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Allmählich gewöhnte er sich daran, das Fahrrad fast die ganze Zeit einhändig zu fahren, und stellte fest, daß er gutes Tempo machte. Die Landschaft war flacher geworden, er konnte fröhlich mit dem Rad dahinbrausen. Er fuhr trotz der Verbrennungen und der ständigen Benommenheit einigermaßen sicher, weil er dauernd high vom Morphium war. Er trank literweise Wasser und aß gewaltige Mengen. Er dachte über die Worte des dunklen Mannes nach: Du wirst in meiner Artillerie einen hohen Rang einnehmen. Du bist der Mann, den ich brauche. Es waren wunderbare Worte - hatte ihn vorher schon jemals jemand gebraucht? Die Worte gingen ihm immer wieder durch den Kopf, während er unter der heißen Sonne des Mittleren Westens in die Pedale trat. Und er fing an, die Melodie des Schlagers »Down to the Nightclub« zu summen. Die Worte (»Cia-bola! Bumpty-bumpty-bump«) kamen erst später. Da war er noch nicht so verrückt, wie er werden sollte, aber auf dem besten Weg dorthin.

Am 5.Juli, am Tag, als Nick Andres und Tom Cullen Büffel in Comanche County, Kansas, grasen sahen, überquerte Mülleimermann den Mississippi beim Städtegeviert Davenport, Rock Island, Bettendorf, Moline in lowa.

Am vierzehnten Tag, dem Tag, als Larry in der Nähe des großen weißen Hauses im östlichen New Hampshire aufwachte, überquerte Mülli den Missouri nördlich von Council Bluffs und gelangte nach Nebraska. Er konnte die linke Hand wieder etwas gebrauchen, seine Beinmuskeln hatten sich an die Anstrengung gewöhnt, er raste weiter, weil er den unstillbaren Drang verspürte, sich zu sputen. Auf der Westseite des Missouri argwöhnte Müll zum ersten Mal, dass Gott selbst sich zwischen den Mülleimermann und dessen Schicksal stellen könnte. Mit Nebraska war etwas nicht in Ordnung, ganz und gar nicht in Ordnung. Etwas, das ihm angst machte. Nebraska sah so aus wie lowa... aber es war nicht so. Der dunkle Mann war ihm jede Nacht im Traum erschienen, aber als Mülli in Nebraska war, kam der dunkle Mann nicht mehr.

Statt dessen träumte er von einer alten Frau. In diesen Träumen sah er sich vor Angst und Haß fast gelähmt auf dem Bauch in einem Maisfeld liegen. Er hörte Krähenschwärme krächzen. Vor ihm war ein Vorhang von breiten, schwertähnlichen Maisblättern. Er schob mit zitternder Hand die Blätter zur Seite, was er nicht wollte, aber nicht verhindern konnte, und sah hindurch. Mitten auf einer Lichtung erblickte er ein altes Haus. Das Haus stand auf Blöcken oder Stützen oder so was. Daneben ein Apfelbaum mit einer Reifenschaukel an einem Ast. Auf der Veranda saß eine alte schwarze Frau, die Gitarre spielte und einen altmodischen Gospelsong sang. Der Song war von Traum zu Traum verschieden, aber Müll kannte die meisten, weil er einmal eine Frau gekannt hatte, die Mutter eines Jungen namens Donald Merwin Elbert, die viele solcher Songs während der Hausarbeit gesungen hatte.

Dieser Traum war ein Alptraum, aber nicht nur, weil am Ende etwas überaus Entsetzliches geschah. Zuerst hätte man sagen können, daß der ganze Traum überhaupt kein erschreckendes Element enthielt. Mais? Blauer Himmel? Alte Frau? Reifenschaukel? Was konnte daran beängstigend sein? Alte Frauen verspotteten einen nicht und warfen keine Steine, schon gar nicht so alte Frauen, die hausbackene Pfaffenlieder wie »In That Great Getting-Up Morning« und »Bye-and-Bye, Sweet Lord, Bye-and-Bye« sangen. Es waren die Carley Yates' dieser Welt, die mit Steinen warfen. Aber lange bevor der Traum zu Ende ging, war er vor Angst wie gelähmt, als wäre es keine alte Frau, die er vor sich sah, sondern ein geheimnisvolles, ein kaum verborgenes Licht, das jeden Augenblick um sie herum aufleuchten konnte, um sie mit einem so strahlenden Glanz zu umspielen, daß die brennenden Öltanks von Gary wie Kerzen im Wind wirken würden - ein so grelles Licht, daß es seine Augen zu Schlacken verbrennen würde. Und immer, wenn er im Traum an diesen Punkt gelangte, hatte er nur einen Gedanken: Oh, bitte, bring mich hier weg, ich will mit dieser alten Henne nichts zu tun haben, bitte, o bitte, bring mich raus aus Nebraska!

