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Zwei Meilen weiter sah Larry es zum ersten Mal, das riesige blaue Tier, das heute träge und langsam war. Es war ganz anders als der Pazifik oder der Atlantik von Long Island. Dort sah der Ozean friedlich aus, fast zahm. Dieses Wasser war von einem dunkleren Blau, fast kobaltfarben; gleichgültig rollten die Wogen ans Ufer, nagten an den Felsen. Gischt wie geschlagenes Eiweiß spritzte in die Luft und klatschte wieder zurück. Die Wellen donnerten mit unablässigem tiefen Grollen an die Klippen.

Larry stellte sein Fahrrad ab, ging zum Meer hinunter und spürte eine seltsame Erregung, die er nicht erklären konnte. Er war hier, er hatte den Ort erreicht, wo die See die Herrschaft übernahm. Hier war der Osten zu Ende. Land's End.

Er ging über eine sumpfige Wiese, und seine Schuhe machten schmatzende Geräusche im feuchten Boden zwischen Erdhügeln und Schilfbüscheln. Der durchdringende, fruchtbare Geruch der Flut hing in der Luft. Näher am Wasser war die dünne Haut der Erdschicht abgeschält, und der nackte Knochen aus Granit trat zutage - Granit, die »letzte Wahrheit« von Maine. Möwen stiegen hellweiß vor blauem Grund zum Himmel, kreischten und wimmerten. Er hatte noch nie so viele Vögel auf einmal gesehen. Ihm fiel ein, daß diese Vögel trotz ihrer weißen Schönheit Aasfresser waren. Der Gedanke, der sich anschloß, war unaussprechlich, aber er hatte ihn schon gedacht, bevor er ihn verdrängen konnte: Sie müssen in letzter Zeit reiche Ernte gehalten haben.

Er ging wieder weiter; jetzt klickten und kratzten seine Schuhe auf von der Sonne getrockneten Felsen, die wegen der Brandung in ihren Rissen und Fugen dennoch immer feucht bleiben würden. Entenmuscheln wuchsen in diesen Rissen, und hier und da lagen wie zerfetzte Knochensplitter die Schalen, die die Möwen fallengelassen hatten, um an das weiche Fleisch im Innern heranzukommen.

Einen Augenblick später stand er an der kahlen Küste. Der Wind vom Meer traf ihn mit voller Wucht und wehte ihm den dichten Haarschopf aus der Stirn. Larry hob ihm das Gesicht entgegen, dem herben, sauberen Salzgeruch des blauen Tiers. Die gläsernen, blaugrünen Wellenkämme rollten langsam herein, ihre Spitzen wurden deutlicher, je flacher der Boden unter ihnen wurde; zuerst bildete sich ein Hauch Schaum auf den Gipfeln, dann ein feiner Zuckerguß. Und dann schlugen sie selbstmörderisch ans Ufer, wie seit Anbeginn der Zeiten, zerstörten sich selbst und gleichzeitig ein unendlich kleines Stückchen Land. Ein gluckerndes, hustendes Dröhnen war zu hören, als Wasser in einen tiefen, halb versunkenen Felstunnel gedrückt wurde, der im Laufe von Jahrtausenden entstanden war.

Er drehte sich zuerst nach links, dann nach rechts, und sah in jeder Richtung dasselbe, so weit das Auge reichte... Wellen, Brecher, Gischt, aber größtenteils einen endlosen Überfluß an Farben, die ihm den Atem raubten.

Das war Land's End.

Er setzte sich, ließ die Füße über den Rand einer Klippe baumeln und fühlte sich ruhig, besänftigt. Dort saß er eine halbe Stunde oder länger. Der Wind regte seinen Appetit an; er kramte im Rucksack nach etwas Eßbarem. Er aß kräftig. Gischt hatte die Beine seiner Blue Jeans schwarz gefärbt. Er fühlte sich gesäubert, erfrischt. Er ging langsam über die sumpfige Wiese zurück und war so in Gedanken versunken, daß er den Schrei, der vor ihm anschwoll, für den der Möwen hielt. Er hatte schon den Kopf zum Himmel gehoben, als er plötzlich voller Angst merkte, daß es der Schrei eines Menschen war. Ein Kampfschrei.

Er sah ruckartig wieder nach unten und erblickte einen kleinen Jungen, der mit pumpenden Beinmuskeln über die Straße auf ihn zugelaufen kam. In der Hand hielt er ein langes Schlachtermesser. Er war nackt bis auf die Unterhose, seine Beine waren von Brennesselmalen gezeichnet. Hinter ihm trat in diesem Moment eine Frau aus Gestrüpp und Brennesseln auf der anderen Seite des Highway. Sie sah blaß aus und hatte dunkle Ringe der Erschöpfung unter den Augen. »Joe!« rief sie und fing an zu laufen, als würde es ihr Schmerzen bereiten.

