Ihre Zeit hier in Hemingford Home ging zu Ende, und die letzte Arbeit, die sie noch zu verrichten hatte, lag vor ihr im Westen, in der Nähe der Rocky Mountains. Er hatte Moses einen Berg besteigen und Noah ein Boot bauen lassen; er hatte mitangesehen, wie sein eigener Sohn ans Kreuz genagelt wurde. Was kümmerte es ihn, welche schreckliche Angst Abagail Freemantle vor dem Mann ohne Gesicht hatte, vor ihm, der sie in ihren Träumen verfolgte?
Sie sah ihn nie; sie mußte ihn nicht sehen. Er war ein Schatten, der um die Mittagszeit durch den Mais schlich, ein kalter Lufthauch, eine Aaskrähe, die von einem Telefondraht auf einen herabsah. Seine Stimme sprach zu ihr in all jenen Lauten, vor denen sie sich immer gefürchtet hatte - flüsternd war sie wie das Ticken eines Klopfkäfers unter der Treppe, der den baldigen Tod eines nahen Angehörigen verkündet; dröhnend war sie wie der Donner in den Wolken, die aus dem Westen kamen wie ein tobendes Armageddon. Und manchmal hörte sie keinen Laut, nur das einsame Rauschen des Nachtwinds im Mais, aber sie wußte, daß er in der Nähe war, auch wenn sie ihn nicht sehen konnte, und das war das Allerschlimmste, denn dann schien der Mann ohne Gesicht nur wenig geringer als Gott selbst zu sein; dann schien es, als wäre sie in Reichweite des dunklen Engels, der schweigend über Ägypten geflogen war und in jedem Haus, dessen Türpfosten nicht mit Blut bespritzt war, das Erstgeborene getötet hatte. Das ängstigte sie am allermeisten. Sie wurde wieder zum Kind in ihrer Angst und wußte, daß auch andere ihn kannten und Angst vor ihm hatten, aber nur ihr allein war eine klare Vision von seiner schrecklichen Macht zuteil geworden.
»Ach, ja«, sagte sie und schob das letzte Stück Toast in den Mund. Sie schaukelte hin und her und trank Kaffee. Es war ein schöner heller Tag, kein Teil ihres Körpers machte ihr besondere Beschwerden, und sie sprach ein kurzes Dankgebet für dieses Geschenk. Gott ist groß, Gott ist gut; das kleinste Kind konnte diese Worte lernen, und sie umfaßten die ganze Welt und alles, was darin war, gut und böse.
»Gott ist groß«, sagte Mutter Abagail. »Gott ist gut. Danke für den Sonnenschein und für den Kaffee. Für den guten Stuhlgang von gestern abend. Du hattest recht, die Datteln haben es geschafft, aber lieber Gott, ich finde den Geschmack so ekelhaft. Was bin ich nur für eine? Gott ist groß...«
Sie hatte den Kaffee fast ausgetrunken. Sie stellte die Tasse ab und schaukelte; ihr der Sonne zugewandtes Gesicht war wie ein seltsames lebendes, von Kohleadern durchzogenes Stück Fels. Sie döste... sie schlief. Ihr Herz, dessen Wände jetzt so dünn waren wie Seidenpapier, schlug, wie es während der letzten 39475 Tage jede Minute geschlagen hatte. Wie bei einem Baby in der Wiege hätte man die Hand auf ihre Brust legen müssen, um festzustellen, ob sie überhaupt atmete.
Aber das Lächeln blieb.
Seit den Jahren, da sie ein Mädchen gewesen war, hatte sich alles sehr verändert. Die Freemantles waren als befreite Sklaven nach Nebraska gekommen, und Abagails eigene Urenkelin Molly hatte einmal auf gemeine, zynische Weise gelacht und angedeutet, dass das Geld, mit dem Abbys Vater ihr Haus gekauft hatte - Geld, das ihm Sam Freemantle aus Lewis, South Carolina, als Lohn für die acht Jahre bezahlt hatte, die ihr Daddy und seine Brüder nach Ende des Bürgerkriegs geblieben waren -, »Gewissensgeld« gewesen sei. Abagail hatte den Mund gehalten, als Molly das gesagt hatte - Molly und Jim und die anderen waren jung und verstanden nur extrem Gutes und extrem Böses - aber innerlich hatte sie die Augen verdreht und zu sich gesagt: Gewissensgeld? Nun, kann es denn Geld geben, das sauberer ist?
