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Lloyd drehte sich zu einem Mann um, der hinter ihnen stand. Der Mann ließ müßig eine Roulettescheibe kreisen und dann die kleine weiße Kugel hüpfen und klappern.

»Roger, sag Whitney oder Stephanie-Ann, sie sollen dem Mann ein paar Fritten und Hamburger machen. Nee, Scheiße, was red' ich denn da? Er wird hier alles vollreihern. Suppe. Bring ihm Suppe. Okay, Mann?«

»Irgendwas«, sagte Müll dankbar.

»Wir haben einen Typen hier, Whitney Morgan, der war Metzger. Er ist fett und ein Schreihals, aber kochen kann der! Und sie haben alles hier. Als wir hergekommen sind, waren die Generatoren noch am Laufen, die Kühlhallen sind voll. Vegas! Ist das nicht die tollste Stadt, die du je gesehen hast?«

»Ja«, sagte Müll. Er mochte Lloyd bereits und kannte nicht einmal seinen Namen. »Es ist Cibola.«

»Wie?«

»Cibola. Von vielen gesucht.«

»Stimmt, im Laufe der Jahre haben viele Leute danach gesucht, aber den meisten hat's leid getan, daß sie es gefunden haben. Meinetwegen kannst du es nennen, wie du willst, Kumpel - sieht aus, als hättest du dich auf dem Weg hierher fast selbst gegrillt. Wie heißt du?«

»Mülleimermann.«

Für Lloyd schien das überhaupt kein seltsamer Name zu sein. »Ich wette, mit so einem Namen warst du Rocker.« Er streckte die Hand aus. Seine Fingerspitzen trugen immer noch leichte Spuren seines Aufenthalts im Gefängnis von Phoenix, wo er fast verhungert wäre. »Ich bin Lloyd Henreid. Freut mich, dich kennenzulernen, Müll. Willkommen an Bord des guten Schiffes Lollypop

Mülleimer schüttelte die dargebotene Hand und mußte sich zusammennehmen, nicht vor Dankbarkeit zu weinen. Soweit er sich erinnern konnte, hatte ihm eben zum ersten Mal in seinem Leben jemand die Hand gegeben. Er war da. Er war akzeptiert worden. Er war endlich bei etwas dabei. Er wäre doppelt so lange durch die Wüste gegangen, nur um diesen Augenblick zu erleben, und hätte sich den anderen Arm und beide Beine auch noch verbrannt.

»Danke«, murmelte er. »Danke, Mr. Henreid.«

»Scheiße, Bruder - wenn du mich nicht Lloyd nennst, müssen wir die Suppe wegschütten.«

»Dann Lloyd. Danke, Lloyd.«

»Schon besser. Wenn du gegessen hast, gehen wir nach oben und geben dir ein Zimmer. Morgen bekommst du was zu tun. Ich glaube, der Boss hat was Besonderes mit dir vor, aber bis dahin ist genügend für dich zu tun. Wir haben den Laden weitgehend wieder in Schwung gebracht, aber noch längst nicht alles. Oben am Damm von Boulder ist ein Team und versucht, den Strom wieder anzuschalten. Ein weiteres arbeitet an der Wasserversorgung. Wir haben Kundschafter losgeschickt, wir führen täglich sechs bis acht Leute hierher, aber davon werden wir dich eine Weile freistellen. Sieht aus, als hättest du genug Sonne für mindestens einen Monat abbekommen.«

»Kann schon sein«, sagte der Mülleimermann mit einem schwachen Lächeln. Er war schon bereit, sein Leben für Lloyd Henreid zu lassen. Er nahm allen Mut zusammen und deutete auf den Stein, der in der Grube von Lloyds Hals hing. »Das...«

»Ja, wer hier was zu sagen hat, trägt so einen. Sein Einfall. Das ist Gagat. Eigentlich gar kein Stein, weißt du. Wie eine Ölblase.«

»Ich meine... das rote Licht. Das Auge.«

»Findest du, daß es so aussieht, hm? Das ist ein Makel. Eigens von ihm. Ich bin nicht der Klügste, den er hat, nicht einmal der Klügste in Lost Wages, längst nicht. Aber ich bin... Scheiße, man könnte wohl sagen, ich bin sein Maskottchen.« Er sah Müll eindringlich an. »Du vielleicht auch, wer weiß? Ich nicht, soviel steht fest. Er ist verschlossen, das ist Flagg. Wie auch immer, wir haben speziell von dir gehört. Ich und Whitney. Das ist keineswegs Routine. Es kommen soviel bei, die nicht eigens angekündigt werden.« Pause. »Aber er könnte es, wenn er wollte. Ich glaube, er könnte jeden ankündigen.«

Der Mülleimermann nickte.