Joe lief weiter, ließ nicht nach, seine nackten Füße spritzten dünne Schleier des Marschwassers auf. Sein Gesicht war zu einem verkniffenen, mörderischen Grinsen verzerrt. Er hielt das Schlachtermesser hoch über dem Kopf, es glitzerte in der Sonne.

Er will mich umbringen, dachte Larry, der bei diesem Gedanken wie vom Donner gerührt stehenblieb. Dieser Junge... was habe ich ihm denn getan?

»Joe!« schrie die Frau, diesmal mit schriller, müder und verzweifelter Stimme. Joe lief noch immer, verringerte zusehends die Entfernung. Larry merkte gerade noch, daß er sein Gewehr beim Fahrrad gelassen hatte, dann war der schreiende Junge schon bei ihm. Als er mit dem Schlachtermesser in hohem, weitem Bogen ausholte, erwachte Larry aus seiner Lähmung. Er sprang zur Seite, hob instinktiv den rechten Fuß und trat dem Jungen mit seinem nassen, gelben Stiefel in den Leib. Und empfand Mitleid: Es war nichts als ein kleiner Junge, erschöpft, kraftlos; er fiel um wie ein Kegel. Er sah gefährlich aus, war aber alles andere als ein Schwergewicht.

»Joe!« rief Nadine. Sie stolperte über einen Erdklumpen, fiel auf die Knie und bespritzte ihre weiße Bluse mit braunem Schlamm. »Tun Sie ihm nichts! Er ist nur ein kleiner Junge! Bitte, tun Sie ihm nichts!«

Sie rappelte sich auf und mühte sich weiter.

Joe war flach auf den Rücken gefallen. Er lag da wie ein X: Die Arme bildeten ein V, die gespreizten Beine ein zweites, umgekehrtes V.

Larry machte einen Schritt vorwärts, trat dem Jungen aufs Handgelenk und nagelte die Hand, mit der er das Messer hielt, am schlammigen Boden fest.

»Laß den Piekser los, Junge.«

Der Junge fauchte und stieß dann ein grunzendes, kollerndes Geräusch aus, wie ein Truthahn. Er zog die Oberlippe über die Zähne. Seine Chinesenaugen starrten böse in die von Larry. Den Fuß auf dem Handgelenk des Jungen zu lassen war, wie auf eine verletzte, aber immer noch bösartige Schlange zu treten. Er merkte, wie der Junge versuchte, seine Hand freizubekommen, ohne sich darum zu kümmern, ob der Preis aufgeschürfte Haut, blutiges Fleisch oder sogar ein gebrochenes Handgelenk war. Er richtete sich in eine halb sitzende Position auf und versuchte, Larry durch den schweren, nassen Stoff seiner Jeans ins Bein zu beißen. Larry trat noch fester auf das dünne Handgelenk, und Joe stieß einen Schrei aus - nicht vor Schmerzen, sondern vor Wut.

»Laß es los, Junge.«

Joe wehrte sich immer noch.

Das Patt hätte andauern können, bis Joe das Messer freibekommen oder Larry ihm den Arm gebrochen hätte, wenn Nadine nicht schließlich schlammverschmiert, atemlos und vor Erschöpfung taumelnd bei ihnen eingetroffen wäre.

Ohne Larry anzusehen, sank sie auf die Knie. »Laß es los!« sagte sie leise, aber energisch. Ihr Gesicht war schweißbedeckt, zeigte jedoch keine Regung. Sie brachte es dicht vor Joes verzerrte, zuckende Fratze. Er schnappte nach ihr wie ein Hund und wehrte sich weiter. Wütend versuchte Larry, die Balance zu halten. Wenn es dem Jungen jetzt gelang, sich loszureißen, würde er wahrscheinlich zuerst auf die Frau einstechen.

»Laß... es... los!« sagte Nadine.

Der Junge knurrte. Speichel quoll zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor. Auf der rechten Wange hatte er einen Schlammspritzer in Form eines Fragezeichens.

»Wir lassen dich zurück, Joe. Ich lasse dich zurück. Ich gehe mit ihm. Wenn du nicht brav bist.«

Larry spürte, wie die Spannung des Arms unter seinem Fuß noch stärker wurde und dann nachließ. Aber der Junge sah die Frau verletzt, anklagend und vorwurfsvoll an. Als er den Blick etwas abwandte und Larry ansah, konnte dieser glühende Eifersucht in den Augen erkennen. Obwohl ihm der Schweiß in Strömen vom Körper troff, fröstelte Larry unter diesem Blick.

Sie sprach mit ruhiger Stimme auf ihn ein. Niemand würde ihm weh tun. Niemand würde ihn zurücklassen. Wenn er das Messer losließ, konnten sie alle Freunde werden.