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Darüber, ebenfalls in Bronze, eine einfache, aber gewaltige Aufschrift: MGM GRAND HOTEL.

Doch sein Blick wurde von dem gefesselt, was auf dem Rasenrechteck zwischen Parkplatz und Eingang war. Mülleimer gaffte gebannt, ein orgiastisches Zittern schüttelte ihn so heftig, dass er sich einen Augenblick nur auf die blutigen Hände, zwischen denen das lose Ende des Ace-Verbands flatterte, stützen und den Springbrunnen mit seinen blaßblauen Augen anstarren konnte, Augen, welche die grelle Sonne mittlerweile halb blind gemacht hatte. Er gab ein leises Stöhnen von sich.

Der Springbrunnen funktionierte. Er war eine atemberaubende Konstruktion aus Stein und Elfenbein, gefaßt und eingelegt mit Gold. Bunte Lichter strahlten die Gischt an und machten das Wasser purpurn, dann gelb-orange, dann rot, dann grün. Das unablässige Prasseln, wenn das Wasser in den Pool zurückfiel, war sehr laut.

»Cibola«, murmelte er und rappelte sich auf die Füße. Aus seiner Nase tropfte immer noch Blut.

Er taumelte auf den Springbrunnen zu. Sein Stolpern wurde zum Trab. Der Trab wurde zum Laufen, das Laufen zum Sprinten, das Sprinten zum halsbrecherischen Rennen. Die schorfigen Knie schossen wie Kolben fast bis zum Hals. Ein Wort kam aus seinem Mund, ein langes Wort wie eine Papiergirlande, die himmelwärts wehte und die Menschen oben an die Fenster lockte (und wer sah sie? Gott möglicherweise oder der Teufel, auf jeden Fall nicht der Mülleimermann). Das Wort wurde höher und schriller, länger und länger, während er sich dem Springbrunnen näherte, und das Wort war:

»CIIIIIIIIIBOLAAAAAAA!«

Das letzte »aahh« zog sich immer länger, ein Laut jeglicher Lust, die sämtliche Menschen, welche je auf Erden lebten, jemals erlebt hatten, und hörte erst auf, als er mit der Brust gegen die Mauer des Springbrunnens prallte, sich hinaufzog und in das Bad unglaublicher Kühle und Barmherzigkeit sank. Er konnte spüren, wie sich die Poren seines Körpers wie eine Million Münder öffneten und das Wasser wie ein Schwamm in sich aufsogen. Er schrie. Er senkte den Kopf, prustete Wasser in sich und spie es mit einer Mischung von Niesen und Husten wieder aus, so daß Blut und Wasser und Rotz an den Brunnenrand platschten. Er senkte den Kopf und trank wie eine Kuh.

»Cibola! Cibola!« schrie Müll verzückt. »Mein Leben für dich!«

Er paddelte wie ein Hund um die Fontäne herum, trank noch einmal, kletterte dann über den Rand und ließ sich mit einem ungeschickten Plumpser auf den Rasen fallen. Es hatte sich gelohnt, alles hatte sich gelohnt. Wasserkrämpfe schüttelten ihn plötzlich, und er übergab sich mit einem lauten Grunzen. Sogar das Übergeben war großartig.

Er kam auf die Füße, hielt sich mit der Klauenhand am Brunnenrand fest und trank noch einmal. Diesmal akzeptierte sein Magen die Gabe dankbar.

Er schwappte wie ein voller Ziegenlederschlauch, als er zur Alabastertreppe taumelte, die in diesen legendären Ort hineinführte, zwischen den goldenen Pyramiden hindurch. Auf halber Treppe packte ihn ein Wasserkrampf, und er klappte zusammen. Als es vorbei war, torkelte er wacker weiter.

Oben war eine Drehtür; er mußte sämtliche schwachen Kraftreserven aufbringen, um sie in Bewegung zu bringen. Er drang in eine Halle mit Plüschteppichboden ein, die meilenlang zu sein schien. Der Teppich unter seinen Füßen war dick und weich und preiselbeerfarben. Es gab einen Schreibtisch der Rezeption, einen Schreibtisch für die Post, einen Schreibtisch für die Schlüssel, die Fenster der Geldwechsler. Alles leer. Rechter Hand lag das Casino hinter einem geschnitzten Geländer. Der Mülleimermann sah es ehrfürchtig an - reihenweise Spielautomaten wie Soldaten bei einer Parade, dahinter Rouletteund Würfeltische, die Marmorgeländer, welche die Backaratische abgrenzten.

