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»Tut mir leid«, sagte Nadine zu Larry. »Ich bin nur ständig nervös. Manchmal macht sich das auf seltsame Weise Luft.«

»Macht nichts.«

Das Thema wurde nicht mehr angeschnitten. Sie saßen da und hörten zu, wie Joe sein Repertoire spielte. Er wurde wirklich immer besser, und allmählich konnte man zwischen Heulen und Grunzen Bruchstücke der Texte hören.

Schließlich schliefen sie, Larry an einem Ende, Nadine am anderen, Joe und Lucy dazwischen.

Larry träumte zuerst vom dunklen Mann an seinem hohen Ort, dann von der alten schwarzen Frau, die auf ihrer Veranda saß. Aber in diesem Traum wußte er, daß der schwarze Mann kam; er schritt durch den Mais, drängte seine verhüllte Gestalt durch die Stauden, sein schreckliches, heißes Grinsen war ihm wie ins Gesicht geschweißt, und er kam auf sie zu, immer näher, näher. Larry wachte mitten in der Nacht auf, außer Atem und mit vor Angst zugeschnürter Brust. Die anderen schliefen wie Steine. Irgendwie hatte er es in diesem Traum gewußt. Der schwarze Mann war nicht mit leeren Händen gekommen. In den Armen hielt er, während er durch den Mais schritt, wie eine Opfergabe den verwesten Leichnam von Rita Blakemoor, der jetzt steif und aufgedunsen war, das Fleisch von Murmeltieren und Wieseln zerfetzt. Eine stumme Anklage, die ihm vor die Füße geworfen werden würde, damit sie den anderen seine Schuld hinausschrie und damit stumm verkündete, daß er kein netter Kerl war, daß ihm etwas fehlte, daß er ein Verlierer war, ein Nehmer.

Schließlich schlief er wieder ein, und bis er am nächsten Morgen um sieben frierend, hungrig und mit voller Blase aufwachte, war sein Schlaf traumlos.

»Mein Gott«, sagte Nadine mit ausdrucksloser Stimme. Larry betrachtete sie und sah eine Enttäuschung, die zu überwältigend für Tränen war. Ihr Gesicht war blaß, die so bemerkenswerten Augen blickten umwölkt und stumpf.

Es war Viertel nach sieben am 19. Juli, die Schatten wurden lang. Sie waren den ganzen Tag gefahren, hatten jeweils nur fünf Minuten Rast gemacht und nur eine halbe Stunde Mittagspause in Randolph. Keiner hatte sich beschwert, obwohl Larrys Körper nach sechs Stunden auf dem Motorrad verkrampft war und schmerzte und ihn überall Nadeln stachen.

Jetzt standen sie zusammen in einer Reihe vor einem schmiedeeisernen Zaun des Seuchenzentrums. Unter und hinter ihnen lag die Stadt Stovington, die sich kaum verändert hatte, seit Stu Redman sie in den letzten Tagen seines Aufenthalts in diesem Komplex gesehen hatte. Hinter dem Zaun und dem Rasen, der einmal so gepflegt gewesen, jetzt aber verwuchert und mit Blättern und Zweigen übersät war, die die nachmittäglichen Stürme darauf geweht hatten, befand sich die Anlage selbst, drei Stockwerke hoch. Aber der größte Teil, vermutete Larry, unterirdisch. Die Anlage war verlassen, still, einsam.

Mitten auf dem Rasen stand ein Schild mit der Aufschrift:

SEUCHENZENTRUM STOVINGTON

REGIERUNGSGELÄNDE! BESUCHER

BEIM PFÖRTNER ANMELDEN

Daneben stand ein zweites Schild, und darauf schauten sie alle.

ROUTE 7 nach RUTLAND

HIER SIND ALLE TOT

ROUTE 4 nach SCHUYLERVILLE

WIR ZIEHEN WEITER NACH NEBRASKA

ROUTE 2 zur I-87

BLEIBEN SIE AUF UNSERER ROUTE

I-87 SÜDLICH ZUR I-90

HALTEN SIE NACH SCHILDERN AUSSCHAU 

I-90 NACH WESTEN

HAROLD EMERY LAUDER

FRANCES GOLDSMITH

STUART REDMAN

LAWRENCE BATEMAN

8. JULI 1990

»Mein guter Harold«, murmelte Larry. »Ich kann es kaum erwarten, dir die Hand zu schütteln und dir ein Bier auszugeben... oder einen Payday-Riegel.«

»Larry!« sagte Lucy erschrocken.

Nadine war ohnmächtig geworden.

