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Er sah zu der weit entfernten Stadt hinunter. Er wandte das Gesicht dem unerbittlichen stahlblauen Himmel und der glühenden Sonne zu, die herabgleißte und ihn mit Backofenhitze einhüllte. Er schrie. Es war ein wilder, triumphierender Schrei, fast genau wie der, den Patty Kroger ausstieß, als sie Roger Rabbit mit dem Kolben seiner eigenen Schrotflinte den Schädel gespalten hatte.

Er begann einen schlurfenden Siegestanz auf dem kochenden, hitzeflimmernden Asphalt der Interstate 15, während der heiße Wüstenwind Sand über den Highway wehte und die blauen Gipfel der Bergketten Pahranagat und Spotted mit ihren weißen Zähnen ungerührt am strahlenden Himmel sägten, wie seit Jahrtausenden. Auf der anderen Seite des Highway waren ein Lincoln Continental und ein Thunderbird fast im Sand vergraben, die Insassen hinter dem Sicherheitsglas mumifiziert. Auf Mülleimers Straßenseite hatte sich ein Stück weiter ein Kleinlaster überschlagen; nur die Räder und das Bodenblech waren noch zu sehen.

Er tanzte. Seine Füße in den zusammengebundenen und ausgetretenen Kids hüpften wie bei einem trunkenen Volkstanz auf dem Highway auf und ab. Sein zerfetztes Hemd flatterte im Wind. Die Feldflasche klapperte gegen den Rucksack. Die losen Enden des Ace-Verbands wehten im heißen Atem des Windes. Das rosa Gewebe der verheilenden Brandwunden schimmerte häßlich. Seine Schläfenadern traten hervor wie Stricke. Er wanderte jetzt schon eine Woche durch Gottes Bratpfanne nach Südwesten durch Utah, die Spitze von Arizona und dann nach Nevada, und er war ein Irrer, total verrückt.

Während er tanzte, sang er monoton, immer wieder dieselben Worte zu einer Melodie, die populär gewesen war, als er noch in der Anstalt in Terre Haute gesessen hatte, einem Song mit dem Titel »Down to the Nightclub« von einer schwarzen Gruppe namens Tower of Power. Aber der Text war von ihm. Er sang:

»Ci-a-bola, Ci-a-bola, bump-ty, bump-ty, bump! Ci-a-bola, Ci-a-bola, bump-ty, bump-ty, bump!«, und auf jedes letzte bump! folgte ein Hüpfschritt, bis in der Hitze alles verschwamm und der harsche blaue Himmel dämmergrau wurde, bis er halb bewußtlos auf der Straße zusammenbrach und sein überlastetes Herz wie verrückt in der ausgedörrten Brust klopfte. Brabbelnd und grinsend zog er sich mit letzter Kraft über den umgestürzten Lastwagen und lag in dessen schwindendem Schatten zitternd und keuchend in der Gluthitze.

»Ciabola!« krächzte er. »Bumpty-bumpty-fe«

Er fummelte mit seiner Klauenhand die Feldflasche von der Schulter und schüttelte sie. Die Flasche war fast leer. Einerlei. Er würde den letzten Tropfen austrinken und sich hier hinlegen, bis die Sonne unterging, und dann würde er auf dem Highway nach Cibola laufen, zu den legendären sieben Städten. Heute abend würde er aus ewig sprudelnden goldenen Brunnen trinken. Aber erst wenn die Mördersonne unterging. Gott war der größte Feuerteufel von allen. Vor langer, langer Zeit hatte ein Junge namens Donald Merwin Elbert den Rentenscheck der alten Oma Semple verbrannt. Derselbe Junge hatte die Methodistenkirche in Powtanville angesteckt, und wenn noch etwas von diesem Donald Merwin Elbert in dieser Hülle gewesen wäre, dann wäre es ganz bestimmt mit den Öltanks in Gary, Indiana, verbrannt worden. Mehr als neun Dutzend, und sie waren wie ein Strang-Kracher hochgegangen. Und obendrein noch rechtzeitig zum 4. Juli. Hübsch. Im Kielwasser der Feuersbrunst war nur der Mülleimermann übriggeblieben, dessen linker Arm ein rissiges, kochendes Gulasch war, und in dessen Körper ein Feuer brannte, das nie mehr ausgehen würde... jedenfalls nicht, bevor sein Körper zu schwarzer Kohle geworden war.

