Der Mann mit der olivfarbenen Haut, der in einer Sprache fluchte, bei der es sich ganz zweifellos um Italienisch handelte, legte wieder auf Harold an, dann feuerte Stu; die Stirn des Mannes mit der olivfarbenen Haut wurde nach innen gedrückt, und er klappte zusammen wie ein Sack Kartoffeln.
Mittlerweile beteiligte sich noch eine dritte Frau am Gerangel um die Schrotflinte. Der Mann, der sie verloren hatte, bemühte sich, alle drei wegzudrängen. Die dritte Frau griff ihm zwischen die Beine, packte den Schritt seiner Jeans und drückte zu. Fran sah, wie ihre Sehnen bis hinauf zum Ellbogen hervortraten. Der Mann schrie. Der Mann verlor das Interesse an der Schrotflinte. Der Mann griff sich an die Genitalien und humpelte vornübergebeugt davon.
Harold kroch über die Straße zu seiner Pistole und warf sich darauf. Er hob sie und schoß auf den Mann, der sich die Genitalien hielt. Er feuerte dreimal - und dreimal daneben.
Wie bei Bonnie und Clyde, dachte Frannie. Herrgott, überall Blut!
Die blonde Frau mit dem geschorenen Haar hatte den Kampf um die Waffe des zweiten Mannes verloren. Er riß sich los und trat nach der Frau, möglicherweise nach dem Magen, aber statt dessen traf er sie mit einem schweren Stiefel am Oberschenkel. Sie kippte nach hinten, ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und landete mit einem feuchten Platscher auf dem Hintern.
Jetzt erschießt er sie, dachte Frannie, aber der zweite Mann wirbelte herum wie ein betrunkener Soldat, der eine Kehrtwendung macht, und feuerte rasch hintereinander in die Gruppe der drei Frauen, die sich immer noch an die Seite des Country Squire drängten.
»Jaaa! Flittchen!« schrie dieser Herr. »Jaaaa! Ihr Flittchen!«
Eine der Frauen kippte um und zappelte auf dem Asphalt zwischen Kombi und umgestürztem Wohnwagen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Die beiden anderen Frauen stürmten los. Stu feuerte auf den Schützen und verfehlte ihn. Der zweite Mann schoß auf eine der fliehenden Frauen und verfehlte nicht. Sie warf die Hände hoch und stürzte zu Boden. Die andere schlug einen Haken nach links und verschwand hinter dem rosa Wohnwagen.
Der dritte Mann, der die Schrotflinte verloren und nicht zurückbekommen hatte, stolperte immer noch herum und hielt sich den Unterleib. Eine der Frauen richtete die Schrotflinte auf ihn und drückte beide Abzüge - sie hatte die Augen zugekniffen und den Mund in Erwartung des Knalls verzerrt. Der Knall erfolgte nicht. Die Schrotflinte war leer. Die Frau drehte sie um, so daß sie die Waffe am Lauf hielt, und holte in weitem Bogen mit dem Kolben aus. Sie verfehlte seinen Kopf, traf aber die Stelle, wo der Hals in die rechte Schulter überging. Der Mann sank auf die Knie. Er kroch davon. Die Frau, die ein blaues Sweatshirt mit der Aufschrift KENT STATE UNIVERSITY und verwaschene Jeans trug, ging neben ihm her und schlug dabei mit der Schrotflinte auf ihn ein. Der Mann kroch weiter und blutete mittlerweile ganze Sturzbäche, und die Frau im Sweatshirt von Kent State drosch immer noch auf ihn ein.
»Jaaaaa, ihr Flittchen!« schrie der zweite Mann und feuerte auf eine benommen murmelnde Frau mittleren Alters. Die Entfernung zwischen Frau und Mündung betrug bestenfalls drei Schritte; sie hätte fast die Hand ausstrecken und den Lauf mit einem rosa Finger berühren können. Er verfehlte. Er drückte noch einmal den Abzug, aber diesmal löste sich kein Schuß mehr.
Harold hielt die Pistole jetzt mit beiden Händen, wie er es bei Polizisten im Film gesehen hatte. Er drückte ab, die Kugel zerschmetterte dem zweiten Mann den Ellbogen. Der zweite Mann ließ das Gewehr fallen, tanzte auf und ab und gab ein schrilles, abgehacktes Wimmern von sich. Frannie fand, er hörte sich ein wenig wie Roger Rabbit an, der »B -b-biiiitte!« sagte.
