Er rollte sich auf die Seite, seine Wangen und Lider waren vom Sand wundgescheuert. Er hatte die Hoffnung schon verloren -, ja, als sich das Vorderrad vom Rahmen gelöst hatte, hatte er die Hoffnung verloren. Gott, der Gott vatermordender Sheriffs, der Gott von Charley Yates war anscheinend doch stärker als der dunkle Mann, wie es schien. Aber er hatte den Glauben nicht verloren und weitergemacht. Und zuletzt, als es ausgesehen hatte, als würde er in der Wüste verbrennen, bevor er Cibola erreichte, wo der dunkle Mann auf ihn wartete, hatte er es weit unten in der Sonne träumen sehen.
»Cibola«, flüsterte er und schlief ein.
Den ersten Traum hatte er vor über einem Monat in Gary gehabt, nachdem er sich den Arm verbrannt hatte. An dem Abend war er mit der Gewißheit eingeschlafen, daß er sterben würde; niemand konnte sich so schlimm verbrennen wie er und überleben. Ein Refrain hatte sich seinem Kopf eingeprägt: Lebe durchs Feuer, stirb durchs Feuer. Lebe dadurch, stirb dadurch.
In einem kleinen Stadtpark hatten die Beine unter ihm nachgegeben; er war gestürzt und hatte den linken Arm mit dem versengten Ärmel von sich weggestreckt wie etwas Totes. Die Schmerzen waren gigantisch, unglaublich gewesen. Er hätte sich nie träumen lassen, daß es solche Schmerzen auf der Welt gab. Er war fröhlich von einem Block Öltanks zum nächsten gelaufen und hatte provisorische Zeitzünder angebracht, die aus einem Stahlrohr und einer entflammbaren Paraffinmischung bestanden, welche mittels eines Stahlplättchens von einer kleinen Menge Säure getrennt war. Diese Vorrichtungen hatte er in die Überlaufrohre oben auf den Tanks gesteckt. Wenn sich die Säure durch den Stahl gefressen hatte, entzündete sich das Paraffin, und die Tanks gingen hoch. Er hatte vorgehabt, zum Westrand von Gary zu gehen, zu dem Wirrwarr von Kreuzungen und Dreiecken der zahlreichen Straßen Richtung Chicago oder Milwaukee, bevor einer der Tanks explodierte. Er wollte das Spektakel verfolgen, wenn die ganze dreckige Stadt von einem Feuersturm verzehrt wurde.
Aber er hatte den Zündzeitpunkt der letzten Bombe falsch eingeschätzt oder sie fehlerhaft konstruiert. Sie war detoniert, während Müll noch den Deckel auf dem Überlaufrohr mit einem Schraubenschlüssel löste. Das brennende Paraffin rülpste eine grellweiße Flamme aus der Röhre und hüllte seinen linken Arm in Feuer. Es war kein schmerzloser Handschuh aus Feuerzeugbenzin, den man in der Luft schwenken und wie ein großes Streichholz ausblasen konnte. Das waren Schmerzen, als hätte man den Arm in einen Vulkan gesteckt.
Er lief kreischend und wie irrsinnig auf dem Öltank hin und her und sprang von dem hüfthohen Geländer ab wie eine fleischgewordene Flipperkugel. Wären die Geländer nicht dagewesen, wäre er hinuntergestürzt und hätte sich dabei immer wieder überschlagen wie eine Fackel, die in einen Brunnen geworfen wurde. Nur der Zufall rettete sein Leben; er stolperte über die eigenen Füße, fiel mit dem Körper auf den linken Arm und erstickte die Flammen. Er richtete sich auf und war immer noch halb irr vor Schmerzen. Später dachte er, daß ihn nur reines Glück - oder der Wille des dunklen Mannes davor bewahrt hatten zu verbrennen. Der Großteil des Paraffinstrahls hatte ihn verfehlt. Er war dankbar - aber die Dankbarkeit kam erst später. Zu dem Zeitpunkt konnte er nur weinen, hin und her wippen und den verbrannten Arm vom Körper Wegstrecken, während die Haut schmorte und aufplatzte und sich zusammenzog.
Als das Licht vom Himmel schwand, fiel ihm vage ein, daß er schon ein Dutzend seiner Zünder angebracht hatte. Sie konnten jeden Moment hochgehen. Zu sterben und aus diesem unsäglichen Elend erlöst zu sein wäre wunderbar, aber in den Flammen zu sterben das absolute Grauen.
Irgendwie war er vom Tank heruntergekrochen, zwischen den liegengebliebenen Wagen hindurchgelaufen, und dabei hatte er die ganze Zeit den gegrillten Arm weit vom Körper gehalten. Als er einen kleinen Park in der Nähe des Stadtzentrums erreichte, ging die Sonne unter. Er setzte sich zwischen zwei ShuttleboardSpielfeldern auf den Rasen und überlegte, was man bei Brandwunden unternehmen könnte. Butter draufstreichen, das hätte Donald Merwin Elberts Mutter gesagt. Aber das half nur, wenn man sich verbrüht hatte oder das Bratenfett besonders hoch spritzte und einem den Arm mit heißem Öl übergoß. Er konnte sich nicht vorstellen, Butter auf das aufgeplatzte schwarze Fleisch zwischen Ellenbogen und Schulter zu streichen; er konnte sich nicht einmal vorstellen, es zu berühren.
