Allmählich spürte Larry, daß sich die Hand unter seinem Schuh entspannt und das Messer losgelassen hatte. Der Junge lag reglos da und starrte zum Himmel. Er hatte aufgegeben. Larry nahm den Fuß von Joes Handgelenk, bückte sich rasch und hob das Messer auf. Er drehte sich um und schleuderte es in Richtung Küste. Das Messer drehte sich im Kreis und reflektierte funkelnd das Sonnenlicht. Joes seltsame Augen folgten seiner Bahn; er stieß ein langes, heulendes Wimmern des Schmerzes aus. Das Messer prallte mit blechernem Klirren auf die Felsen und schlitterte über den Rand. Larry drehte sich wieder um und betrachtete die beiden. Die Frau untersuchte Joes rechten Unterarm, wo sich das Profil von Larrys Stiefelsohlen tief eingegraben hatte und langsam grellrot wurde. Sie sah auf, blickte Larry ins Gesicht. Ihre dunklen Augen waren voller Traurigkeit.
Larry spürte die altbekannte, eigennützige Ausrede in sich aufsteigen - Ich mußte es tun, es war nicht meine Schuld, hören Sie, Lady, er wollte mich umbringen -, weil er glaubte, das Urteil in diesen kummervollen Augen lesen zu können: Du bist kein netter Kerl.
Aber er schwieg. Es gab nichts zu sagen. Die Situation war eindeutig, der Junge hatte Larrys Gegenwehr erzwungen. Als er Joe betrachtete, der sich jetzt verzweifelt über die Knie gekrümmt und den Daumen in den Mund gesteckt hatte, bezweifelte er, ob der Junge selbst die Situation ausgelöst hatte. Aber es hätte schlimmer ausgehen können, mit einer Stichwunde oder möglicherweise sogar einem Toten.
Also sagte er nichts, sah der Frau in die sanften Augen und dachte: Ich glaube, ich habe mich verändert. Irgendwie. Ich weiß nicht, wie sehr. Er mußte an etwas denken, das Barry Grieg einmal zu ihm gesagt hatte - über einen Rhythmusgitarristen aus L. A., einen Typen namens Jory Baker, der stets pünktlich kam, nie eine Probe versäumte oder eine Aufnahme versaute. Kein Gitarrist, der einem ins Auge fiel, kein Showman wie Angus Young oder Eddie Van Haien, aber ein fähiger Bursche. Barry hatte gesagt, daß dieser Jory Baker mal die treibende Kraft einer Gruppe namens Sparx gewesen war, eine Gruppe, die jedermann als die erfolgversprechendste des Jahres betrachtete. Sie hatten einen Sound draufgehabt wie die frühen Creedence: harter, solider Gitarren-Rock. Jory Baker hatte die Sachen fast sämtlich alleine geschrieben und durch die Bank selbst gesungen. Dann ein Autounfall, gebrochene Knochen, jede Menge Dope im Krankenhaus. Er war rausgekommen, wie es in einem Song von John Prine hieß, »with a steel plate in his head and a monkey on his back« - »mit einer Stahlplatte im Schädel und einem Affen auf dem Rücken«. Er stieg von Demerol auf Heroin um. Wurde ein paarmal hopps genommen. Nach einer Weile war er einer von vielen namenlosen Junkies mit zittrigen Fingern, der am GreyhoundBusbahnhof um Kleingeld bettelte und auf dem Strich rumhing. Dann war er irgendwie über einen Zeitraum von achtzehn Monaten hinweg clean geworden und clean geblieben. Aber er war nicht mehr derselbe. Er war nicht mehr die treibende Kraft einer Gruppe, ob erfolgversprechendste des Jahres oder sonstwas, aber er kam immer noch pünktlich, versäumte keine Probe und versaute keine Aufnahme. Er redete nicht viel, aber der Highway der Nadeleinstiche am linken Arm war verschwunden. Und Barry Grieg hatte gesagt: Er ist auf der anderen Seite rausgekommen. Mehr nicht. Niemand kann sagen, was sich zwischen der Person, die man war, und der Person, die man wird, abspielt. Niemand kann diese deprimierende, einsame Sektion der Hölle kartographieren. Es gibt keine Karten der Veränderung. Man kommt... eben einfach auf der anderen Seite raus.
Oder auch nicht.
Ich habe mich irgendwie verändert, dachte Larry dumpf. Ich bin auch auf der anderen Seite rausgekommen.
Sie sagte: »Ich bin Nadine Cross. Das ist Joe, Freut mich, Sie kennenzulernen. «
»Larry Underwood.«
Sie gaben sich die Hand und mußten beide wegen der absurden Situation lächeln.
»Gehen wir zur Straße zurück«, sagte Nadine.
