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Ihre Schritte waren unsicher. »Mein Gott, sind Sie wirklich Menschen?«

»Ja«, sagte Nadine.

Die Frau warf die Arme um Nadine und schluchzte. Nadine hielt sie fest. Joe stand bei einem liegengebliebenen Lastwagen auf der Straße, hielt den Gitarrenkasten in der Rechten und den Daumen der Linken im Mund. Schließlich kam er zu Larry und blickte zu ihm auf. Larry nahm seine Hand. So standen die beiden da und betrachteten die Frauen ernst. Und so lernten sie Lucy Swann kennen.

Als sie Lucy sagten, wohin sie unterwegs waren und daß sie hofften, am Ziel mindestens zwei weitere Menschen zu treffen, brannte sie darauf, mit ihnen zu kommen. Larry fand im Enfield Sporting Goods einen mittelgroßen Rucksack für sie, und Nadine begleitete sie zu ihrem Haus am Stadtrand, um ihr beim Packen zu helfen... zweimal Kleidung zum Wechseln, Unterwäsche, ein zweites Paar Schuhe, ein Regenmantel. Und ein Bild ihres verstorbenen Mannes und ihrer Tochter.

In dieser Nacht rasteten sie in einer Stadt namens Queechee, die schon jenseits der Staatengrenze in Vermont lag. Lucy Swann erzählte eine kurze Geschichte, die schlicht und einfach war und sich nicht sehr von den anderen unterschied, die sie noch zu hören bekommen sollten. Kummer war unvermeidlich, und der Schock hatte Lucy zumindest in Rufweite des Wahnsinns gebracht.

Ihr Mann war am fünfundzwanzigsten Juni erkrankt, ihre Tochter einen Tag später. Sie hatte sich, so gut sie konnte, um die beiden gekümmert und ständig damit gerechnet, daß sie das Sabbern, wie man die Krankheit in ihrer Ecke in Neu-England genannt hatte, auch bekommen würde. Am siebenundzwanzigsten, als ihr Mann ins Koma gefallen war, war Enfield weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Der Fernsehempfang war verschwommen und verzerrt geworden. Die Menschen starben wie die Fliegen. Während der letzten Juniwoche waren starke Truppenbewegungen auf der Mautstraße beobachtet worden, doch die hatten in einem kleinen Fleckchen wie Enfield, New Hampshire, nichts verloren. In den frühen Morgenstunden des achtundzwanzigsten war ihr Mann gestorben. Am neunundzwanzigsten schien es ihrer kleinen Tochter eine Zeitlang besser zu gehen, aber am Abend war ihr Zustand ganz unvermittelt kritisch geworden, und gegen elf Uhr war sie gestorben. Am 3. Juli waren alle Einwohner von Enfield, außer ihr selbst und einem alten Mann namens Pop Carmody, tot gewesen. Pop war krank gewesen, sagte Lucy, schien das Sabbern aber völlig überwunden zu haben. Am Morgen des Unabhängigkeitstages hatte sie Pop tot auf der Main Street gefunden, aufgedunsen und schwarz, wie alle anderen.

»Dann habe ich meinen Mann, meine kleine Tochter und Pop gemeinsam beerdigt«, sagte Lucy, während sie um das prasselnde Feuer herum saßen. »Es hat einen ganzen Tag gedauert, aber ich habe sie zur letzten Ruhe gebettet. Und dann dachte ich mir, daß ich besser nach Concord gehe, wo meine Eltern wohnen. Aber... irgendwie bin ich nie dazu gekommen.« Sie sah die anderen flehentlich an. »War das falsch? Glauben Sie, sie waren noch am Leben?«

»Nein«, sagte Larry. »Die Immunität ist sicher nicht vererbbar. Meine Mutter...« Er blickte ins Feuer.

»Wes und ich, wir mußten heiraten«, sagte Lucy. »Das war der Sommer nach meinem High-School-Abschluß. 1984. Meine Eltern wollten nicht, daß ich ihn heirate. Sie wollten, daß ich weggehe, das Baby bekomme und es hergebe. Aber das wollte ich nicht. Meine Mutter sagte, wir würden uns sowieso über kurz oder lang scheiden lassen. Mein Dad sagte, Wes wäre ein Habenichts, immer rastlos. Ich sagte nur: Das mag sein, warten wir eben ab, was passiert. Ich wollte das Risiko einfach eingehen. Verstehen Sie?«

»Ja«, sagte Nadine. Sie saß neben Lucy und sah sie voll Mitgefühl an.

»Wir hatten ein hübsches kleines Haus. Ich hätte mir nie träumen lassen, daß es einmal so enden würde, wirklich nicht«, sagte Lucy mit einem Seufzer, der halb Schluchzen war. »Wir hatten uns so schön eingerichtet. Wes wurde mehr Marcy als mir zuliebe seßhaft. Für ihn ging mit der Kleinen die Sonne auf und unter. Sie war für ihn...«

»Pssst«, sagte Nadine. »Das war alles vorher.«

Wieder dieses Wort, dachte Larry. Das kleine zweisilbige Wort.

