsternis raste aus westlicher Richtung auf sie zu. Keine Wolke; vielmehr eine vollkommene Abwesenheit von Licht. Das Gebilde hatte die Form einer Windhose und schien auf den ersten Blick dreihundert Meter hoch zu sein. Am oberen Ende war sie breiter als unten; das untere Ende berührte nicht ganz den Boden. Am Gipfel schienen selbst die Wolken davor zu fliehen, als besäße das Gebilde eine unerklärliche, ekelerregende, abstoßende Macht.
Während Nick zusah, berührte der Wirbel etwa eine Dreiviertelmeile entfernt den Boden, und ein langes blaues Gebäude mit Wellblechdach - wahrscheinlich eine KFZ-Werkstatt oder ein Geräteschuppen - explodierte mit einem lauten Knall. Nick konnte es nicht hören, natürlich nicht, aber er spürte die Erschütterung, die seine Beine zittern ließ. Und das Gebäude schien nach innen zu explodieren, als hätte der Trichter sämtliche Luft daraus gesogen. Im nächsten Moment brach das Blechdach in zwei Teile. Die Bruchstücke schössen in die Höhe und wirbelten wie verrückt gewordene Tänzer durch die Luft. Nick beugte sich fasziniert vor und folgte ihrer Bahn.
Ich sehe vor mir das Schlimmste aus meinen Träumen, dachte Nick, und es ist gar kein Mann, auch wenn es manchmal wie ein Mann aussieht. In Wirklichkeit ist es ein Tornado. Ein allmächtiger, großer schwarzer Wirbel, der aus dem Westen herübertobt und alles und jeden verschlingt, der das Unglück hat, in seine Bahn zu geraten. Es...
Dann wurde er an beiden Oberarmen gepackt und buchstäblich von den Füßen gerissen und in die Scheune gezerrt. Er drehte sich zu Tom Cullen um und war einen Moment verblüfft, ihn zu sehen. Er war so von der Windhose fasziniert gewesen, daß er darüber ganz vergessen hatte, daß Tom Cullen überhaupt existierte.