»Ist wer da?« krächzte Müll, bekam aber keine Antwort. Da bekam er es mit der Angst zu tun, denn dies war ein Ort der Geister, wo Monster lauern mochten, aber seine Müdigkeit dämpfte die Angst. Er stolperte die Stufen ins Casino hinunter, an der Cub Bar vorbei, wo Lloyd Henreid stumm in dem tiefen Schatten saß, ein Glas Mineralwasser in der Hand hielt und ihn beobachtete. Er kam zu einem mit grünem Filz bespannten Tisch, auf dem die mystischen Worte GEBER MUSS 16 ERREICHEN UND BEI 17 PASSEN. Müll kletterte hinauf und schlief sofort ein. Wenig später standen ein halbes Dutzend Männer um die zerlumpte Vogelscheuchengestalt des Mülleimermanns herum.

»Was machen wir mit ihm?« fragte Ken DeMott.

»Schlafen lassen«, antwortete Lloyd. »Flagg will ihn haben.«

»Ach ja? Wo steckt Flagg eigentlich?« fragte ein anderer. Lloyd drehte sich zu dem Mann um, der fast kahl und ganze dreißig Zentimeter größer als Lloyd selbst war. Dennoch wich er einen Schritt zurück, als er Lloyds Blick sah. Der Stein um Lloyd Henreids Hals war der einzige, der nicht pechschwarz war; in seinem Inneren glomm ein winziger, beunruhigender roter Makel.

»Bist du so scharf drauf, ihn zu sehen, Heck?« fragte Lloyd.

»Nein«, sagte der Kahle. »He, Lloyd, weißt du, ich wollte nicht...«

»Schon klar.« Lloyd betrachtete den Mann, der auf dem Blackjacktisch schlief. »Flagg wird schon aufkreuzen«, sagte er. »Er hat auf diesen Typen gewartet. Dieser Typ ist was Besonderes.«

Auf dem Tisch schlief der Mülleimermann selig und bekam von alledem nichts mit.

Müll und The Kid verbrachten die Nacht des 18. Juli in einem Motel in Golden, Colorado. Kid wählte zwei Zimmer mit Verbindungstür. Die Verbindungstür war verschlossen. Kid, der inzwischen schon reichlich zugedröhnt war, löste dieses unbedeutende Problem, indem er das Schloß mit drei Kugeln aus einem seiner 45er wegpustete. Kid hob einen winzigen Stiefel und trat die Tür ein. Sie ging im feinen blauen Dunst des Revolverrauchs auf.

»Siehste, Scheiß-A«, sagte er. »Welches Zimmer? Entscheide dich, Mülli.«

Mülleimer entschied sich für das Zimmer rechts und durfte eine Weile alleine bleiben. Kid war weggegangen. Mülleimer überlegte, ob er ganz einfach in der Dämmerung verschwinden sollte, bevor etwas Schlimmes passierte - er versuchte, diese Möglichkeit gegen das durchaus real existente Fehlen eines jeglichen Transportmittels abzuwägen -, als Kid zurückkam. Mülleimermann stellte erschrocken fest, daß er einen Einkaufswagen schob, der voll beladen mit Sechserpacks Coors-Bier war. Die Puppenaugen waren jetzt blutunterlaufen und von roten Ringen umgeben. Die Pompadourfrisur zerfiel wie eine kaputte, ausgeleierte Uhrfeder, fettige Haarsträhnen hingen Kid über Ohren und Wangen, so daß er wie ein gefährlicher (wenngleich widersinniger) Höhlenmensch aussah, der eine von einem Zeitreisenden vergessene Lederjacke gefunden und angezogen hatte. Die Hasenpfoten am Gürtel der Jacke baumelten hin und her.

»Es ist warm«, sagte Kid, »aber wen schert das schon, hab' ich recht?«

»Vollkommen recht«, sagte der Mülleimermann.

»Nimm 'n Bier, Arschloch«, sagte Kid und warf ihm eine Dose zu. Als Mülleimer den Ring abzog, bekam er eine Gesichtvoll Schaum ab, und Kid wurde von einem seltsam verhaltenen Lachen geschüttelt und hielt sich den flachen Bauch mit beiden Händen. Müll lächelte ergeben. Er beschloß, später in der Nacht, wenn dieses kleine Monster eingeschlafen war, einfach weiterzuziehen. Er hatte genug. Und was Kid über den dunklen Priester gesagt hatte... Mülleimermanns Angst war so groß, daß er sie nicht einmal ausdrücken konnte. So etwas zu sagen, und sei es im Scherz, war etwa so, als würde man in der Kirche auf den Altar scheißen oder bei einem Gewitter das Gesicht himmelwärts heben und den Blitz auffordern, einen zu treffen.

Das Schlimmste war aber, er glaubte nicht, daß Kid gescherzt hatte. Mülleimermann hatte nicht die Absicht, mit diesem irren Zwerg, der den ganzen Tag trank (und höchstwahrscheinlich auch die ganze Nacht) und davon sprach, den dunklen Mann zu stürzen und seine Stelle einzunehmen, in die Berge und durch sämtliche Haarnadelkurven zu fahren.