Die Freemantles hatten sich also in Hemingford Home niedergelassen, und Abby war als letztes Kind ihrer Eltern hier geboren worden. Ihr Vater hatte es verstanden, die Leute umzustimmen, die weder von Niggern kaufen noch ihnen etwas verkaufen wollten; er erwarb immer nur ein kleines Stück Land auf einmal, um keinen zu beunruhigen, der sich wegen »dieser schwarzen Dreckskerle in Columbus« Sorgen machte; er war der erste im Polk-County gewesen, der den Fruchtwechsel einführte, der erste, der Kunstdünger verwendete; und im März 1902 war Gary Sites ins Haus gekommen, um John Freemantle mitzuteilen, daß er in die Farmervereinigung aufgenommen worden war. Er war der erste Schwarze im ganzen Staat Nebraska, der das geschafft hatte. Das war ein großartiges Jahr gewesen.
Ihr kam in den Sinn, daß jeder, der auf sein Leben zurückblickte, sich ein Jahr herausgreifen und sagen konnte: »Das war das beste.« Es schien, als gäbe es für jeden eine Jahreszeit, wenn alles sich zusammenfügte, passend und harmonisch und voller Wunder. Erst später machte man sich Gedanken darüber, warum es so gekommen war. Es war, als würde man zehn Köstlichkeiten zugleich in den Kühlschrank tun, so daß jede ein wenig den Geschmack der anderen annahm. Die Pilze schmeckten nach Schinken, der Schinken nach Pilzen; das Wildbret hatte einen Hauch des wilden Geschmacks von Rebhuhn und das Rebhuhn einen winzigen Hauch Gurke. Im späteren Leben wünschte man sich vielleicht, daß all die guten Dinge, die man in einem einzigen Jahr bekommen hatte, etwas besser verteilt gewesen wären, daß man eines der goldenen Dinge nehmen und über einen Zeitraum von vielleicht drei Jahren verteilen könnte, in denen einem nichts Gutes widerfahren war, an das man sich erinnern konnte, nicht einmal etwas Schlechtes. Aber es hatte eben alles seinen geregelten Gang genommen, wie es nun mal auf dieser Welt sein sollte, die Gott geschaffen und Adam und Eva um ein Haar zerstört hatten - die Wäsche war gewaschen, die Böden waren geschrubbt, die Kinder versorgt und die Kleider genäht worden; drei Jahre, in denen nichts den einförmigen grauen Strom der Zeit unterbrochen hatte, abgesehen von Ostern, dem 4. Juli, Erntedank und Weihnachten. Aber die Art und Weise, wie Gott seine Wunder wirkte, war für die Menschen unergründlich, und für Abby Freemantle und ihren Vater war 1902 ein großartiges Jahr gewesen.
Abby hielt sich für die einzige in der Familie - das heißt, abgesehen von ihrem Daddy -, die begriff, was für eine große, fast beispiellose Sache es war, in die Farmervereinigung aufgenommen zu werden. Er war der erste Neger in Nebraska, wahrscheinlich der erste in den Vereinigten Staaten. Er machte sich keinerlei Illusionen über den Preis, den er und seine Familie in Form von grausamen Witzen und Diskriminierungen jener Männer bezahlen mußten - zu allererst von Ben Conveigh -, die dagegen gewesen waren. Aber Daddy sah auch ein, daß Gary Sites ihm mehr als eine Chance zum Überleben gab: Gary gab ihm die Möglichkeit, wie alle anderen im Maisgürtel zu Wohlstand zu kommen.
Als Mitglied der Vereinigung würde er keine Probleme mehr haben, gutes Saatgut zu kaufen. Und er mußte seine Ernte nicht mehr bis Omaha bringen, um einen Käufer zu finden. Die Mitgliedschaft in der Farmervereinigung konnte das Ende des Streits über Wasserrechte bedeuten, den er mit Ben Conveigh hatte, der rasend wurde, wenn es ums Thema Nigger wie John Freemantle und Niggerfreunde wie Gary Sites ging. Es wäre sogar möglich, daß der Steuereintreiber des County mit seinen endlosen Schikanen aufhörte. Daher nahm John Freemantle die Einladung an, und die Abstimmung erfolgte zu seinen Gunsten (und zwar mit einer beruhigenden Mehrheit), und es wurden derbe Witze gemacht, Witze darüber, wie ein Waschbär auf dem Dachboden des Gebäudes der Farmervereinigung erwischt worden war, und darüber, daß man ein Niggerbaby, wenn es in den Himmel kam und seine schwarzen Flügel erhielt, nicht Engel, sondern Fledermaus nannte, und Ben Conveigh lief eine Weile herum und erzählte, der einzige Grund, warum die Vereinigung John Freemantle aufgenommen hatte, wäre der, daß die Kinderkirmes bevorstand und sie einen Nigger brauchten, der den afrikanischen Orang-Utan spielte. John Freemantle hatte so getan, als hätte er das alles nicht gehört, und daheim las er aus der Bibel - »eine leise Antwort vertreibt den Zorn« und »Brüder, wie ihr säet, so sollt ihr auch ernten«, und sein Lieblingszitat, das er nicht demütig sprach, sondern voll grimmiger Überzeugung und Vorfreude: »Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen.«