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»Oder zu dem anderen«, sagte Frannie.

Stu nickte. »Ja, oder zu ihm, Fran. Warum nimmst du das Veronal nicht mehr?«

Sie stieß einen zitternden Seufzer aus und fragte sich, ob sie es ihm sagen sollte. Sie wollte es, wußte aber nicht, wie er reagieren würde.

»Man weiß nie, was eine Frau tun wird«, sagte sie schließlich.

»Nein«, stimmte er zu. »Aber vielleicht kann man feststellen, was sie denkt.«

»Was...«, fing sie an, aber er verschloß ihr den Mund mit einem Kuß.

Sie lagen im letzten Dämmerschein im Gras. Leuchtendes Rot war kaltem Purpur gewichen, während sie sich liebten, und jetzt konnte Frannie die Sterne durch die letzten Wolken funkeln sehen. Morgen würden sie gutes Reisewetter haben. Mit etwas Glück konnten sie fast ganz Indiana hinter sich bringen.

Stu schlug träge nach einer Stechmücke, die über seiner Brust schwebte. Sein Hemd hing in der Nähe an einem Busch. Fran hatte die Bluse an, aber aufgeknöpft. Ihre Brüste rieben an Stoff, und sie dachte: Ich werde merklich dicker... noch sieht's keiner, nur ich selbst.

»Ich wollte dich schon ziemlich lange«, sagte Stu, ohne sie direkt anzusehen. »Ich glaube, das weißt du.«

»Ich wollte Schwierigkeiten mit Harold vermeiden«, sagte sie. »Und da ist noch etwas, das...»

»Harold muß noch viel lernen«, sagte Stu, »aber er hat das Zeug zu einem prima Kerl in sich, wenn er sich zusammenreißt. Du magst ihn, oder nicht?«

»Das ist nicht das richtige Wort. Es gibt im Englischen kein Wort für das, was ich für Harold empfinde.«

»Und was empfindest du für mich?« fragte er.

Sie sah ihn an und stellte fest, es war ihr unmöglich, ihm zu sagen, daß sie ihn liebte, jedenfalls so direkt, obwohl sie es wollte.

»Nein«, sagte er, als hätte sie ihm widersprochen. »Ich möchte nur klare Verhältnisse. Du willst nicht, daß Harold jetzt schon davon erfährt. Ist es nicht so?«

»Ja«, sagte sie dankbar.

»Ist auch besser so. Wenn wir uns etwas zurückhalten, regelt sich vielleicht alles von selbst. Ich habe gesehen, wie er manchmal Patty anschaut. Sie ist ungefähr in seinem Alter.«

»Ich weiß nicht...«

»Du empfindest ihm gegenüber aus Verpflichtung Dankbarkeit, richtig?«

»Ich glaube schon. Wir waren die einzigen Überlebenden in Ogunquit und...«

»Das war Zufall, Frannie, reines Glück, mehr nicht. Das verpflichtet dich zu gar nichts.«

»Vermutlich.«

»Ich glaube, ich liebe dich«, sagte er. »Es fällt mir nicht leicht, das zu sagen.«

»Ich glaube, ich liebe dich auch. Aber da ist noch etwas...«

»Das wußte ich.«

»Du hast mich gefragt, warum ich die Tabletten nicht mehr nehme.«

Sie zupfte an ihrer Bluse und wagte nicht, ihn anzusehen. Ihre Lippen fühlten sich ungewöhnlich trocken an. »Ich habe gedacht, sie wären schlecht für das Baby«, flüsterte sie.

»Für das...« Er verstummte. Dann nahm er sie und drehte sie zu sich. »Du bist schwanger

Sie nickte.

»Und hast du keinem gesagt?«

»Nein.«

»Harold. Weiß Harold es?«

»Nur du.«

»Gott im Himmel«, sagte er. Er sah ihr auf eine so intensive Weise ins Gesicht, daß sie Angst bekam. Sie hatte sich zwei Möglichkeiten vorgestellt: Er würde sie auf der Stelle verlassen (was Jess zweifellos gemacht hätte, hätte er herausgefunden, daß sie von einem anderen Mann schwanger war), oder er würde sie in den Arm nehmen, ihr sagen, sie solle sich keine grauen Haare wachsen lassen, er würde sich um alles kümmern. Diese verblüffte, eingehende Musterung hatte sie nicht erwartet, und sie mußte an den Abend denken, als sie es ihrem Vater im Garten gesagt hatte. Er hatte sie ganz ähnlich angesehen. Sie wünschte sich, sie hätte Stu ihren Zustand gestanden, bevor er mit ihr geschlafen hatte. Vielleicht hätten sie dann überhaupt nicht miteinander geschlafen, aber wenigstens hätte er dann nicht das Gefühl gehabt, daß er an der Nase herumgeführt worden war, daß sie... wie lautete der alte Ausdruck? Aus zweiter Hand war. Dachte er das? Sie konnte es nicht sagen.

