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Bald würden die Leute aufhören herumzulaufen wie Hühner, denen man die Köpfe abgeschlagen hatte, und an einem Strang ziehen. Sie war kein Soziologe wie dieser Glen Bateman (der sie immer ansah wie ein Buchmacher beim Rennen einen falschen Zehner), aber sie wußte, daß die Leute nach einer Weile immer an einem Strang zogen. Fluch und Segen der menschlichen Rasse war ihre Geselligkeit. Wenn sechs Menschen bei Überschwemmung auf einem Kirchendach den Mississippi hinuntertreiben würden, würden sie eine Partie Bingo anfangen, sobald das Dach auf eine Sandbank auflief.

Zuerst würden sie eine Regierung bilden wollen, wahrscheinlich eine, bei der sie selbst im Mittelpunkt stand. Das konnte sie natürlich nicht zulassen, so gern sie es auch getan hätte; das war nicht Gottes Wille. Sollten sie sich mit irdischen Dingen befassen - den Strom wieder einschalten? Prima. Als erstes würde sie diese »Müllpresse« ausprobieren. Das Gas wieder einschalten, damit sie sich im Winter nicht den Hintern abfroren. Sollten sie ihre Resolutionen fassen und ihre Pläne machen, das war prima. Sie würde sich raushalten. Sie würde darauf bestehen, daß Nick an der Regierung beteiligt wurde und vielleicht Ralph. Dieser Texaner schien in Ordnung zu sein, er hielt wenigstens den Mund, wenn sein Gehirn nicht eingeschaltet war. Sie würden wahrscheinlich auch diesen dicken Jungen, diesen Harold, haben wollen, und daran würde sie sie nicht hindern, aber sie mochte ihn nicht. Harold machte sie nervös. Dieses dauernde Grinsen, das nie die Augen mit einschloß. Er war freundlich, er sagte das Richtige, aber seine Augen waren wie zwei kalte Feuersteine, die aus der Erde stachen.

Sie dachte, daß Harold ein Geheimnis hatte. Etwas Übelriechendes und Häßliches, das in einen stinkenden Breiumschlag gehüllt tief in seinem Herzen steckte. Sie hatte keine Ahnung, was es sein könnte; es war nicht Gottes Wille, daß sie es wußte, daher konnte es für die Pläne, die Gott mit dieser Gemeinschaft hatte, nicht von Bedeutung sein. Dennoch beunruhigte sie der Gedanke, daß der dicke Junge in den höchsten Gremien sitzen könnte... aber sie würde dazu nichts sagen.

Ihre Sache, dachte sie etwas selbstgefällig im Schaukelstuhl; ihre eigene Rolle in ihren Räten und Entschließungen hatte ausschließlich mit dem dunklen Mann zu tun.

Er hatte keinen Namen, obwohl es ihm gefiel, sich Flagg zu nennen... jedenfalls im Augenblick. Und jenseits der Berge hatte seine Arbeit schon begonnen. Sie kannte seine Pläne nicht; sie waren ihren Augen ebenso verborgen wie die Geheimnisse im Herzen des dicken Harold. Aber sie mußte die Einzelheiten auch nicht kennen. Sein Ziel war schlicht und einfach: sie alle zu vernichten.

Ihr Wissen um ihn war erstaunlich differenziert. Die Leute, die zur Freien Zone gezogen wurden, kamen alle zu ihr ins Haus, und sie empfing sie, auch wenn sie sie manchmal ermüdeten... und alle wollten ihr mitteilen, daß sie von ihr und von ihm geträumt hatten. Sie hatten Angst vor ihm, und sie nickte und tröstete und beruhigte, so gut sie konnte, aber insgeheim war sie überzeugt, daß die meisten diesen Flagg nicht erkennen würden, wenn sie ihn auf der Straße träfen... es sei denn, er wollte erkannt werden. Vielleicht ahnten sie ihn; vielleicht ein Frösteln wie bei einer Gänsehaut, ein plötzliches Hitzegefühl wie ein Fieberanfall oder ein kurzer, stechender Schmerz in den Ohren oder Schläfen. Aber die Leute irrten, wenn sie glaubten, er habe zwei Köpfe oder sechs Augen oder große spitze Hörner, die ihm aus den Schläfen wuchsen. Wahrscheinlich sah er nicht viel anders aus als der Milchmann oder der Briefträger.

Sie vermutete, daß hinter dem bewußten Bösen eine unbewußte Schwärze war. Das zeichnete die irdischen Kinder der Finsternis aus; sie konnten nichts aufbauen, nur zerstören. Gott hatte den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen, und das bedeutete, daß jeder Mann und jede Frau unter Gottes Sonne eine Art Schöpfer war, jemand, der die Hand ausstrecken und die Welt nach einem rationalen Muster formen wollte. Der schwarze Mann wollte - konnte - nur zerstören. Der Antichrist? Man könnte genausogut sagen Antischöpfer.

