Aber heute war er fröhlicher & und heiterer, als ich ihn je gesehen habe. Er hat so sehr gegrinst, daß ich gedacht habe, sein Gesicht würde zerreißen! Er hat vorgeschlagen, daß Stu ihm mit dem gefährlichen Raketenwerfer helfen soll, und…
Aber jetzt kommen sie zurück. Schreibe später weiter.
Frannie schlief tief und traumlos. Wie alle, außer Harold Lauder. Irgendwann kurz nach Mitternacht stand er auf, ging leise zu der Stelle, wo Frannie lag, blieb stehen und sah auf sie hinab. Jetzt lächelte er nicht mehr, obwohl er den ganzen Tag gelächelt hatte. Manchmal hatte er heute das Gefühl gehabt, das Lächeln würde ihm das Gesicht spalten, so daß sein gemartertes Gehirn herausquoll. Vielleicht wäre das eine Wohltat gewesen.
Er sah auf sie hinab und lauschte dem sommerlichen Zirpen der Grillen. Wir haben jetzt die Hundstage, dachte er. Die Hundstage, vom 25. Juli bis zum 28. August, laut Webster's Lexikon. Sie werden so genannt, weil sich um diese Zeit die meisten Hunde mit Tollwut infizieren. Er sah auf Fran hinab, die so friedlich schlief und den zusammengerollten Pullover als Kissen benützte. Ihr Rucksack stand neben ihr.
Jeder Hund hat seinen Tag, Frannie.
Er kniete sich hin und erstarrte, als seine Kniegelenke wie Pistolenschüsse knackten, aber niemand bewegte sich. Er machte ihren Rucksack auf, löste die Zugschnur und griff hinein. Er richtete seine winzige Taschenlampe auf den Inhalt des Rucksacks. Frannie murmelte tief im Schlaf, regte sich, und Harold hielt den Atem an. Er fand das Ringbuch ganz unten hinter drei Blusen und einem eselsohrigen Taschenatlas. Er zog es heraus, schlug es auf und richtete das Licht auf Frannies enge, aber lesbare Handschrift.
6.Juli 1990 - Nach einiger Überredung war Mr. Bateman bereit, mit uns zu kommen...
Harold klappte das Buch zu und kroch damit zu seinem Schlafsack zurück. Er kam sich wie der kleine Junge von damals vor, der Junge mit wenigen Freunden (er war, bis er drei wurde, ein hübsches Baby gewesen, aber seitdem war er ein dicker und häßlicher Witz) und vielen Feinden, der Junge, den seine Eltern ganz einfach nur hingenommen hatten - deren Aufmerksamkeit hatte nur Amy gegolten, als diese den Miss-America-Atlantic-City-Weg ihres Lebens betrat -, der Junge, der in Büchern Trost suchte, der Junge, der seine Enttäuschung darüber, daß ihn beim Baseball niemand in seiner Mannschaft haben wollte und er stets übergangen wurde, wenn Schülerlotsen gesucht wurden, dadurch kompensierte, daß er sich in Long John Silver oder Tarzan oder Philip Kent verwandelte... der Junge, der spät abends zu diesen Gestalten wurde, wenn er unter der Bettdecke die Taschenlampe auf die bedruckten Seiten richtete, vor Aufregung große Augen bekam und seine eigenen Bettfürze nicht roch; dieser Junge kroch jetzt Kopf voraus mit Frannies Tagebuch und seiner Taschenlampe in seinen Schlafsack.
Als er den Lichtstrahl auf die erste Seite des Ringbuchs richtete, erlebte er noch einen Augenblick der Vernunft. Nur einen Augenblick lang schrie etwas in ihm Harold! Hör auf! - so zwingend, daß er am ganzen Körper zitterte. Und er hätte fast aufgehört. Einen Augenblick schien es möglich aufzuhören, das Tagebuch wieder dorthin zu legen, wo er es gefunden hatte, Frannie aufzugeben und die beiden ihrer Wege ziehen zu lassen, bevor etwas Schreckliches und Unwiderrufliches geschah. In diesem Augenblick schien es, als könnte er den bitteren Trank von sich weisen, ihn aus dem Becher gießen und diesen mit dem füllen, was diese Welt für ihn bereithielt. Gib es zurück, Harold, bat diese Stimme der Vernunft, aber vielleicht war es schon zu spät.
Im Alter von sechzehn Jahren hatte er Burroughs und Stevenson und Robert Howard zugunsten anderer Phantasien aufgegeben, Phantasien, die geliebt und verhaßt zugleich waren - die nichts mit Weltraumraketen oder Piraten zu tun hatten, sondern mit Mädchen in durchsichtigen Seidenpyjamas, die auf Satinkissen vor ihm knieten, während Harold der Große sich nackt auf seinem Thron räkelte und bereit war, sie mit kleinen Lederpeitschen oder einem Stock mit silbernem Knauf zu züchtigen. Es waren bittere Phantasien, in denen jedes hübsche Mädchen der High School von Ogunquit irgendwann einmal aufgetreten war. Diese Tagträume endeten stets mit einem wachsenden Druck in den Lenden, einer Explosion von Körperflüssigkeit, die mehr Fluch als Lust war. Dann schlief er ein, und das Sperma trocknete auf seinem Bauch zu Schuppen. Jedes Hündchen hat seinen Tag.
