Wenn er nur daran dachte, so hoch über dem Boden auf dem Dach herumzuklettern, verspürte Larry Übelkeit im Magen. Und der Bursche mußte wirklich über die Regenrinne hinausgehangen haben, um den Namen des Mädchens zu schreiben.
Warum hat er sich diese Mühe gemacht, Sergeant? Ich glaube, diese Frage sollten wir uns selbst stellen.
Wenn Sie meinen, Inspektor Underwood.
Er ging die Treppe hinunter, langsam und mit vorsichtigen Schritten. Bloß kein Bein brechen. Unten fiel ihm etwas anderes auf, etwas, das in einen Stützbalken eingeschnitzt war, erstaunlich frisch und weiß und in deutlichem Kontrast zur ansonsten staubigen Dunkelheit des Schuppens. Er ging zu dem Balken und betrachtete das Geschnitzte, dann strich er mit dem Daumen darüber, teilweise belustigt, teilweise erstaunt, daß ein anderer Mensch das gemacht hatte, während er und Rita nach Norden gereist waren. Er strich noch einmal mit dem Fingernagel über die geschnitzten Buchstaben.
In einem Herz. Mit einem Pfeil.
Ich glaube, Sergeant, der Tölpel muß verliebt gewesen sein.
»Schön für dich, Harold«, sagte Larry und ging aus der Scheune.
Der Motorradladen in Wells war eine Honda-Vertretung, und daran, wie die Motorräder aufgereiht waren, erkannte Larry, daß zwei fehlten. Auf einen zweiten Fund war er noch stolzer - ein zerknülltes Süßigkeitenpapier neben dem Papierkorb. Ein Payday-Riegel. Es sah aus, als hätte jemand - höchstwahrscheinlich der verliebte Harold Lauder - einen Schokoriegel gegessen, während er überlegt hatte, welche Motorräder für ihn und seine Angebetete am geeignetsten sein würden. Er hatte das Papier zusammengeknüllt und in Richtung Abfallkorb gezielt. Und ihn verfehlt. Nadine hielt Larrys Schlußfolgerungen für stichhaltig, war aber nicht so beeindruckt davon wie Inspektor Underwood selbst. Sie betrachtete die verbliebenen Motorräder und konnte es kaum erwarten, aufzubrechen. Joe sass auf den Stufen zum Ausstellungsraum, spielte die zwölfsaitige Gibson und grölte zufrieden.
»Wissen Sie«, sagte Larry, »es ist jetzt fünf Uhr. Es ist ganz unmöglich, vor morgen aufzubrechen.«
»Aber wir haben noch drei Stunden Tageslicht! Wir können nicht einfach herumsitzen! Vielleicht verpassen wir sie!«
»Wenn wir sie verpassen, ist das Pech«, sagte er. »Harold Lauder hat eindeutige Hinweise hinterlassen, bis hin zu den Straßen, auf denen sie fahren wollten. Wenn sie weiterreisen, wird er es wahrscheinlich wieder machen.«
»Aber...«
»Ich weiß, daß Sie es eilig haben«, sagte er und legte ihr die Hände auf die Schultern. Er merkte, wie die alte Ungeduld in ihm aufstieg, und zwang sich, sie zu verdrängen. »Aber Sie haben noch nie auf einem Motorrad gesessen.«
»Aber ich kann radfahren. Und ich weiß, wie man die Kupplung betätigt, das habe ich Ihnen gesagt. Bitte, Larry. Wenn wir keine Zeit vergeuden, können wir heute in New Hampshire übernachten und morgen abend schon fast dort sein. Wir...«
»Es ist aber kein Fahrrad, verdammt noch mal!« brüllte er los, und die Gitarre hinter ihm verstummte mit einem Mißklang. Er sah, dass Joe mit zusammengekniffenen und sofort mißtrauischen Augen über die Schulter zu ihnen blickte. Mein Gott, ich habe aber auch eine Art, mit den Leuten umzugehen, dachte Larry. Das machte ihn noch wütender.
Nadine sagte leise: »Sie tun mir weh.«
Er sah, daß seine Finger sich in das weiche Fleisch ihrer Schultern gegraben hatten, und seine Wut verwandelte sich in dumpfe Scham.
»Verzeihung«, sagte er.
Joe sah ihn immer noch an, und Larry wurde klar, daß er den Boden, den er bei dem Jungen gewonnen hatte, halb wieder verloren hatte.
Vielleicht mehr. Nadine hatte etwas gesagt.
»Was?«
»Ich wollte wissen, warum ein Motorrad nicht wie ein Fahrrad ist.«
Sein erster Impuls war, sie anzuschreien: Wenn du so verdammt schlau bist, dann steig doch auf und versuch's. Du wirst schon sehen, wie die Welt aussieht, wenn dein Kopf plötzlich verkehrtherum auf deinen Schultern sitzt. Aber er beherrschte sich. Er hatte nicht nur bei dem Jungen Boden verloren, auch bei sich selbst. Er war vielleicht auf der anderen Seite herausgekommen, aber mit ihm ein Teil des alten, kindischen Larry, der an ihm klebte und ihm folgte wie ein Schatten, der in der Nachmittagssonne geschrumpft, aber nicht ganz verschwunden ist.