»Ja. Es ist vorbei. Und ich glaube, ich hätte damit fertig werden können. Ich wurde auch damit fertig, bis ich die schlimmen Alpträume bekam.«

Larry riß den Kopf hoch. »Träume?«

Nadine blickte Joe an. Vor einem Augenblick hatte der Junge vor dem Feuer gedöst. Jetzt schaute er Lucy mit glänzenden Augen an.

»Schlimme Träume, Alpträume«, sagte Lucy. »Nicht immer dieselben. Meistens verfolgte mich ein Mann, und ich kann nicht genau sehen, wie er aussieht, weil er fast immer in einen... wie sagt man... einen Umhang gehüllt ist. Und er hält sich in Schatten und Gassen.« Sie erschauerte. »Es ist schon so weit gekommen, daß ich Angst vor dem Schlafen habe. Aber vielleicht kann ich jetzt...«

»Schwarrr-tser Mann!« schrie Joe plötzlich so unvermittelt und heftig, daß sie alle zusammenzuckten. Er sprang auf, die Beine wie ein winziger Bela Lugosi; die Finger hatte er zu Krallen geformt.

»Schwarrr-tser Mann! Schlimme Träume! Verfolgt! Verfolgt mich!

Macht mir 'ngst!« Er schmiegte sich an Nadine und starrte mißtrauisch in die Dunkelheit.

Schweigen senkte sich über sie.

»Das ist verrückt«, sagte Larry schließlich und verstummte gleich wieder. Sie sahen ihn alle an. Plötzlich wirkte die Dunkelheit sehr, sehr dunkel, und Lucy sah wieder ängstlich aus.

Larry zwang sich, weiterzusprechen. »Lucy, haben Sie je von einem... von einem Ort in Nebraska geträumt?«

»Ich hatte einmal einen Traum über eine alte Negerin«, sagte Lucy, »aber es war ein ganz kurzer Traum. Die alte Frau sagte so etwas wie: >Komm mich besuchen.< Dann war ich wieder in Enfield, und dieser... dieser schreckliche Mann hat mich verfolgt. Und dann bin ich aufgewacht.«

Larry blickte sie so lange an, daß sie errötete und wegsah. Er betrachtete Joe. »Joe, hast du je von... äh, Mais geträumt? Von einer alten Frau? Einer Gitarre?« Joe sah ihn nur aus Nadines schützenden Armen an.

»Lassen Sie ihn in Ruhe, Sie regen ihn nur auf«, sagte Nadine, aber sie schien diejenige zu sein, die aufgeregt war.

Larry überlegte. »Ein Haus, Joe? Ein kleines Haus mit einer Veranda auf Wagenhebern?«

Er glaubte, ein Funkeln in Joes Augen zu erkennen.

»Hören Sie auf, Larry!« sagte Nadine.

»Eine Schaukel, Joe? Eine Schaukel aus einem Reifen?« Plötzlich zuckte Joe in Nadines Armen zusammen. Er nahm den Daumen aus dem Mund. Nadine versuchte, ihn zu halten, aber Joe riß sich los.

»Die Schaukel!« sagte Joe aufgeregt. »Die Schaukel! Die Schaukel!« Er wirbelte herum und deutete zuerst auf Nadine, dann auf Larry. »Sie! Du! Viele!«

»Viele?« fragte Larry, aber Joe war schon wieder in sich versunken. Lucy Swann sah fassungslos drein. »Die Schaukel«, sagte sie.

»Daran kann ich mich auch erinnern.« Sie blickte Larry an. »Warum haben wir alle dieselben Träume? Richtet jemand einen Strahl auf uns oder so was?«

»Ich weiß nicht.« Er sah Nadine an. »Haben Sie auch diese Träume gehabt?«

»Ich träume nicht«, sagte sie schneidend und senkte sofort darauf den Kopf. Er dachte: Du lügst. Aber warum?

»Nadine, wenn Sie...« begann er.

»Ich habe Ihnen gesagt, ich träume nicht!« schrie Nadine schrill, beinahe hysterisch. »Können Sie mich denn nicht in Ruhe lassen? Müssen Sie mich bedrängen?«

Sie stand auf und entfernte sich fast im Laufschritt vom Feuer. Lucy sah ihr einen Augenblick unsicher nach, dann stand sie auf.

»Ich gehe ihr nach.«

»Ja, tun Sie das. Joe, du bleibst bei mir, okay?«

»Kay«, sagte Joe und klappte den Gitarrenkasten auf.

Lucy kam zehn Minuten später mit Nadine zurück. Larry sah, daß sie beide geweint hatten, jetzt aber wieder beruhigt zu sein schienen.