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Unerwarteterweise antwortete Shirley Hammett darauf.

»Tabletten«, sagte sie und sah die anderen mit ihren ängstlichen Mausaugen unter den grauen Brauen hervor an. »Jeden Morgen Tabletten zum Aufstehen und jeden Abend Tabletten zum Hinlegen. Rauf und runter.« Ihre Stimme wurde immer leiser, das letzte war kaum zu hören. Sie machte eine Pause, dann fing sie wieder an zu murmeln.

Susan Stern nahm den Faden der Geschichte auf. Sie und eine der toten Frauen, Kachel Carmody, waren am 17. Juni außerhalb von Columbus aufgegriffen worden. Da reiste die Gruppe schon in einem Konvoi, der aus zwei Kombis und dem Abschleppwagen bestand. Mit dem Abschleppwagen räumten die Männer liegengebliebene Fahrzeuge aus dem Weg oder sperrten den Highway ab, je nachdem, was für Gelegenheiten sich boten. Doc führte die Hausapotheke in einem übergroßen Beutel am Gürtel mit sich. Starke Betäubungsmittel zum Schlafen; Beruhigungsmittel für die Reise; rote Pillen zum Aufmuntern.

»Ich stand morgens auf, wurde zwei- oder dreimal vergewaltigt und wartete nur darauf, daß Doc die Pillen verteilte«, sagte Susan nüchtern. »Die Tagespillen meine ich. Am dritten Tag hatte ich Abschürfungen an der... nun, Sie wissen schon, an der Vagina, und jede Art von normalem Verkehr war äußerst schmerzhaft. Ich hoffte auf Ronnie, denn Ronnie wollte immer nur einen geblasen bekommen. Aber nach den Pillen wurde man ganz ruhig. Nicht schläfrig, nur ruhig. Wenn man ein paar von diesen blauen Pillen geschmissen hatte, war einem alles scheißegal. Man wollte nur noch mit den Händen im Schoß dasitzen und zusehen, wie sie mit dem Abschleppwagen ein Hindernis aus dem Weg räumten. Eines Tages wurde Garvey wütend, weil ein Mädchen, sie konnte nicht älter als zwölf gewesen sein, sie wollte nicht... ich werde es Ihnen nicht erzählen. So schlimm war es. Garvey hat ihr einfach den Kopf weggepustet. Es war mir einerlei. Ich war nur... ruhig. Nach einer Weile dachte man fast nicht mehr an Flucht. Diese blauen Tabletten waren wichtiger als die Flucht.«

Dayna und Patty Kroger nickten.

Aber den Kerlen schien klarzusein, daß zwölf Frauen ihre Leistungsgrenze waren, sagte Patty. Als sie Patty am 22. Juli in ihren »Zoo« nahmen, nachdem sie den etwa fünfzigjährigen Mann, mit dem sie reiste, ermordet hatten, töteten sie eine sehr alte Frau, die etwa eine Woche Mitglied des »Zoo« gewesen war. Als das namenlose Mädchen in der Nähe von Archbold aufgegriffen wurde, hatten sie ein sechzehnjähriges Mädchen erschossen und im Straßengraben liegenlassen, weil es schielte. »Doc hat Witze darüber gemacht«, sagte Patty. »Er sagte immer: >Ich gehe nicht unter Leitern durch, ich laufe keiner schwarzen Katze über den Weg, und ich dulde keine dreizehn Frauen in meinem Zoo.<«

Am 29. hatten sie Stu und die anderen zum ersten Mal gesehen. Der Zoo hatte an einem Rastplatz an der Interstate gelagert, als die vier vorbeigefahren waren.

»Garvey war sehr angetan von Ihnen«, sagte Susan und nickte Frannie zu. Frannie erschauerte.

Dayna beugte sich näher zu ihnen und sagte: »Und die Kerle haben uns deutlich zu verstehen gegeben, wessen Platz Sie einnehmen sollten.« Sie nickte fast unmerklich zu Shirley Hammett, die immer noch murmelte und Grahamcracker aß.

»Die arme Frau«, sagte Frannie.

»Dayna kam zur Überzeugung, daß ihr unsere Chance sein könntet«, sagte Patty. »Oder vielleicht unsere letzte Chance. Es waren drei Männer in eurer Gruppe - das hatten sie und Heien Roget gesehen. Drei bewaffnete Männer. Und Doc war ein wenig zu selbstsicher geworden, was den Trick mit dem umgestürzten Wohnwagen auf der Straße anbelangt. Doc benahm sich einfach wie ein Beamter, und die Männer der Gruppen, denen sie begegneten - sofern überhaupt Männer dabei waren -, fügten sich einfach. Und wurden erschossen. Das funktionierte wie Zauberei.«

