»Ehrlich?« meinte Kid entzückt. »Junge, du scheinst ja verrückter als 'ne Scheißhausratte zu sein. Schon recht. Ich mag Irre. Bin selber einer. Hab' echt nicht mehr alle Tassen im Schrank. Mülleimermann, hm? Gefällt mir. Wir sind'n tolles Paar. Der olle Kid und der olle Mülleimermann. Handschlag, Mülli.«
Kid streckte ihm die Hand hin, und Müll schüttelte sie, so schnell er konnte, damit Kid wieder beide Hände ans Steuer bekam. Sie schössen um eine Kurve, ein Bekins -Transporter blockierte fast die ganze Straße, und Mülleimer schlug die Hände vors Gesicht und bereitete sich auf eine unverzügliche Versetzung auf die Astralebene vor. Kid verzog keine Miene. Das Coupe schlitterte wie ein Wasserfloh über die linke Seite des Highway, und sie schössen so knapp am Führerhaus des Transporters vorbei, daß keine Zeitung mehr dazwischengepaßt hätte.
»Knapp«, sagte Müll, als er dachte, er könne wieder ohne Zittern in der Stimme sprechen. , »He, Junge«, sagte Kid tonlos. Dann blinzelte er erst mit einem Auge. »Brauchste mir nicht zu sagen - ich sag's dir. Wie ist das Bier? Verdammt knorke, was? Nach der Fahrt mit deinem Kinderfahrrad haut das echt rein, was?«
»Unbedingt«, sagte der Mülleimermann und trank noch einen Schluck warmes Coors. Er war verrückt, aber nicht so verrückt, Kid zu widersprechen, solange er fuhr. Noch lange nicht.
»Hat kein' Zweck, wie die Katze ummen heißen Brei zu gehen«, sagte Kid und griff auf den Rücksitz, um sich auch eine Dose Seichbrühe zu holen. »Ich schätze, wir haben dasselbe Ziel.«
»Gut möglich«, sagte Müll vorsichtig.
»Alle Mann dabei«, sagte Kid. »Nach Westen. Rein in die gute Stube. Erste Etage. Glaubste die Heißescheiße?«
»Aber ja doch.«
»Hast auch Alpträume vom Buhmann in seinem schwarzen Kampfanzug gehabt, was?«
»Du meinst den Priester.«
»Ich mein' immer, was ich sage, und sag', was ich meine«, antwortete Kid unverblümt. »Brauchste mir nicht zu sagen, Feuerteufel, ich sag's dir. Ist'n schwarzer Sprunganzug, und der Typ trägt Brille. Wie innem John-WayneFilm über'n Zweiten, 'ne so große Brille, daß man sein verwichstes Gesicht nicht sehen kann. Unheimlicher alter Dödel, was?«
»Ja«, sagte Mülleimer und trank sein warmes Bier. Allmählich summte ihm der Kopf.
Kid beugte sich über das orangefarbene Lenkrad und fing an, einen Bomberpilot im Gefecht nachzuahmen - wahrscheinlich einen, der seine Einsätze im »Zweiten« - dem Zweiten Weltkrieg - absolviert hatte. Das Coupe schlingerte beängstigend von einer Seite auf die andere, während er Schleifen und Sturzflüge und Kurven nachahmte.
Hiiiijaaaaahhh... eheheheheheheheheh... rattattattatta... nimm das, elender Kraut... Capt'n! Banditen bei zwölf Uhr...! Die luftgekühlte Kanone auf sie gerichtet, verfluchter Lahmarsch... tacka... tacka... tacka-tackatacka! Wir haben sie, Sir! Alles klar... Oh huuaaaa! Ducken, Männer! HuAAAAAJAH!«
Sein Gesicht war ausdruckslos, während er dieses Hirngespinst durchspielte; kein einziges geöltes Härchen fiel aus der Frisur, bis er das Auto wieder auf seine Fahrspur lenkte und weiter die Straße entlang drosch. Mülleimermann schlug das Herz heftig in der Brust. Ein leichter Schweißfilm überzog seinen Körper. Er trank sein Bier. Er mußte Pipi machen.
»Aber mir macht er keine Angst«, sagte Kid, als wäre er nie vom vorherigen Gesprächsthema abgewichen. »Nein, verdammt. Er ist ein harter Knochen, aber Kid ist schon mit anderen harten Knochen fertig geworden. Ich mach' sie an, und dann mach' ich sie alle, genau wie der Boss sagt. Glaubste die Heißescheiße?«
»Klar«, sagte Müll.
»Kennste den Boss?«
»Klar«, sagte Müll. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wer der Boss war oder gewesen war.
»Den Boss solltest du auch kennen. Hör mal, weißt du, was ich mache?«
»Nach Westen fahren?« riet Müll. Das schien sicher zu sein. Kid sah ungeduldig drein. »Danach, meine ich. Wenn ich dort bin. Weißt du, was ich danach mache?«
»Nein. Was?«
»Ich halt' 'ne Weile die Fresse unten. Check die Situation ab. Kapierst du die Heißescheiße?«
»Klar«, sagte Müll.