»Stu?« sagte sie mit ängstlicher Stimme.

»Du hast es keinem gesagt«, wiederholte er.

»Ich wußte nicht wie.« Jetzt waren die Tränen dicht unter der Oberfläche.

»Wann ist es soweit?«

»Januar«, sagte sie, und die Tränen kamen.

Er nahm sie in die Arme und ließ sie, ohne etwas zu sagen, wissen, daß alles in Ordnung war. Er sagte ihr nicht, sie solle sich keine grauen Haare wachsen lassen und er würde sich schon um alles kümmern, aber er schlief noch einmal mit ihr, und sie hatte das Gefühl, noch nie im Leben so glücklich gewesen zu sein. Keiner von ihnen sah Harold, der schwarz und stumm wie der dunkle Mann selbst in den Büschen stand und sie beobachtete. Keiner von ihnen wußte, daß er die Augen zu kleinen bösartigen Dreiecken zusammenkniff, als Fran ihre Lust hinausschrie, als der herrliche Orgasmus sie durchflutete.

Als sie sich erhoben, war es völlig dunkel.

Harold schlich leise davon.

Aus Fran Goldsmiths Tagebuch

1. August 1990

Gestern abend keine Eintragung, zu aufgeregt, zu glücklich. Stu und ich sind zusammen.

Er war auch der Meinung, daß ich das Geheimnis meines Einsamen Reiters so lange wie möglich bewahren soll, am besten, bis wir seßhaft geworden sind. Wenn's in Colorado ist, soll es mir recht sein. So, wie ich mich heute fühle, wäre mir sogar ein Mondkrater recht. Klingt das wie Gesülze eines verknallten Schulmädchens? Nun - wenn eine Frau in ihrem Tagebuch sich nicht wie ein verknalltes Schulmädchen ausdrücken kann, wo dann?

Aber eines muß ich noch loswerden, bevor ich das Thema Einsamer Reiter fallenlasse. Es hat mit meinen »mütterlichen Instinkten« zu tun. Gibt es so etwas? Ich finde ja. Wahrscheinlich hormonell bedingt. Ich bin seit ein paar Wochen nicht mehr die alte, aber es fällt schwer, die durch die Schwangerschaft verursachten Veränderungen von denen zu trennen, die auf die schreckliche Katastrophe zurückzuführen sind, die über die Welt gekommen ist. Aber ein Gefühl der Eifersucht BESTEHT (»Eifersucht« ist eigentlich nicht das richtige Wort, aber ein besseres finde ich heute nacht nicht), ein Gefühl, daß man dem Mittelpunkt des Universums ein Stück nähergerückt ist und seine Position dort verteidigen muß. Deshalb scheint mir das Veronal ein größeres Risiko als die Alpträume zu sein, auch wenn mir die Vernunft sagt, daß das Veronal dem Baby nicht schaden kann - jedenfalls nicht mit den geringen Dosen, die die anderen nehmen. Und ich glaube, dieses Gefühl der Eifersucht ist auch ein Teil der Liebe, die ich für Stu Redman empfinde. Mir ist, als würde ich nicht nur für zwei essen, sondern auch lieben. So, ich muß mich kurz fassen. Ich brauche meinen Schlaf, was für Träume er auch bringen mag. Wir sind nicht so schnell durch Indiana gekommen, wie wir gehofft hatten - ein schrecklicher Verkehrsunfall in der Nähe der Kreuzung Elkhart hat uns aufgehalten. Viele Fahrzeuge der Armee. Tote Soldaten. Glen, Susan Stern, Dayna und Stu nahmen so viele Waffen mit, wie sie finden konnten - etwa zwei Dutzend Gewehre, ein paar Granaten und - ja, Leute, wahrhaftig - einen Raketenwerfer. Während ich das schreibe, versuchen Harold und Stu herauszufinden, wie der Raketenwerfer, für den siebzehn oder achtzehn Raketen da sind, funktioniert. Bitte, lieber Gott, pass auf, daß sie sich nicht selbst in die Luft jagen.

Und da wir gerade von Harold sprechen, ich muß dir sagen, liebes Tagebuch, daß er NICHT DEN GERINGSTEN VERDACHT HAT (hört sich wie eine Dialogzeile aus einem alten Bette-Davis-Film an, was?). Wenn wir die Gruppe um Mutter Abagail erreicht haben, muss ich es ihm wohl sagen; es wäre nicht recht, es ihm länger zu verheimlichen, komme, was da wolle.