»Dayna hat uns gebeten zu versuchen, die Tabletten heute morgen nicht zu nehmen«, fuhr Susan fort. »Doc und die anderen achteten nicht mehr so genau darauf, ob wir sie wirklich nahmen, und wir wußten, heute morgen würden sie damit beschäftigt sein, den großen Wohnwagen auf die Straße zu schleppen und umzukippen. Wir haben es nicht allen gesagt. Nur Dayna und Patty und Heien Roget waren eingeweiht... eins der Mädchen, das Ronnie erschossen hat. Und natürlich ich. Heien sagte: >Wenn sie uns dabei erwischen, wie wir die Tabletten in die Handflächen spucken, bringen sie uns um.< Und Dayna sagte, früher oder später würden sie uns sowieso umbringen. Wenn wir Glück hatten, früher. Das war uns allen klar. Also haben wir es gemacht.«

»Ich mußte meine Tablette eine ganze Weile im Mund behalten«, sagte Patty. »Als ich sie endlich ausspucken konnte, hatte sie schon angefangen, sich aufzulösen.« Sie sah Dayna an. »Ich glaube, Helen mußte ihre sogar tatsächlich schlucken. Darum war sie so langsam.«

Dayna nickte. Sie betrachtete Stu mit einer Zuneigung, die Frannie unbehaglich stimmte. »Es hätte trotzdem nicht funktioniert, wenn du nicht so schnell geschaltet hättest, Großer.«

»Sieht so aus, als hätte ich längst nicht schnell genug geschaltet«, sagte Stu. »Aber nächstes Mal.« Er stand auf, ging zum Fenster und sah hinaus. »Wißt ihr, das ist auch etwas, was mir angst macht«, sagte er. »Wie schnell wir alle schalten.«

Fran gefiel noch weniger, wie verständnisvoll Dayna ihm nachsah. Nach allem, was sie durchgemacht hatte, hatte Dayna kein Recht, verständnisvoll dreinzublicken. Und sie ist trotz allem viel hübscher als ich, dachte Fran. Und ich bezweifle, daß sie schwanger ist.

»In dieser Welt muß man schnell schalten, Großer«, sagte Dayna.

»Schnell schalten oder sterben.«

Stu drehte sich zu ihr um und sah sie zum ersten Mal wirklich an, und Frannie verspürte einen Stich unverhohlenster Eifersucht. Ich habe zu lange gewartet, dachte sie. Mein Gott, das habe ich, ich habe dagesessen und zu lange gewartet.

Sie sah zu Harold und stellte fest, daß Harold verhalten lächelte - hinter vorgehaltener Hand, damit man es nicht sah. Es sah wie ein erleichtertes Lächeln aus. Ihr war zumute, als müßte sie aufstehen, ganz beiläufig zu Harold gehen und ihm mit den Fingernägeln die Augen auskratzen.

Niemals, Harold! würde sie schreien, während sie das tat. Niemals!

Niemals?

Aus Fran Goldsmiths Tagebuch

11. Juli 1990

O Gott. Schlimmer hätte es nicht kommen können. In Romanen geschieht etwas, aber dann ist es auch vorbei, oder irgend etwas ändert sich. Aber im wirklichen Leben scheint es immer weiterzugehen, wie bei einer Familienserie, wo es nie zu einem Finale kommt. Vielleicht sollte ich jetzt etwas unternehmen, um die Dinge zu klären, es einfach riskieren, aber ich habe solche Angst, daß zwischen den beiden etwas passieren könnte und. Man kann einen Satz nicht mit »und« beenden, aber ich habe Angst davor, was nach der Konjunktion kommen könnte.

Laß mich dir alles erzählen, liebes Tagebuch, obwohl es wirklich keinen Spaß macht, es aufzuschreiben. Ich denke nicht mal gern daran.

Glen und Stu fuhren kurz vor Anbrach der Dämmerung in die Stadt (es handelt sich um Girard, Ohio) und wollten Lebensmittel besorgen, möglichst Nahrungskonzentrate oder gefriergetrocknete Sachen. Die sind leicht zu transportieren, und einige Konzentrate schmecken echt lecker, aber was mich betrifft, hat das ganze gefriergetrocknete Essen den gleichen Geschmack, nämlich wie getrocknete Truthahnkacke. Und wann hat man schon getrocknete Truthahnkacke gegessen, um mal einen Vergleich zu bringen? Vergiß es, Tagebuch, es gibt Dinge, über die man nie spricht, ha-ha.

Die anderen fragten Harold und mich, ob wir mitkommen wollten, aber ich sagte, ich hätte für heute die Nase voll vom Motorradfahren, und ob sie ohne mich auskommen könnten, und Harold sagte nein, er wolle Wasser holen und es abkochen. Wahrscheinlich heckte er schon einen Plan aus. Es tut mir leid, daß ich ihn so ränkeschmiedend darstelle, aber Tatsache ist, er ist es nun einmal.