»Er kann Wunder vollbringen«, sagte Lloyd mit leicht heiserer Stimme. »Weißt du, ich möchte nicht zu denen gehören, die gegen ihn sind.«

»Ja«, sagte Mülleimermann. »Ich habe gesehen, was mit Kid passiert ist.«

»Welchem Kid?«

»Mit dem ich unterwegs war, bis wir in die Berge kamen.« Er erschauerte. »Ich will nicht davon sprechen.«

»Okay, Mann. Da kommt deine Suppe. Und Whitney hat doch einen Burger dazugelegt. Wird dir schmecken. Der Typ macht Superhamburger, aber versuch, nicht zu kotzen, okay?«

»Okay.«

»Ich, ich muß mich umsehen, um die Leute kümmern. Wenn mein alter Kumpel Poke mich so sehen könnte, würde er es nicht glauben. Ich hab' mehr zu tun als ein Einbeiniger beim Arschtrittwettbewerb. Wir sehn uns später.«

»Klar«, sagte Mülleimer und fügte dann fast schüchtern hinzu:

»Danke. Danke für alles.«

»Dank nicht mir«, sagte Lloyd liebenswürdig. »Dank ihm

»Mach' ich«, sagte der Mülleimermann. »Jede Nacht.« Aber er sprach mit sich selbst. Lloyd war schon halb durch die Halle und sprach mit dem Mann, der Suppe und Hamburger gebracht hatte. Mülleimermann sah ihnen liebevoll nach, bis sie weg waren, dann fing er an zu essen und schlang, bis fast alles verputzt war. Alles wäre gut gewesen, hätte er nicht in die Suppenschüssel gesehen. Es war Tomatensuppe, und sie hatte die Farbe von Blut.

Er schob die Schüssel von sich und hatte plötzlich keinen Appetit mehr. Es war schön und gut, Lloyd Henreid zu erzählen, daß er nicht über Kid sprechen wollte; aber nicht daran zu denken, was mit ihm passiert war, stand wieder auf einem anderen Blatt.

Er ging zur Roulettescheibe und trank dabei aus dem Glas Milch, das mit dem Essen gekommen war. Er stieß die Scheibe müßig an und ließ die kleine weiße Murmel hineinfallen. Sie rollte um den Rand, dann fiel sie in die Schlitze und hüpfte auf und ab. Er dachte an The Kid. Er fragte, ob jemand kommen und ihm zeigen würde, welches sein Zimmer war. Er dachte an Kid. Er fragte sich, ob die Kugel in einem schwarzen oder roten Feld landen würde... aber hauptsächlich dachte er an Kid. Die klappernde, hüpfende Kugel landete in einem Feld, diesmal endgültig. Die Scheibe kam zum Stillstand. Die Kugel lag in der grünen Doppel-Null.

Das Haus gewinnt.

An dem wolkenlosen, siebenundzwanzig Grad warmen Tag, als sie auf der Interstate 70 von Golden aus nach Westen direkt in die Rockies fuhren, gab Kid Coors zugunsten einer Flasche Whiskey Marke Rebell Yell auf. Zwei weitere Flaschen standen zwischen ihnen auf der Wölbung des Lenkgestänges, jede fein säuberlich in einen leeren Milchkarton verpackt, damit die Flaschen nicht herumkullern und zerbrechen konnten. Kid trank einen Schluck, spülte den Schluck mit einem großen Schluck Pepsi hinunter und grölte dann aus voller Brust Hotdamn! oder Yahoo! oder Sex machine! Er bemerkte mehrmals, daß er Rebell Yell pissen würde, wenn er könnte. Er fragte den Mülleimermann, ob er diese Heißescheiße glaubte. Der Mülleimermann, leichenblaß vor Angst und immer noch verkatert von den drei Bier am Abend zuvor, sagte ja.

Nicht einmal Kid konnte auf diesen Straßen mit neunzig dahindonnern. Er bremste auf sechzig ab und verfluchte die verdammten Berge unablässig. Dann strahlte er. »Wenn wir drüben in Utah und Nevada sind, holen wir jede Menge Zeit auf, Mülli. Mein kleiner Schatz hier schafft hunnertsechzig auf der Ebene. Glaubst die Heißescheiße?«

»Echt tolles Auto«, sagte Müll mit einem Lächeln wie ein kranker Hund.

»Kannst Gift rauf nehmen.« Er trank Rebell Yell. Spülte mit Pepsi nach. Schrie aus voller Brust Yahoo!

Müll betrachtete morbid die vorüberrasende Landschaft, die jetzt im morgendlichen Sonnenschein erstrahlte. Die Interstate war in den Berg gesprengt worden, manchmal fuhren sie zwischen gigantischen Felsklippen dahin. Es waren genau die Klippen, die er in der Nacht zuvor in seinem Traum gesehen hatte. Würden sich die roten Augen nach Einbruch der Dunkelheit vielleicht wieder öffnen? Er erschauerte.