Er dachte an The Kid. Rechtens hätte Kid jetzt eigentlich bei ihm sein müssen. Sie sollten gemeinsam nach Cibola fahren, die Auspuffrohre des Teufelscoupes von Kid sollten donnernde Echos in der Wüste erzeugen. Aber The Kid hatte sich als unwürdig erwiesen, und Müll war alleine in die Wüste gesandt worden.
Er hob und senkte die Füße auf dem Asphalt. »Ci-a-bola!« krächzte er. »Bumpty-bumpty-bump«
Gegen Mitternacht brach er am Straßenrand zusammen und verfiel in unruhigen Schlummer. Jetzt war die Stadt näher. Er würde es schaffen.
Er war ganz sicher, daß er es schaffen würde.
Er hörte The Kid, lange bevor er ihn sah. Das laute, knatternde Dröhnen ungedämpfter Auspuffrohre, das aus Osten heranbrandete, zeichnete den Tag. Der Lärm kam den Highway 34 aus Richtung Yuma, Colorado, entlang. Sein erster Impuls war, sich zu verstecken, wie er sich vor einigen anderen Überlebenden versteckt hatte, die er seit Gary gesehen hatte. Aber diesmal gebot ihm eine innere Stimme zu bleiben, wo er war, auf dem Fahrrad am Straßenrand, wo er ängstlich und erwartungsvoll zugleich über die Schulter sah. Das Donnern wurde lauter und lauter, und dann blitzte die Sonne auf Chrom und
(??FEUER??)
etwas Grellem und Orangefarbenem.
Der Fahrer sah ihn. Schaltete mit einer maschinengewehrähnlichen Salve von Fehlzündungen herunter. Goodyear-Gummi schmierte in heißen Schlieren auf dem Highway. Und dann war das Auto neben ihm, nicht tuckernd, sondern keuc hend wie ein Raubtier, das vielleicht gezähmt war, vielleicht aber auch nicht, und der Fahrer stieg aus. Aber zunächst hatte Mülleimer nur Augen für das Auto. Er kannte Autos, er liebte Autos, auch wenn er nie den Führerschein gemacht hatte. Dies war eine Schönheit, ein Auto, an dem jemand jahrelang gearbeitet und Tausende Dollar investiert hatte, wie man es normalerweise nur bei Autoausstellungen sah, ein Liebhaberstück.
Es war ein 1932er Ford Coupe Zweisitzer, aber der Besitzer hatte sich nicht mit dem üblichen serienmäßigen Coupe zufriedengegeben. Er hatte immer weiter gemacht und es in eine Parodie aller amerikanischen Autos verwandelt, ein funkelndes Science-fiction-Vehikel, aus dessen zahlreichen Röhren gemalte Flammen schlugen. Die Farbe war Blattgold. Die verchromten Auspuffröhren, die sich fast über die gesamte Länge des Fahrzeugs zogen, reflektierten grell die Sonne. Die Windschutzscheibe war eine konvexe Blase. Die Hinterreifen waren gigantische GoodyearBreitreifen, die Kotflügel übertrieben tief und weit ausgeschnitten, damit die Reifen Platz fanden. Aus der Motorhaube ragte ein Kompressormotor wie eine groteske Heizungsröhre heraus. Aus dem Dach wuchs eine Haifischflosse aus Stahl, pechschwarz, aber mit roten Flecken gleich glühenden Kohlen. Auf beiden Seiten standen zwei Worte mit schräg geneigten Buchstaben, welche Geschwindigkeit suggerieren sollten. THE KID stand da.
»He, bist du aber man grouß und hößlich«, polterte der Fahrer, und Müll richtete seine Aufmerksamkeit von den gemalten Flammen auf den Fahrer dieser rollenden Bombe.