Jetzt waren es diese bitteren Phantasien, die alten Kränkungen, die er wie gelbe Laken um sich hüllte, die alten Freunde, die nie starben, deren Zähne nie stumpf wurden, deren tödliche Zuneigung nie wankte.
Er schlug die erste Seite auf, richtete die Taschenlampe auf die Worte und fing an zu lesen.
Eine Stunde vor Einbruch der Dämmerung stopfte er das Buch wieder in Frans Rucksack und schnallte ihn zu. Er war nicht einmal besonders vorsichtig. Wenn sie aufwachte, dachte er kalt, würde er sie umbringen und verschwinden. Aber wohin? Nach Westen. Doch er würde nicht in Nebraska halten, nicht einmal in Colorado, o nein. Sie wachte nicht auf.
Er ging zu seinem Schlafsack zurück. Er masturbierte voll bitterer Verzweiflung. Als er endlich einschlief, schlief er unruhig. Er träumte, er würde auf halbem Weg an einem steilen Abhang mit Felsbrocken und Findlingen sterben. Hoch über ihm kreisten Bussarde in den nächtlichen Aufwinden und warteten darauf, daß sein Körper zu ihrer Mahlzeit würde. Kein Mond schien, keine Sterne...
Und dann öffnete sich in der Dunkelheit ein schreckliches rotes Auge: wölfisch, geisterhaft. Das Auge erfüllte ihn mit Entsetzen und hielt ihn doch in seinem Bann.
Das Auge lockte ihn.
Nach Westen, wo sich jetzt die Schatten zu ihrem Totentanz in der Dämmerung versammelten.
Als sie an diesem Abend ihr Lager aufschlugen, waren sie westlich von Joliet, Illinois. Es gab einen Kasten Bier, nette Gespräche, Gelächter. Sie hatten das Gefühl, als hätten sie mit Indiana auch den Regen hinter sich gelassen. Alle machten Bemerkungen über Harold, der noch nie so fröhlich gewesen war. »Weißt du, Harold«, sagte Frannie später am Abend, als die Party sich langsam auflöste, »ich glaube, ich habe dich noch nie so gut gelaunt gesehen. Was ist los?«
Er zwinkerte ihr fröhlich zu. »Jeder Hund hat seinen Tag, Frannie.«
Sie lächelte ihn ein wenig verdutzt an. Aber sie dachte, daß Harold sich eben geheimnisvoll gab. Unwichtig. Viel wichtiger war, daß sich alles zum Guten wendete.
An diesem Abend fing Harold an, selbst Tagebuch zu führen.
48
Er taumelte und stolperte eine lange Steigung hinauf; die sengende Sonne kochte seinen Magen und röstete sein Gehirn. Die Interstate flimmerte in der Hitze. Er war einmal Donald Merwin Elbert gewesen, aber jetzt war er für alle Zeiten der Mülleimermann und erblickte die legendären sieben Städte von Cibola.
Wie lange reiste er schon nach Westen? Wie lange, seit er The Kid getroffen hatte? Gott mochte es wissen; der Mülleimermann nicht. Es waren Tage. Nächte. Oh, an die Nächte erinnerte er sich!
Er stand schwankend in seinen Lumpen da und sah auf Cibola hinab, die verheißene Stadt, die Stadt der Träume. Er war ein Wrack. Das Handgelenk, das er gebrochen hatte, als er über das Geländer auf die an den Tank der Cheery Oil genieteten Treppe sprang, war nicht richtig geheilt; das Handgelenk war ein grotesker, mit einem dreckigen Verband umwickelter Klumpen. Die Knochen sämtlicher Finger hatten sich irgendwie zusammengezogen und die Hand in eine Quasimodo-Klaue verwandelt. Sein linker Arm war vom Ellbogen bis zur Schulter eine nur langsam verheilende Masse verbrannten Gewebes. Es roch nicht mehr schlecht und vereitert, aber das neue Fleisch war haarlos und rosa wie die Haut einer billigen Puppe. Sein grinsendes, irres Gesicht war von der Sonne verbrannt, rissig, stoppelbärtig und von den schorfigen Wunden seines Sturzes bedeckt, als sich der Vorderreifen seines Fahrrads vom Rahmen verabschiedet hatte. Er trug ein verblichenes blaues J.C.-Penney-Arbeitshemd, auf dem sich konzentrisch Schweißflecken ausbreiteten, und eine schmutzige Cordhose. Sein Rucksack, der vor kurzem noch neu gewesen war, hatte sich in Aussehen und Substanz seinem Besitzer angeglichen - ein Riemen war gerissen; Müll hatte ihn, so gut er konnte, zusammengeknotet; jetzt hing der Rucksack so schief auf seinem Rücken wie der Fensterladen eines Spukhauses; er war verstaubt, die Falten voll Wüstensand. An den Füßen trug Müll Turnschuhe Marke Kids, die mit Strohschnüren gebunden waren; die Knöchel ragten daraus hervor - zerkratzt, vom Sand aufgescheuert und bar jeglicher Socken.