Sie gingen nebeneinander, und nach ein paar Schritten sah Larry über die Schulter zu Joe, der immer noch über die Knie gebeugt saß, am Daumen lutschte und offenbar gar nicht mitbekommen hatte, dass sie gegangen waren.
»Er wird schon kommen«, sagte sie leise.
»Sind Sie sicher?«
»Ganz sicher.«
Als sie die Schotterböschung des Highway erreicht hatten, stolperte sie, und Larry nahm ihren Arm. Sie sah ihn dankbar an.
»Können wir uns setzen?« fragte sie.
Sie setzten sich einander gegenüber auf das Pflaster. Nach einer Weile stand Joe auf und trottete mit gesenktem Kopf zu ihnen herüber. Er setzte sich ein Stück von ihnen entfernt hin. Larry sah ihn mißtrauisch an, dann Nadine Cross.
»Sie beide sind mir gefolgt.«
»Das haben Sie gewußt? Ja. Dachte ich mir.«
»Wie lange?«
»Zwei Tage«, sagte Nadine. »Wir waren in dem großen Haus in Epsom.« Als sie seinen verwirrten Blick sah, fügte sie hinzu: »Am Bach. Sie sind an der Steinmauer eingeschlafen.«
Er nickte. »Und gestern nacht sind Sie beide gekommen und haben mich beobachtet, als ich auf der Veranda geschlafen habe. Vielleicht um zu sehen, ob ich Hörner oder einen langen roten Schwanz habe.«
»Das war Joe«, sagte sie leise. »Als ich sah, daß er weg war, bin ich ihm nachgelaufen. Woher wußten Sie das?«
»Sie haben Spuren im Tau hinterlassen.«
»Oh.« Sie sah ihn prüfend an, musterte ihn, und Larry hätte gern die Augen niedergeschlagen, tat es aber nicht. »Ich möchte nicht, dass Sie wütend auf uns sind. Das klingt wahrscheinlich ein bißchen lächerlich, nachdem Joe gerade versucht hat, Sie umzubringen, aber dafür ist Joe nicht verantwortlich.«
»Ist das sein richtiger Name?«
»Nein, ich nenne ihn nur so.«
»Er ist wie ein Wilder in einer Fernsehsendung von National Geographie.«
»Ja, genau. Ich habe ihn vor einem Haus auf dem Rasen gefunden. Vielleicht war es sein Elternhaus. An der Tür stand >Rockway<. Joe war krank.
Er war gebissen worden. Wahrscheinlich von einer Ratte. Er spricht nicht. Er knurrt und grunzt nur. Bis heute morgen hatte ich ihn unter Kontrolle. Aber ich... ich bin müde, wissen Sie... und...« Sie zuckte die Achseln. Der Schlamm trocknete in Mustern auf ihrer Bluse, die wie chinesische Schriftzeichen aussahen. »Ich mußte ihn erst anziehen. Er hat alles wieder ausgezogen, bis auf die Unterhose. Zuletzt hatte ich keine Lust mehr. Ich bin Lehrerin, keine Missionarin. Die Mücken und Moskitos scheinen ihn nicht zu stören.« Sie machte eine Pause. »Ich will, daß Sie uns mitnehmen. Was das betrifft, muss man in dieser Situation wohl nicht schüchtern sein.«
Larry fragte sich, was sie wohl denken würde, wenn er ihr von der letzten Frau erzählte, die mit ihm kommen wollte. Das würde er natürlich nie tun; diese Episode war tief begraben, auch wenn die betreffende Frau es nicht war. Er wollte Ritas Namen ebensowenig ins Spiel bringen, wie ein Mörder den Namen seines Opfers auf einer Party erwähnen würde.
»Ich weiß nicht, wohin ich gehe«, sagte er. »Ich bin von New York City gekommen, wahrscheinlich über einen ziemlichen Umweg. Ich wollte mir ein schönes Haus an der Küste suchen und dort bis Oktober oder so bleiben. Aber je länger ich unterwegs bin, um so mehr sehne ich mich nach anderen Menschen. Je länger ich unterwegs bin, um so schlimmer trifft mich das alles.«
Er drückte sich ungeschickt aus und konnte es wohl auch nicht besser, ohne Rita oder seine schlimmen Träume von dem dunklen Mann zu erwähnen.
»Ich hatte oft schreckliche Angst«, sagte er vorsichtig. »Weil ich allein bin. Ziemlich verrückt. Als hätte ich erwartet, daß Indianer mich überfallen und skalpieren.«
»Mit anderen Worten, Sie suchen jetzt keine Häuser mehr, sondern Menschen.«
»Ja, vielleicht.«
»Sie haben uns gefunden. Ist doch schon was.«