Und dann hörte das Lied, das sie gerade spielte, mit einem scheppernden Mißklang auf. Sie sah direkt zu der Stelle, wo er durch die Lücke im dichten Blattwerk spähte. Ihr Gesicht war alt und zerfurcht, das Haar so dünn, daß er den braunen Schädel sehen konnte, aber ihre Augen waren hell wie Diamanten und erfüllt von dem Licht, das er fürchtete.

Mit einer alten, brüchigen, aber trotzdem kräftigen Stimme rief sie: Wiesel im Mais!, und er spürte die Veränderung in sich, sah an sich hinab und stellte fest, daß er ein Wiesel geworden war, ein pelziges braunschwarzes schleichendes Ding; seine Nase war lang und spitz geworden, die Augen waren zu kleinen schwarzen Perlen geschmolzen, die Finger in Klauen verwandelt. Er war ein Wiesel, ein feiges Nachtlebewesen, dessen Beute die Schwachen und Kleinen waren.

Dann fing er an zu schreien, und schließlich weckte ihn sein eigenes Geschrei, und er erwachte schweißüberströmt und mit hervorquellenden Augen. Er huschte mit den Händen über den Körper und vergewisserte sich, daß alle menschlichen Teile noch da waren. Als Abschluß seiner panischen Inspektion griff er sich an den Kopf, um sicherzustellen, daß es noch ein menschlicher Kopf war und nicht etwas Langes, Glattes, Stromlinienförmiges, pelzig und wie eine Gewehrkugel geformt.

Er legte vierhundert Meilen durch Nebraska in drei Tagen zurück; Entsetzen mit hoher Oktanzahl war sein Treibstoff. In der Nähe von Julesburg betrat er Colorado, und der Traum verblaßte und nahm die Farbe eines Sepiadrucks an.

(Was Mutter Abagail anbetraf, so wachte sie in der Nacht des 15. Juli auf - kurz nachdem der Mülleimermann nördlich von Hemingford Home vorbeigekommen war -, fror und empfand ein Gefühl von Mitleid und Angst zugleich, obwohl sie nicht wußte, für wen. Sie glaubte, daß sie von ihrem Enkel Anders geträumt haben könnte, der im Alter von nur sechs Jahren einem sinnlosen Jagdunfall zum Opfer gefallen war.)

Am 18. Juli hatte Mülli südwestlich von Sterlin, Colorado, noch immer ein paar Meilen von Brush entfernt, The Kid getroffen.

Müll wachte auf, als sich die Dämmerung herabsenkte. Trotz der Kleidungsstücke, die er über die Fenster gehängt hatte, war es in dem Mercedes heiß geworden. Sein Hals war ein ausgetrockneter Brunnenschacht, den man mit Schmirgelpapier abgerieben hatte. Seine Schläfen pochten und dröhnten. Er streckte die Zunge heraus, und als er mit den Fingern darüberstrich, fühlte sie sich an wie ein abgestorbener Zweig. Er richtete sich auf, legte eine Hand auf das Lenkrad des Mercedes und zog sie sofort wieder mit einem gequälten Aufzischen zurück. Er mußte den Hemdzipfel um den Türgriff wickeln, damit er aussteigen konnte. Er hatte gedacht, er könnte einfach hinaustreten, hatte aber seine Kräfte über- und das Ausmaß der Austrocknung an diesem Augustabend unterschätzt: Die Beine gaben unter ihm nach, und er fiel auf die Straße, die ebenfalls heiß war. Stöhnend krabbelte er in den Schatten des Mercedes wie ein verkrüppelter Tausendfüßler. Dort saß er keuchend und ließ die Arme zwischen den angewinkelten Knien baumeln. Er betrachtete die beiden Leichen, die er aus dem Auto geholt hatte, mit morbidem Interesse - die Frau mit den Reifen an den verschrumpelten Armen und den Mann mit dem theatralischen weißen Haarschopf über dem mumifizierten Affengesicht. Er mußte Cibola erreichen, ehe die Sonne morgen früh aufging. Wenn nicht, konnte er sterben... mit dem Ziel vor Augen! So grausam konnte der dunkle Mann doch sicher nicht sein - sicher nicht!

»Mein Leben für dich«, flüsterte der Mülleimermann, und als die Sonne hinter dem Umriß der Berge verschwunden war, rappelte er sich auf und begann den Türmen, Minaretts und Prachtstraßen von Cibola entgegenzugehen, wo die Lichtfünkchen wieder erstrahlten. Als die Hitze des Tages der Kälte der Wüstennacht wich, konnte er besser gehen. Seine aufgerissenen, verknoteten Turnschuhe schlurften und stapften über den Asphalt der 115. Er trottete dahin, ließ den Kopf hängen wie eine sterbende Sonnenblume und sah das grüne, spiegelnde Schild LAS VEGAS 30 nicht, als er daran vorbeikam.