»Scheiß-A. Brauchst mir nichts zu sagen, ich sag's dir. Einfach abchecken. Den großen Mann abchecken. Dann...«
Kid verstummte und brütete über dem orangefarbenen Lenkrad.
»Was dann?« fragte Mülleimer zögernd.
»Dann mach' ich ihn fertig. Schick' ihn über 'n Jordan. Lass' ihn auf der verdammten Cadillac Ranch grasen. Glaubste das?«
»Ja, klar.«
»Ich übernehme«, sagte Kid zuversichtlich. »Ich dreh' ihm das Getriebe raus und lass' ihn auf der Cadillac Ranch. Bleib bei mir, Müllmann, oder wie du dich nennst. Wir geben uns nicht mit Schwein und Bohnen ab, wir reißen mehr Hühner auf, als jemand je gesehen hat.«
Das Coupe raste die Straße entlang, gemalte Flammen schlugen an der Karosserie hoch. Mülleimermann saß auf dem Beifahrersitz, hatte ein warmes Bier auf dem Schoß und den Kopf voll besorgter Gedanken.
Der Morgen des 5. August dämmerte fast, als der Mülleimermann Cibola erreichte, sonst als Vegas bekannt. Irgendwo auf den letzten fünf Meilen hatte er einen Turnschuh verloren, und als er jetzt die gewundene Ausfahrt hinunterging, hörten sich seine Schritte so an: klatsch-BUMM, klatsch-BUMM. Es klang wie das Flappen eines kaputten Reifens.
Er war so gut wie fix und fertig, aber als er den Strip entlangging, der von liegengebliebenen Autos und einer ansehnlichen Menge toter Menschen verstopft war, die meisten von den Bussarden übel zugerichtet, erfüllte ihn doch ein gewisses Staunen. Er hatte es geschafft. Er war in Cibola. Er war geprüft worden und hatte die Prüfung bestanden.
Er sah hundert schäbige Nachtklubs. Er sah Schilder mit Aufschriften wie: FAIRE AUTOMATEN und BLUEBELL-HOCHZEITSKIRCHE und TRAUUNG IN 60 SEKUNDEN FÜR EIN GANZES LEBEN! Er sah einen Rolls-Royce Silver Ghost, der halb ins Schaufenster einer Porno-Buchhaltung gerast war. Er sah eine nackte Frau, die kopfunter an einem Laternenpfahl hing. Er sah zwei Seiten der Las Vegas Sun vorbeiwehen. Die Schlagzeile, die immer wieder zu sehen war, wählend die Zeitung flatterte und sich überschlug, lautete: SEUCHE NIMMT GEFÄHRLICHE AUSMASSE AN.
WASHINGTON SCHWEIGT. Er sah ein riesiges Anschlagbrett, auf dem stand: NEIL DIAMOND! THE AMERICANA HOTEL 15. JUNI30. AUGUST! Jemand hatte auf die Schaufensterscheibe eines Juweliergeschäfts, das sich auf Trauringe und Verlobungsringe spezialisiert zu haben schien, die Worte STIRB FÜR DEINE SÜNDEN, LAS VEGAS gekritzelt.
Er sah einen umgestürzten Konzertflügel wie ein großes totes Holzpferd auf der Straße liegen. Seine Augen nahmen diese Wunder staunend wahr.
Als er weiterging, erblickte er auch andere Zeichen, deren Neon in diesem Mittsommer zum ersten Mal seit Jahren tot war. Flamingo. The Mint. Dunes, Sahara. Glass Slipper. Imperial. Aber wo waren die Menschen? Wo war das Wasser?
Ohne zu wissen, was er tat, ließ er seine Füße den Weg bestimmen und bog vom Strip ab. Sein Kopf kippte nach vorn, das Kinn ruhte auf der Brust. Er döste beim Gehen. Und als seine Füße über den Bordstein stolperten, als er stürzte und sich auf dem Pflaster die Nase blutig schlug, als er aufblickte und sah, was er vor sich hatte, konnte er es kaum glauben. Blut floß ihm unbeachtet aus der Nase über das zerfetzte blaue Hemd. Es war, als würde er noch dösen und dies wäre sein Traum.
Ein hohes weißes Gebäude reckte sich in den Wüstenhimmel, ein Monolith in der Wüste, eine Nadel, ein Monument so großartig wie die Sphinx oder die Cheopspyramide. Die Fenster der östlichen Fassade warfen die Glut der aufgehenden Sonne zurück wie ein Omen. Vor diesem schneeweißen Wüstengebäude flankierten zwei riesige goldene Pyramiden den Eingang. Über dem Baldachin hing eine große Bronzeplatte, auf der als Relief der Kopf eines brüllenden Löwen zu sehen war.