45

Um zwanzig vor elf am 20. Juli schlurfte sie auf die Veranda und trug Kaffee und Toast mit sich hinaus, wie jeden Tag, wenn das Coca-Cola-Thermometer vor dem Fenster über der Spüle mehr als zehn Grad anzeigte. Es war Hochsommer, der schönste Sommer seit 1955, wie sich Mutter Abagail genau erinnerte, jenem Jahr, als ihre Mutter im gesegneten Alter von dreiundneunzig Jahren gestorben war. Schade, daß nicht mehr Leute da sind, die sich an einem solchen Sommer erfreuen können, dachte sie, als sie sich vorsichtig in den Schaukelstuhl ohne Lehnen setzte. Aber hatten sich die Leute je darüber gefreut? Einige natürlich: junge Menschen, die sich liebten, und alte Leute, deren Knochen sich noch deutlich an die tödliche Umklammerung des Winters erinnerten. Jetzt waren die meisten jungen und alten Leute tot, und die dazwischen auch. Gott hatte ein strenges Gericht über die Menschheit gebracht.

Manche mochten ein so strenges Gericht als zu hart empfinden, aber Mutter Abagail zählte nicht dazu. Er hatte es schon einmal mit Wassser getan, und irgendwann einmal würde Er es mit Feuer tun. Es war nicht ihre Sache, über Gott zu richten, obwohl sie wünschte, Er hätte diesen Kelch an ihr vorübergehen lassen. Aber wenn es um Gericht ging, gab sie sich mit der Antwort zufrieden, die Gott Moses aus dem brennenden Busch gegeben hatte, als Moses Fragen für angebracht hielt. Wer bist du! fragt Moses, und Gott ruft so gewitzt, wie man sich nur wünschen kann aus dem Busch: Ich bin der ICH BIN. Mit anderen Worten: Moses, hör auf, auf diesen Busch hier zu klopfen, und sieh zu, daß du deinen alten Hintern bewegst.

Sie kicherte und nickte mit dem Kopf und tauchte den Toast in den breiten Mund der Tasse, bis er so weich war, daß sie ihn kauen konnte. Vor sechzehn Jahren hatte sie ihrem letzten Zahn Lebewohl gesagt. Zahnlos war sie aus dem Leib ihrer Mutter gekommen, und zahnlos würde sie ins Grab sinken.

Ihre Urenkelin Molly und ihr Mann hatten ihr ein Jahr später zum Muttertag ein Gebiß geschenkt, dem Jahr, als sie selbst dreiundneunzig wurde, aber es tat ihr am Gaumen weh, und sie trug es nur, wenn Molly und Jim zu Besuch kamen. Dann nahm sie es aus dem Kasten in der Schublade, spülte es gut ab und setzte es ein. Und wenn sie noch Zeit hatte, bevor Molly und Jim kamen, schnitt sie Grimassen im fleckigen Spiegel in der Küche und knurrte durch diese großen, weißen falschen Zähne und lachte Tränen. Sie sah aus wie ein alter schwarzer Alligator aus den Everglades.

Sie war alt und schwach, aber ihr Verstand war noch ziemlich in Ordnung. Sie hieß Abagail Freemantle und war 1882 geboren, was sie mit ihrer Geburtsurkunde beweisen konnte. Sie hatte in ihrem Leben auf Erden viel gesehen, aber nichts, was man mit den Ereignissen des vergangenen Monats oder so auch nur annähernd vergleichen konnte. Nein, so etwas war noch nie dagewesen, und jetzt kam die Zeit, wo sie in die Sache hineingezogen wurde, und das war ihr zuwider. Sie war alt. Sie wollte ihre Ruhe haben und sich am Wechsel der Jahreszeiten freuen, bis Gott es leid war, sie bei ihrer täglichen Runde zu beobachten, und beschloß, sie in sein Reich zu holen. Aber was geschah, wenn man Gott in Frage stellte? Die Antwort, die man dann bekam, hieß: Ich bin der ICH BIN, und das war alles. Als sein eigener Sohn ihn bat, er möge den Kelch an ihm vorübergehen lassen, hatte Gott nicht einmal geantwortet ... und sie stand unendlich viel tiefer. Nur eine ganz gewöhnliche Sünderin, das war sie, und der Gedanke ängstigte sie, daß Gott herabgeschaut hatte, als im Frühjahr 1882 ein kleines Mädchenbaby den Kopf zwischen den Beinen seiner Mutter herausstreckte, und zu sich gesagt hatte: Ich werde sie lange Zeit auf der Erde lassen. 1990, hinter einem riesigen Berg von Kalenderblättern, wartet Arbeit auf sie.