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»Ich mache alles, was du willst«, sagte er dankbar im Traum. »Mein Leben für dich!«

Der dunkle Mann hob die Arme unter dem Mantel und machte ihn so zu einem schwarzen Drachen. Sie standen an einem hohen Ort, und unter ihnen lag Amerika in Flammen.

Du wirst in meiner Artillerie einen hohen Rang einnehmen. Du bist der Mann, den ich brauche.

Dann sah er eine Armee von zehntausend zerlumpten und verstoßenen Männern und Frauen, die sich nach Osten wälzte, durch die Wüste in die Berge, ein wildes Tier von einer Armee, dessen Zeit endlich gekommen war; sie fuhren in Lastwagen und Jeeps und Campingwagen und Panzern, jeder Mann und jede Frau trugen einen dunklen Stein um den Hals, tief in manchen dieser Steine war eine Figur eingebettet, die ein Auge oder ein Schlüssel sein konnte. Und ihnen voraus sah er sich selbst in einem riesigen Tanklastzug mit schweren Reifen und wußte, es war Napalm im Tank... und hinter ihm in der Kolonne fuhren Lastwagen mit Tellerminen und Plastiksprengstoff; mit Flammenwerfern und Leuchtbomben und Infrarot-Raketen; mit Granaten und Maschinengewehren und Raketenwerfern. Der Totentanz sollte in Kürze beginnen, die Saiten der Fidein und Gitarren rauchten bereits, der Geruch von Schwefel und Schießpulver erfüllte die Luft. Der dunkle Mann hob wieder die Arme, und als er sie sinken ließ, war alles kalt und stumm, die Feuer erloschen, selbst die Asche war kalt, und einen Augenblick war er wieder Donald Merwin Elbert, klein und ängstlich und verwirrt. Einen Augenblick argwöhnte er, nur eine Figur im riesigen Schachspiel des dunklen Mannes zu sein, getäuscht worden zu sein.

Dann sah er, daß das Gesicht des dunklen Mannes nicht mehr völlig verborgen war; zwei dunkle rote Kohlen glühten in den dunklen Höhlen, wo die Augen sein sollten, und erhellten eine Nase, die so schmal wie eine Messerklinge war.

»Ich mach' alles, was du willst«, sagte Müll dankbar im Traum.

»Mein Leben für dich! Meine Seele für dich!«

»Ich werde dich Feuer entfachen lassen«, sagte der dunkle Mann ernst. »Du mußt in meine Stadt kommen, dort werden wir alles besprechen.«

»Wo? Wo?« Er empfand Qualen der Hoffnung und Erwartung.

»Im Westen«, sagte der dunkle Mann und verblaßte. »Im Westen. Hinter den Bergen!«

Dann wachte er auf, und es war immer noch Nacht und immer noch hell. Die Flammen waren näher gekommen, die Hitze war erstickend. Häuser explodierten. Die Sterne waren nicht mehr zu sehen; sie waren von einem Leichentuch dichten schwarzen Ölqualms verhüllt. Feiner Ascheregen hatte eingesetzt. Die Shuttleboard-Spielfelder waren mit schwarzem Schnee bestäubt.

Jetzt hatte er ein Ziel vor Augen und stellte fest, daß er laufen konnte. Er hinkte nach Westen und sah dabei von Zeit zu Zeit ein paar andere Menschen, die Gray verließen und die Feuersbrunst über die Schultern betrachteten. Narren, dachte der Mülleimermann fast zärtlich. Ihr werdet brennen. Wenn die Zeit gekommen ist, werdet ihr brennen. Sie nahmen keine Notiz von ihm; für sie war der Mülleimermann nur einer der Überlebenden. Sie verschwanden im Rauch, und der Mülleimermann hinkte kurz nach Einbruch der Dämmerung über die Grenze von Illinois. Chicago lag nördlich von ihm, Joliet im Südwesten, das Feuer war hinter seinem eigenen Rauch, der den Horizont verdeckte, verschwunden. Es war der Morgen des 2. Juli gewesen.

Er hatte seinen Traum vergessen, Chicago niederzubrennen - seine Träume von weiteren Öltanks und Güterwaggons voll Flüssiggas auf Abstellgleisen und knochentrockenen Mietshäusern. Ihm lag überhaupt nichts mehr an der Stadt der Winde. An diesem Nachmittag brach er in eine Arztpraxis in Chicago Heights ein und stahl eine Packung Morphinampullen. Das Morphium drängte die Schmerzen ein wenig zurück, aber es hatte noch eine andere wichtige Nebenwirkung: Ihm machten die Schmerzen, die er noch empfand, nicht mehr so viel aus.