»So eine Maschine ist viel schwerer als ein Rad«, sagte er. »Wenn man aus dem Gleichgewicht kommt, kann man das nicht so leicht abfangen wie bei einem Fahrrad. Eine Dreihundertsechziger wiegt an die dreieinhalb Zentner. Man gewöhnt sich ziemlich schnell an das größere Gewicht, aber man muß sich eben erst daran gewöhnen. In einem normalen Auto betätigt man die Gangschaltung mit der Hand und das Gas mit dem Fuß. Bei einem Motorrad ist es genau umgekehrt: Man betätigt die Gangschaltung mit dem Fuß, das Gas mit der Hand, das ist eine gewaltige Umstellung. Es gibt nicht nur eine Bremse, sondern zwei. Mit dem rechten Fuß bremst man das Hinterrad, mit der rechten Hand das Vorderrad. Wenn man das vergißt und nur die Handbremse betätigt, fliegt man höchstwahrscheinlich in hohem Bogen über den Lenker. Außerdem müssen Sie sich daran gewöhnen, daß Sie einen Passagier hinter sich sitzen haben.«
»Joe? Aber ich dachte, der würde mit Ihnen fahren.«
»Von mir aus gern«, sagte Larry. »Aber ich glaube nicht, daß er mich im Augenblick sonderlich gern hat. Oder sind Sie da anderer Meinung?«
Nadine sah Joe lange bekümmert an. »Nein«, sagte sie und seufzte.
»Vielleicht will er nicht einmal mit mir fahren. Vielleicht hat er Angst.«
»Falls doch, sind Sie für ihn verantwortlich. Ich will nicht erleben, dass Sie stürzen.«
»Ist Ihnen das passiert, Larry? Waren Sie mit jemand unterwegs?«
»Ja«, sagte Larry, »und ich bin auch gestürzt. Aber zu dem Zeitpunkt war die Dame, mit der ich unterwegs war, schon tot.«
»Ist sie mit dem Motorrad verunglückt ?« Nadines Gesicht war ganz ruhig.
»Nein. Ich würde sagen, es war zu siebzig Prozent ein Unfall und zu dreißig Prozent Selbstmord. Was sie von mir brauchte... Freundschaft, bekam sie nicht genug.« Er war jetzt aufgeregt; seine Schläfen pochten dumpf, die Kehle war ihm wie zugeschnürt, er war den Tränen nahe. »Sie hieß Rita. Rita Blakemoor. Ich würde es bei Ihnen gerne besser machen, das ist alles. Bei Ihnen und Joe.«
»Larry, warum haben Sie mir das nicht vorher erzählt?«
»Weil es weh tut, darüber zu reden«, sagte er ohne Umschweife.
»Es tut sehr weh.« Das war die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit. Da waren noch die Träume. Er fragte sich, ob Nadine Alpträume hatte - letzte Nacht war er kurz aufgewacht, da hatte sie sich unruhig hin und her gewälzt und gemurmelt. Aber sie hatte sich nicht darüber geäußert. Und Joe? Hatte Joe Alpträume? Nun, was die beiden anging, wußte er es nicht, aber der furchtlose Inspektor Larry Underwood von Scotland Yard hatte Angst vor seinen Träumen... und wenn Nadine mit dem Motorrad stürzte, würden sie vielleicht wiederkommen.
»Gut, dann fahren wir morgen«, sagte sie. »Und heute abend bringen Sie es mir bei.«
Aber zuerst stellte sich das Problem, die beiden kleinen Motorräder, die Larry ausgesucht hatte, aufzutanken. Die Vertretung hatte eine Zapfsäule, aber ohne Strom funktionierte sie nicht. Er fand ein weiteres Süßigkeitenpapier neben der Abdeckung, unter der sich der unterirdische Tank befand, und leitete daraus ab, daß der stets findige Harold Lauder die Abdeckplatte erst vor kurzem aufgebrochen haben mußte. Verliebt oder nicht, Payday-süchtig oder nicht, Larry empfand eine Menge Respekt vor Harold, den er beinahe mochte, ohne ihn zu kennen. Er hatte sich im Geiste schon ein Bild von Harold gemacht. Wahrscheinlich Mitte Dreißig, möglicherweise Farmer, groß und braungebrannt, mager, vielleicht nicht besonders helle, aber dafür mit jeder Menge Bauernschläue. Er grinste. Es war albern, sich ein Bild von jemand zu machen, den man nie gesehen hatte, denn die Leute waren nie so, wie man sie sich vorstellte. Schließlich kannte jeder den Witz von dem über dreihundert Pfund schweren Discjockey mit der Fistelstimme. Während Nadine ein kaltes Abendessen zusammenstellte, sah sich Larry auf dem Gelände der Vertretung um. Er fand einen großen Mülleimer aus Blech. Eine Brechstange lehnte daran, am oberen Rand hing ein Stück Gummischlauch heraus.