Er hatte seine Anhänger, das war nichts Neues. Er war ein Lügner, sein Vater war der Vater der Lügen. Für seine Anhänger war er wie ein großes Neonzeichen hoch am Himmel, das sie mit gleißendem Licht blendete. Diese Lehrlinge der Zerstörung würden nicht erkennen, daß er, genau wie ein Neonzeichen, immer nur dasselbe simple Muster wiederholte. Ihnen würde nicht klarwerden, daß das Gas, welches die hübschen Muster in der komplexen Ansammlung von Röhren erzeugte, sofort stumm verpuffen und nicht einmal den Hauch eines Geruchs zurücklassen würde, wenn man es abließ. Einige würden irgendwann von allein zu diesem Schluß kommen - sein Reich würde nie ein Reich des Friedens sein. Wachtposten und Stacheldraht an den Grenzen seines Landes waren ebenso dazu bestimmt, die Bekehrten ein-wie die Eindringlinge auszusperren. Würde er siegen?

Sie hatte keine Gewißheit, daß er nicht siegen würde. Sie wußte, daß er von ihr wissen mußte wie sie von ihm, und nichts würde ihm mehr Vergnügen machen, als ihren dürren schwarzen Körper als Fressen für die Krähen an einem Kreuz aus Telefonmasten hängen zu sehen. Sie wußte, außer ihr hatten noch ein paar von Kreuzigungen geträumt, aber nur ein paar. Die hatten es ihr erzählt, aber sonst niemandem, vermutete sie. Aber nichts von alledem beantwortete die Frage:

Würde er siegen?

Sie wußte es nicht. Gott arbeitete im geheimen und wie es ihm gefiel. Es hatte ihm gefallen, die Kinder Israels über Generationen unter dem ägyptischen Joch schwitzen und fronen zu lassen. Es hatte ihm gefallen, Joseph in die Sklaverei zu schicken, ihm das feine bunte Gewand vom Leib reißen zu lassen. Es hatte ihm gefallen, den unglücklichen Hiob mit hundert Plagen zu strafen, und es hatte ihm gefallen zuzulassen, daß man seinen eigenen Sohn an einen Balken nagelte und über seinem Kopf einen schlechten Witz anbrachte.

Gott war ein Spieler - wäre er ein Sterblicher gewesen, dann hätte er zu Hause in Hemingford Home auf der Veranda von Pop Manns General Store über einem Schachbrett gesessen. Er spielte Rot gegen Schwarz, Weiß gegen Schwarz. Für ihn, dachte sie, war das Spiel mehr als die Kerze wert, es war die Kerze. Er würde herrschen zu seiner Zeit. Nicht unbedingt in diesem Jahr oder in den nächsten tausend... und sie würde die List des dunklen Mannes und die Verlockung, die er darstellte, nicht unterschätzen. Wenn er Neongas war, dann war sie das winzige dunkle Staubteilchen, über dem sich auf ausgetrocknetem Land eine Regenwolke bildet. Ein weiterer Soldat - wenn auch schon jenseits der Pensionsgrenze! - im Dienst des Herrn.

»Dein Wille geschehe«, sagte sie und griff nach der Packung Erdnüsse in ihrer Schürzentasche. Dr. Staunton, ihr letzter Arzt, hatte ihr gesagt, sie solle salziges Essen meiden, aber was wußte der schon? Sie hatte beide Ärzte überlebt, die sich seit ihrem sechsundachtzigsten Geburtstag angemaßt hatten, sie hinsichtlich ihrer Gesundheit zu beraten, und sie würde Erdnüsse essen, wenn sie welche wollte. Sie taten ihr verflixt am Gaumen weh, aber sie schmeckten doch so köstlich!

Während sie mampfte, kam Ralph Brentner den Weg zu ihrer Tür herauf, den Hut mit der Feder keck auf dem Hinterkopf. Als er an die Verandatür klopfte, nahm er ihn ab.

»Sind Sie wach, Mutter?«

»Das bin ich«, sagte sie mit dem Mund voller Erdnüsse. »Komm rein, Ralph«, sagte sie. »Ich kaue diese Erdnüsse nicht, ich quetsche sie mit dem Gaumen zu Tode.«

Ralph lachte und trat ein. »Draußen vor dem Zaun stehen ein paar Leute, die Sie gern begrüßen wollen, wenn Sie nicht zu müde sind. Sie sind vor ungefähr einer Stunde angekommen. Nette Leute, würde ich sagen. Ihr Anführer ist einer von diesen Langhaarigen, aber er scheint ganz in Ordnung zu sein. Sein Name ist Underwood.«

»Schon gut, bring sie rein, Ralph«, sagte sie.