Und heute abend würde er das Wasser von Cibola trinken, ja, es würde schmecken wie Wein.

Er hob die Flasche, und sein Adamsapfel hüpfte, als das letzte Wasser pißwarm in seinen Magen gurgelte. Als sie leer war, warf er die Flasche in die Wüste. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Das Wasser verkrampfte ihm köstlich den Magen.

»Cibola!« murmelte er. »Cibola! Ich komme! Ich komme! Ich mach' alles, was du willst! Mein Leben für dich! Bumpty-bumpty-bump«

Müdigkeit überkam ihn, nachdem der Durst etwas gestillt war. Er war fast eingeschlafen, als ihm ein völlig anderer Gedanke wie eine eiskalte Dolchklinge durch den Boden seines Verstands fuhr:

Wenn Cibola nun bloß eine Fata Morgana war?

»Nein«, murmelte er. »Nein, hm-hm, nein.«

Aber ihn einfach nicht wahrhaben zu wollen verscheuchte den Gedanken nicht. Die Klinge stieß und bohrte und hielt den Schlaf fern. Wenn er nun mit dem letzten Schluck Wasser eine Fata Morgana gefeiert hatte? Auf seine Weise erkannte er seinen Wahnsinn; genau wie er würde ein Verrückter handeln. Wenn es eine Fata Morgana war, würde er hier in der Wüste sterben, und die Bussarde würden sich an ihm gütlich tun.

Schließlich konnte er die grauenhafte Möglichkeit nicht mehr ertragen, kam taumelnd auf die Füße, arbeitete sich wieder zur Straße vor und kämpfte gegen die Wogen von Erschöpfung und Übelkeit, die ihn überwältigen wollten. Auf der Hügelkuppe sah er gespannt über die mit Yucca und Steppenhexe und Teufelsmantel bewachsene riesige flache Ebene. Der Atem blieb ihm im Halse stecken und franste dann zu einem langen Seufzer aus wie ein Stück Stoff, das an einem Nagel hängenbleibt.

Da war es!

Cibola, seit alters her Legende, von vielen gesucht, vom Mülleimermann entdeckt!

Weit unten in der Wüste, von blauen Bergen umgeben, glänzten seine Türme und Straßen, selbst blau im Dunst der Entfernung, im Wüstentag. Dort standen Palmen... er konnte Palmen sehen... und Bewegungen... und Wasser!

»Oh, Cibola!« frohlockte er und taumelte in den Schatten des umgestürzten Wagens zurück. Cibola lag weiter entfernt, als es aussah, das wußte er. Heute nacht, wenn Gottes Fackel vom Himmel verschwunden war, würde er laufen wie nie zuvor. Er würde Cibola erreichen und sich als erstes kopfüber in den nächsten Brunnen stürzen, an dem er vorbeikam. Dann würde er ihn suchen, den Mann, der ihn zu sich befohlen hatte. Den Mann, der ihn durch die Ebenen und über die Berge und schließlich in die Wüste gezogen hatte - und das alles innerhalb eines Monats und trotz des gräßlich verbrannten Arms.

Er, der ist - der dunkle Mann, der Hartgesottene. Er wartete in Cibola auf den Mülleimermann, und ihm gehörten die Heere der Nacht, ihm gehörten die bleichen Totenreiter, die von Westen dahersprengten ins Gesicht der aufgehenden Sonne. Sie würden toben und grinsen und nach Schweiß und Pulverdampf stinken. Es würden Schreie ertönen, und Mülleimer störten solche Schreie kaum; es würde zu Vergewaltigungen und Unterdrückung kommen, was ihn noch weniger störte; es würde Mord geben, was ihm gleichgültig war - und es würde einen großen Brand geben.

Das gefiel ihm sehr gut. In den Träumen kam der dunkle Mann zu ihm, breitete an einem hohen Orte die Arme aus und zeigte Mülleimer ein Land in Flammen. Städte, die wie Bomben explodierten. Bebaute Felder, über die der Feuersturm raste. Und selbst auf den Flüssen von Chicago und Pittsburgh und Detroit und Birmingham loderte treibendes Öl. Und der dunkle Mann hatte ihm in seinen Träumen etwas ganz Einfaches gesagt, das ihn veranlaßt hatte, sofort loszulaufen: Du wirst in meiner Artillerie einen hohen Rang einnehmen. Du bist der Mann, den ich brauche.