Am Abend nahm er aus einem Drugstore ein großes Glas Vaseline mit und trug sie einen Zentimeter dick auf die verbrannte Haut seines Arms auf. Er hatte großen Durst; es schien, als wollte er unablässig trinken. Hirngespinste vom dunklen Mann schwirrten summend in seinen Kopf und wieder hinaus, wie Fliegen. Als er in der Dämmerung zusammenbrach, dachte er schon, die Stadt, in welche der dunkle Mann ihn geleiten wollte, müßte Cibola sein, die sieben Städte in einer, die Stadt der Verheißung.

Der Mülleimermann erwachte aus diesen wirren TraumErinnerungen an das Gewesene in klirrender Wüstenkälte. In der Wüste herrschten immer Eis oder Feuer; es gab kein Dazwischen. Er stöhnte leise, stand auf und klammerte sich so fest an sich selbst, wie er konnte. Über ihm leuchteten Milliarden Sterne, die fast so nahe schienen, als könnte man sie berühren; sie übergössen die Wüste mit ihrem kalten Hexenlicht.

Er ging zur Straße zurück und zuckte wegen seiner verbrannten und empfindlichen Haut und den zahllosen Schmerzen und Blessuren zusammen. Jetzt bedeuteten sie ihm wenig. Er verweilte einen Moment und sah auf die Stadt hinab, die in der Nacht träumte (hier und da waren winzige Lichtfünkchen zu sehen, wie elektrische Lagerfeuer). Dann begann er zu laufen.

Als Stunden später die Morgendämmerung den Himmel zu färben begann, schien Cibola noch fast genauso weit entfernt zu sein wie in dem Augenblick, als er über den Hügel gekommen war und es gesehen hatte. Er war so dumm gewesen, sein ganzes Wasser auszutrinken, weil er vergessen hatte, wie vergrößert hier alles wirkte. Nach Sonnenaufgang wagte er aus Angst vor Austrocknung nicht mehr lange zu gehen. Er würde sich wieder hinlegen müssen, bevor die Sonne mit voller Kraft schien.

Eine Stunde nach Dämmerung kam er zu einem Mercedes Benz am Straßenrand, dessen rechte Seite bis zur Türverkleidung im Sand versunken war. Er öffnete eine der linken Türen und zog die beiden geschrumpften, affenähnlichen Insassen heraus - eine alte Frau, die eine Menge Modeschmuck trug, und ein alter Mann mit theatralisch aussehendem weißen Haar. Müll zog murmelnd den Zündschlüssel ab, ging nach hinten und machte den Kofferraum auf. Die Koffer waren nicht verschlossen. Er hängte eine Reihe Kleidungsstücke über die Fenster des Mercedes und beschwerte sie mit Steinen. Jetzt hatte er eine kühle, schattige Höhle.

Er kroch hinein und legte sich schlafen. Meilen weiter westlich glänzte die Stadt Las Vegas im Licht der Wüstensonne.

Er konnte kein Auto fahren, das hatten sie ihm im Gefängnis nicht beigebracht, aber er konnte Fahrrad fahren. Am 4. Juli, als Larry Underwood feststellte, daß Rita Blakemoor eine Überdosis genommen hatte und im Schlaf gestorben war, stahl der Mülleimermann ein Rad mit Zehngangschaltung und fuhr los. Zuerst kam er nur langsam voran, weil er.den verletzten linken Arm kaum gebrauchen konnte. Am ersten Tag fiel er zweimal vom Rad, einmal genau auf die Brandwunden, was entsetzliche Schmerzen verursachte. Inzwischen eiterten die Brandwunden durch die Vaseline hindurch; der Gestank war fürchterlich. Hin und wieder machte er sich wegen Wundbrand Gedanken, aber nie lange. Er mischte die Vaseline mit einer antiseptischen Salbe, wußte zwar nicht, ob das helfen wüde, war aber überzeugt, daß es nicht schlimmer werden konnte. Die Mischung hatte eine milchige, viskose Beschaffenheit, die an Sperma erinnerte.