Dieser war etwa einen Meter sechzig groß. Sein Haar war gelockt und getürmt und voll Pomade und Brillantine. Allein das Haar machte ihn zehn Zentimeter größer. Sämtliche Locken vereinten sich im Nacken nicht nur zu einem Entenarsch, sondern zum Inbegriff aller Entenarschfrisuren, die die Punks und Teddys dieser Welt jemals getragen hatten. Er trug schwarze Stiefel mit spitzen Zehen. Die Seiten waren elastikverstärkt. Die Absätze, die Kid noch einmal sechs Zentimeter größer machten, alles in allem beachtliche einsachtundneunzig, waren mehrschichtige Cubans. Die verwaschenen Nietenjeans waren so knalleng, daß man das Prägungsjahr der Münzen in den Taschen lesen konnte. Sie machten aus jedem Pobacken eine Art blaue Skulptur und verliehen seinem Schritt das Aussehen, als hätte er möglicherweise einen Gamslederbeutel mit Golfbällen Marke Spaulding hineingesteckt. Er trug ein weinrotes Westernhemd aus Seide. Es war mit gelben Zierknöpfen und saphirimitierten Knöpfen geschmückt. Die Manschettenknöpfe sahen aus wie polierte Knochen, und Müll sollte später herausfinden, daß sie genau das waren. Kid hatte zwei Paar, eines bestand aus menschlichen Backenzähnen, das andere aus den Kieferknochen eines Dobermanns. Über diesem Wunder von einem Hemd trug er trotz der großen Tageshitze eine schwarze Motorradlederjacke mit einem Adler auf dem Rücken. Sie war kreuz und quer voll Reißverschlüssen, deren Zähne in der Sonne funkelten wie Diamanten. Von Schulterklappen und Taillengurt hingen drei Hasenpfoten. Eine war weiß, eine braun und eine von einem hellen St.-Paddy's-Day-Grün. Diese Jacke, die noch wunderbarer war als das Hemd, ächzte wunderbar eingeölt. Über dem Adler standen die Worte THE KID mit weißer Seide gestickt. Das Gesicht, das den Mülleimermann jetzt zwischen dem hochziselierten glänzenden Haarschopf und dem aufgestellten Kragen der glänzenden Motorradj acke ansah, war klein und bleich, ein Puppengesicht mit vollen, makellos modellierten Schmollippen, toten grauen Augen, einer breiten Stirn ohne Fältchen oder Runzeln und seltsam aufgeblähten Wangen. Er sah aus wie Baby Elvis.
Er trug zwei Revolvergurte über Kreuz über dem flachen Bauch, aus jedem hängenden Hüfthalfter ragte ein gigantischer 45er hervor.
»He, Junge, was sagst'n?« brabbelte Kid.
Und Mülleimer fiel nur eine einzige Antwort ein: »Dein Auto gefällt mir.«
Das war das richtige. Vielleicht das einzige. Fünf Minuten später sass Müll auf dem Beifahrersitz; und das Coupe beschleunigte auf Reisegeschwindigkeit von Kid, etwa fünfundneunzig Meilen. Das Fahrrad, mit dem Müll vom östlichen Illinois bis hierher gefahren war, wurde zu einem Pünktchen am Horizont.
Der Mülleimermann wies schüchtern darauf hin, daß Kid bei dieser Geschwindigkeit keine Unfallstelle und kein Hindernis auf der Straße sehen würde, wenn sie an eins kamen (tatsächlich waren sie schon an ein paar vorbeigekommen; The Kid fuhr einfach Slalom um sie herum, und die Reifen quietschten lautstark Protest).
»He, Junge«, sagte The Kid. »Ich hab' Reflexe. Ich hab' Zeitgefühl. Ich schaff Dreifünftl vonner Sekunde. Glaubste das?«
»Ja, Sir«, sagte Müll leise. Er kam sich wie ein Mann vor, der gerade mit einem Stock ein Schlangengehege aufgeschreckt hat.
»Ich mag dich, Junge«, sagte Kid mit seiner seltsam dröhnenden Stimme. Seine Puppenaugen sahen über das leuchtende Orange des Lenkrads auf die schimmernde Straße. Große Styroporwürfel mit Totenköpfen statt Punkten baumelten am Rückspiegel. »Nimm dir'n Bier aufm Rücksitz.«
Es waren Coors, und sie waren warm, und der Mülleimermann verabscheute Bier, und er trank eines ganz schnell und sagte, wie gut es war.
»He, Junge«, sagte Kid. »Coors ist das einzige Bier. Ich würd' Coors pissen, wenn ich könnte. Glaubste diese Heißescheiße?«
Mülleimer sagte, daß er diese Heißescheiße wirklich glaubte.
»Sie nennen mich The Kid. Aus Shreveport Luusjanna. Weißte das? Die Mühle hier hat jede verdammte Autoausstellung im Süden gewonnen. Glaubste diese Heißescheiße?«
Mülleimer sagte ja und bekam noch ein warmes Bier. Es schien unter den Umständen die beste Vorgehensweise zu sein.
»Wie nennen sie dich, Junge?«
»Mülleimermann.«
»Woss?« Einen gräßlichen Moment ruhten die toten Puppenaugen auf Mülleimers Gesicht. »Verarschste mich, Junge? Niemand verarscht The Kid. Und diese Heißescheiße sollteste besser glauben.«
»Glaube ich«, sagte Mülleimer aufrichtig, »aber so nennt man mich nun mal. Weil ich Feuer in Mülleimern und Briefkästen von Leuten gelegt habe und so. Ich hab' den Rentenscheck der alten Oma Semple angezündet. Deswegen bin ich in die Anstalt geschickt worden. Außerdem habe ich die Methodistenkirche in Powtanville, Indiana, niedergebrannt.«