Sich umbringen. Das war es, das war die Lösung. Er würde sich von seinem Elend erlösen, wie man einen alten Hund...
Plötzlich erfolgte im Osten der Stadt eine gewaltige Explosion, als wäre das Weltgefüge brutal entzweigerissen worden. Eine flüssige Feuersäule raste in das tiefe Indigo der Dämmerung empor. Er mußte die Augen zu tränenden, schmerzenden Schlitzen zusammenkneifen.
Selbst mit den Schmerzen hatte er Freude an dem Feuer... mehr noch, es entzückte und erfüllte ihn. Feuer war die beste Medizin, besser als das Morphium, das er am nächsten Tag fand (als Vertrauensmann im Gefängnis hatte er außer in der Bibliothek und der Fahrbereitschaft auch in der Krankenstation gearbeitet und wußte über Morphium und Elavil und Darvon Complex Bescheid). Er brachte den momentanen Schmerz nicht mit der Feuersäule in Verbindung. Er wußte nur, das Feuer war gut, das Feuer war schön, das Feuer brauchte er und würde es immer brauchen. Wunderbares Feuer!
Augenblicke später explodierte ein zweiter Öltank, und selbst hier, drei Meilen entfernt, spürte er den heißen Lufthauch der Druckwelle. Noch ein Tank ging hoch, und noch einer. Eine kleine Pause, dann explodierten sechs in dröhnender Folge, und jetzt war es so hell, dass man nicht mehr hinübersehen konnte, aber er sah trotzdem hinüber, grinste, und in seinen Augen spiegelten sich die gelben Flammen; sein verbrannter Arm und die Gedanken an Selbstmord waren vergessen.
Es dauerte über zwei Stunden, bis alle Tanks explodiert waren, bis es Nacht war, aber es war nicht dunkel, die Nacht war gelb und orangefarben und fiebrig von den Flammen. Das Feuer tanzte am gesamten östlichen Bogen des Horizonts. Das Bild erinnerte ihn an einen Illustrierte-Klassiker-Comic, den er als Kind gelesen hatte, eine Adaption von H. G. Well's Krieg der Welten. Jetzt, Jahre später, war der Junge, dem das Comic-Heft gehört hatte, verschwunden, aber der Mülleimermann war da, und Müll besaß das wunderbare, schreckliche Geheimnis der marsianischen Todesstrahlen. Es war Zeit, den Park zu verlassen. Die Temperatur war schon um zehn Grad angestiegen. Er mußte nach Westen gehen, vor dem Feuer bleiben, wie in Powtanville, mußte vor dem sich ständig erweiternden Ring der Zerstörung davonlaufen. Aber sein Zustand erlaubte es ihm nicht, davonzulaufen. Deshalb schlief er im Gras ein, und das Licht der Flammen flackerte über das Gesicht eines müden, mißhandelten Kindes.
In seinem Traum kam der dunkle Mann mit seinem Kapuzenmantel, das Gesicht unsichtbar... und doch glaubte der Mülleimermann, dass er diesen Mann schon einmal gesehen hatte. Wenn die Leute, die in Powtanville in der Milchbar oder der Kneipe herumlungerten, hinter ihm herpfiffen, schien dieser Mann unter ihnen gewesen zu sein, schweigend und nachdenklich. Als er bei Scrubba-Dubba gearbeitet hatte (Scheinwerfer abseifen, Scheibenwischer prüfen, Spiegel abwischen, he, Mister, möchten Sie auch Heißwachs?) und den Schwammhandschuh so lange trug, bis die Hand darunter wie ein bleicher toter Fisch aussah und die Fingernägel so weiß waren wie frisches Elfenbein, schien er das tückische und voll irrer Freude grinsende Gesicht dieses Mannes hinter dem schlierigen Wasserfilm, der die Windschutzscheibe herablief, gesehen zu haben. Als der Sheriff ihn in die Klapsmühle nach Terre Haute schickte, war dieser Mann der Angestellte in der Psychiatrie gewesen, der in dem Raum stand, wo man die Elektroschocks bekam; der Mann hatte die Hand am Schalter gehabt (Ich werde dir das Gehirn rösten, Junge, und dir auf den Weg helfen, wenn du dich von Donald Merwin Elbert in den Mülleimermann verwandelst, möchtest du Heißwachs?) und war bereit gewesen, ihm etwa tausend Volt ins Hirn zu jagen, bis es zu brodeln schien. Er kannte diesen dunklen Mann durchaus, dessen Gesicht man nie ganz sah, dessen Hände sämtliche Pik aus einem schlechten Blatt austeilten, dessen Augen jenseits der Flammen waren und dessen Grinsen von jenseits des Grabes der Welt kam.