»Ich hab' ihn!« kreischte Harold wie von Sinnen. »Hab' ihn! Bei Gott, ich habe ihn!«
Schließlich fiel Frannie der Sicherungsbolzen ihres Gewehrs wieder ein. Sie drückte ihn in dem Moment mit dem Daumen hinunter, als Stu noch einmal schoß. Der zweite Mann stürzte und hielt sich jetzt den Magen, nicht mehr den Ellbogen. Er schrie weiterhin.
»Mein Gott, mein Gott«, sagte Glen leise. Er verbarg das Gesicht in den Händen und fing an zu weinen.
Harold schoß noch einmal mit der Pistole. Der Körper des zweiten Mannes zuckte. Er hörte auf zu schreien.
Die Frau im Kent -State-University-Sweatshirt schlug wieder mit dem Kolben der Schrotflinte zu; diesmal erwischte sie den Kopf des kriechenden Mannes mit voller Wucht. Es hörte sich an, als hätte Jim Rice - Wumm! - einen hohen, harten Fastball getroffen. Sowohl der Walnußkolben der Schrotflinte als auch der Kopf des Mannes zersplitterten.
Einen Augenblick herrschte Schweigen. Ein Vogel unterbrach es: Witwit... witivit... witwit.
Dann stellte sich das Mädchen im Sweatshirt breitbeinig über den Leichnam des dritten Mannes und stieß einen langen, urwelthaften Triumphschrei aus, der Fran Goldsmith für den Rest ihres Lebens verfolgen sollte.
Das blonde Mädchen war Dayna Jürgens aus Xenia, Ohio. Das Mädchen im Sweatshirt der Kent State war Susan Stern. Die dritte Frau, die den Schrotflintenschützen in die Genitalien gekniffen hatte, war Patty Kroger. Die beiden anderen waren deutlich älter. Die älteste, sagte Dayna, war Shirley Hammett. Den Namen der anderen Frau, die Mitte Dreißig zu sein schien, kannt en sie nicht; sie war im Trancezustand durch die Straßen geschlendert, als AI, Garvey, Virge und Ronnie sie vor zwei Tagen in der Stadt Archbold aufgelesen hatten.
Die neun verließen den Highway und lagerten in einem Farmhaus westlich von Columbia, jenseits der Staatsgrenze lowas. Sie alle standen unter Schock, und Fran dachte später oft, der Fußmarsch der Gruppe vom umgestürzten rosa Wohnwagen auf der Mautstraße durch die Felder müßte einem zufälligen Beobachter wie der Ausflug der Insassen des nächstgelegenen Irrenhauses vorgekommen sein. Das Gras, das hoch war und noch naß vom nächtlichen Regen, hatte ihre Hosen bald durchweicht. Weiße Schmetterlinge, noch träge mit ihren feuchten Flügeln, flatterten in trunkenen Kreisen und Achten auf sie zu und wieder weg. Die Sonne bemühte sich durchzukommen, hatte es aber noch nicht geschafft; sie war ein heller, wäßriger Fleck, der schwach eine eintönige weiße Wolkendecke erhellte, die sich von einem Horizont zum nächsten spannte. Aber mit oder ohne Wolkendecke, der Tag war jetzt schon heiß und schwül; kreisende Krähenschwärme mit ihren krächzenden, häßlichen Schreien zogen am Himmel dahin. Es gibt jetzt mehr Krähen als Menschen, dachte Fran benommen. Wenn wir nicht aufpassen, picken sie uns buchstäblich vom Antlitz der Erde. Rache der schwarzen Vögel. Waren Krähen Fleischfresser? Sie hatte die starke Befürchtung.
Hinter diesem unablässigen, sinnlosen Strom, kaum sichtbar wie die Sonne hinter der schmelzenden Wolkendecke (aber kräftig wie die Sonne an diesem schrecklichen, schwülen Morgen des 30. Juli 1990), rasten immer wieder die Bilder Schießerei durch ihr Hirn. Das Gesicht der Frau, das von der Schrotsalve zerfetzt wurde. Stu, wie er zu Boden stürzte. Der Augenblick des Entsetzens, als sie sicher gewesen war, daß es Stu erwischt hatte. Ein Mann, der Jaaa, ihr Flittchen! schrie und sich anhörte wie Roger Rabbit, als Harold ihn durchlöcherte. Das Stahl-durch-Pappkarton-Geräusch der Pistole des Bärtigen. Susan Sterns animalischer Siegesschrei, als sie breitbeinig über dem Leichnam ihres Feindes stand, während sein noch warmes Gehirn aus seinem zertrümmerten Schädel quoll. Glen ging neben ihr; sein schmales, sonst sardonisches Gesicht war jetzt beunruhigt, das graue Haar flatterte strähnig um seinen Kopf, als wollte es die Schmetterlinge nachahmen. Er hielt ihre Hand und tätschelte sie ständig wie zwanghaft.