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Derweil hatte Kid zwei Bier in zwei Minuten gekippt, die Dosen zusammengedrückt und gleichgültig auf eines der Doppelbetten des Zimmers geworfen. Er hielt eine frische Dose Coors in der linken und den 45er, mit dem er die Verbindungstür aufgeschossen hatte, in der rechten Hand und starrte verdrossen den RCA Chromacolor an.

»Kein Scheißstrom, also auch kein Scheißfernsehen«, sagte er. Je betrunkener er wurde, um so deutlicher wurde sein Südstaatenakzent und machte die Worte pelzig. »Wie mir das stinkt. Freut mich, daß sämtliche Arschlöcher abgenibbelt sind, aber Himmelarschundzwirn, wo ist HBO? Wo sind die elenden Sportsendungen? Wo ist der Playboy Channel? Der war gut, Mülli. Ich meine, die haben nie Typen gezeigt, die Muschis geleckt, haarige Pflaumen vernascht haben, du weißt schon, was ich meine, aber ein paar Damen dort hatten Beine bis rauf zum Kinn, ist dir klar, was ich sage?«

»Klar«, sagte Mülleimer.

»Bist 'n Scheiß-A. Brauchst du mir nicht zu sagen, ich sag's dir.«

Kid starrte den Fernseher an. »Taube Fotze«, sagte er und schoss auf den Fernseher. Die Bildröhre implodierte mit einem lauten, hohlen Plopp. Glas wurde auf den Teppichboden gerülpst. Mülleimermann hob die Arme, um das Gesicht zu schützen, dabei blubberte Bier auf den grünen Nylonteppich.

»Sieh dir das an, Dummkopf!« rief Kid. Sein Ton war zutiefst erbost. Plötzlich war der Fünfundvierziger auf Müll gerichtet, und die Mündung war so groß und dunkel wie der Schornstein eines Ozeanriesen. Mülleimer spürte, wie sein Unterleib taub wurde. Es war möglich, daß er sich vollpißte, aber er war nicht sicher.

»Dafür mach' ich 'n Sieb aus deiner Denkmaschine«, sagte Kid.

»Man verschüttet kein Bier. Beiner annern Marke würdichs nich machn, aber du hast Coors verschüttet. Ich wurde Coors pissen, wenn ich könnte, glaubst die Heißescheiße?«

»Klar«, flüsterte Mülleimer.

»Und glaubst du, sie brauen heutzutage noch Coors, Müll? Scheint das besonders wahrscheinlich?«

»Nein«, flüsterte Mülleimer. »Wohl nicht.«

»Stimmt auffallend. Eine vom Aussterben 'drohte Rasse.« Er hob den Revolver etwas. Mülleimer dachte, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Dann senkte Kid die Waffe wieder... etwas. Sein Gesicht hatte einen vollkommen leeren Ausdruck. Mülleimer vermutete, dieser Ausdruck deutete angestrengtes Nachdenken an.

»Ich sag' dir was, Müll. Du holst dir noch 'ne Dose und kippst sie ex. Wenn du das ganze Ding ex kippen kannst, schick ich dich nicht zur Cadillac Ranch. Glaubste die Heißescheiße?«

»Was ist... was ist >ex kippen<?«

»Allmächtiger, du bist dumm wie Schifferscheiße! Die ganze Dose saufen, ohne abzusetzen, das ist ex kippen! Wo bisten die ganze Zeit gewesen, in Afrika, wo der Pfeffer wächst? Solltest dir Mühe geben, Mülli. Wenn ich dir eine reinballern muß, geht sie mitten ins rechte Auge. Die Knarre hier ist mit Dumdums geladen. Reißt dich auf bis hinten und macht ein Fressen für die Wanzen in dieser Absteige aus dir.« Er gestikulierte mit der Pistole und nahm kein blutunterlaufenes Auge von Müll. Er hatte einen Flecken Bierschaum auf der Oberlippe.

Mülleimer ging zum Karton, wählte ein Bier und zog den Ring ab.

»Los doch. Runter damit. Und wenn du's wieder auskotzt, biste wech vom Fensta.«

Mülleimermann hielt die Dose hoch. Bier schäumte heraus. Er trank verzweifelt, und sein Adamsapfel hüpfte auf und ab wie ein Affe auf der Stange. Als die Dose leer war, warf er sie zwischen die Beine, kämpfte einen scheinbar endlosen Kampf mit dem Erbrechen und gewann sein Leben mit einem langen, dröhnenden Rülpser zurück.

Kid warf den kleinen Kopf zurück und lachte vor Vergnügen. Müll schwankte auf den Füßen und grinste angewidert. Plötzlich war er nicht mehr nur ein wenig, sondern sehr betrunken.

Kid steckte die Waffe ins Halfter zurück.

»Okay. Nicht schlecht, Müllimann. Gar nicht übel.«

Kid trank weiter. Zerdrückte Dosen häuften sich auf dem Motelbett. Müll hielt eine Dose Coors zwischen den Knien und nippte jedesmal daran, wenn Kid ihn mißbilligend anzusehen schien. Kid murmelte unablässig vor sich hin, seine Stimme wurde immer lauter, der Südstaatenakzent immer ausgeprägter, während der Berg leerer Dosen wuchs. Er sprach von Orten, wo er gewesen war. Rennen, die er gewonnen hatte. Eine Ladung Stoff, die er mit einem Wäschelaster mit einem halben 44er-Motor unter der Haube über die mexikanische Grenze gebracht hatte. Schlimmes Zeug, sagte er. Jeder Stoff war schlimmes Zeug. Er selbst rührte das Zeug nie an, aber hallo, wenn man ein paar Ladungen davon geschmuggelt hatte, konnte man sich den Arsch mit goldenem Toilettenpapier abwischen. Schließlich döste er ein, die kleinen roten Augen blieben immer länger zu und kamen dann widerwillig wieder auf Halbmast.

»Ich krieg' ihn, Mülli«, murmelte Kid. »Ich geh' da raus, check es ab und leck' ihm den verwichsten Arsch, bis ich weiß, wie der Hase läuft. Aber keiner kommandiert Kid herum. Keine Sau. Nicht lange. Ich mach' kein' Kleinkram.

Wenn ich was mache, dann als Boss. Das ist mein Stil. Keinen Schimmer, wer er ist, woher er kommt oder wie er in unsere elenden Denkmaschinen senden kann, aber ich werd' ihn...« gewaltiges Gähnen »...ausser Stadt rausjagen. Bleib bei mir, Wühlmann oder wiede heißt.«

Er kippte langsam rückwärts aufs Bett. Die Bierdose, die er gerade erst aufgemacht hatte, fiel ihm aus der schlaffen Hand. Coors floss auf den Teppich. Der Kasten war leer, Müll rechnete aus, daß Kid allein einundzwanzig Dosen getrunken hatte. Mülleimer wußte nicht, wie so ein kleiner Kerl soviel Bier trinken konnte, aber er wußte, dass es Zeit war: Zeit zu verschwinden. Das wußte er, aber er fühlte sich betrunken und schwach und elend. Mehr als alles auf der Welt wollte er eine Weile schlafen. Das machte nichts, oder? Kid würde wahrscheinlich die ganze Nacht wie ein Toter schlafen, vielleicht sogar den halben Vormittag. Zeit genug, daß er selbst ein Nickerchen machen konnte.

Also ging er ins Nebenzimmer (auf Zehenspitzen, obwohl Kid fast im Koma lag) und machte die Verbindungstür, so gut es ging, zu. Es ging nicht sehr gut. Die Wucht der Kugeln hatte sie irgendwie verzogen. Auf dem Nachttisch stand ein Wecker zum Aufziehen. Müll zog ihn auf, stellte ihn auf Mitternacht, weil er nicht wußte, wie spät es tatsächlich war (und es ihn auch nicht interessierte), und den Weckton auf fünf. Er legte sich auf eine Seite des Doppelbetts, ohne auch nur die Turnschuhe auszuziehen. Innerhalb von fünf Minuten war er eingeschlafen.

Irgendwann später wachte er im dunklen Grab des Morgens auf, und der Geruch von Bier und Kotze wehte ihm in kurzen, schalen Böen übers Gesicht. Etwas war bei ihm im Bett, etwas Heißes, Glattes und Wendiges. Sein erster panischer Gedanke war, daß ein Wiesel aus dem Traum von Nebraska in die Wirklichkeit herübergekommen war. Er gab ein leises, wimmerndes Stöhnen von sich, als ihm klar wurde, daß das Tier in seinem Bett zwar nicht groß war, aber zu groß für ein Wiesel. Er hatte Kopfschmerzen vom Bier; sie bohrten sich gnadenlos in seine Schläfen.

»Faß mich an«, flüsterte Kid im Dunkeln. Mülleimers Hand wurde gepackt und zu etwas Hartem, Zylinderförmigen geführt, das wie ein Kolben pulsierte. »Wichs mir einen. Los doch, wichs mir einen, du weißt, wie das geht, das war mir klar, als ich dich gesehen hab'. Los doch, Wichser, hol mir einen runter.«

Mülleimermann wußte, wie das ging. Es war in vieler Hinsicht eine Erleichterung. Er kannte es von den langen Nächten im Knast. Sie sagten, es sei schlimm, es sei schwul, aber was die Schwulen machten, war besser als das, was viele andere trieben, die die ganze Nacht damit verbrachten, Löffelspitzen zu Dolchen zu schleifen, oder einfach auf den Pritschen lagen, die Knöchel knacken ließen, einen ansahen und grinsten.