»Wird gemacht.« Er wandte sich zum Gehen.
»Wo ist Nick?« fragte sie ihn. »Ich habe ihn weder heute noch gestern gesehen. Ist er schon zu vornehm für einfache Leute?«
»Er ist draußen beim Reservoir gewesen«, sagte Ralph. »Er und dieser Elektriker, Brad Kitchner, haben sich das Kraftwerk angesehen.« Er rieb sich an der Nase. »Ich war heute morgen weg. Ich dachte mir, diese Häuptlinge sollten mindestens einen haben, den sie rumkommandieren können.«
Mutter Abagail lachte gackernd. Sie mochte Ralph wirklich. Er war eine einfache Seele, aber lieb. Er hatte ein Gespür dafür, wie etwas lief. Es überraschte sie nicht, daß er es war, der den Sender Freie Zone, wie er von allen genannt wurde, aufgebaut hatte. Er war der Typ Mann, der keine Angst davor hatte, eine Traktorbatterie mit Epoxidkleber zu flicken, wenn sie einen Riß bekam, und wenn das Zeug hielt, dann nahm er den unförmigen Hut ab und kratzte sich den Kahlkopf und grinste wie ein elfjähriger Lausbub, der seine Arbeit erledigt und die Angelrute auf dem Rücken hatte. Er war der Typ, den man gern im Haus hatte, wenn etwas nicht klappte, der aber irgendwie immer bei der Stütze endete, wenn für alle anderen üppige Zeiten herrschten. Er konnte das richtige Ventil an die Fahrradpumpe schrauben, wenn das vorhandene nicht zum Reifen paßte, und er wußte genau, was das komische Summen im Herd verursachte, wenn er ihn nur ansah, aber wenn er es mit einer Stechuhr zu tun hatte, kam er immer zu spät und ging zu früh und wurde deshalb früher oder später gefeuert. Er wußte, daß man Mais mit Schweinemist düngen konnte, wenn man auf die richtige Mischung achtete, und er wußte, wie man Gurken einlegte, aber er würde nie einen Automietvertrag verstehen oder dahinterkommen, wie es den Händlern immer wieder gelang, ihn übers Ohr zu hauen. Bewerbungsunterlagen, die Ralph Brentner ausfüllte, würden immer aussehen wie durch den Wolf gedreht... Rechtschreibfehler, Eselsohren, Tintenkleckse und fettige Fingerabdrücke. Sein Lebenslauf würde aussehen wie ein Schachbrett, das auf einem Kohledampfer rund um die Welt gekommen ist. Aber wenn die Substanz der Welt entzweiriß, dann waren es die Ralph Brentners, die sich nicht schämten zu sagen: »Klatschen wir etwas Kleber rein und warten ab, ob das nicht hält.«
Und in den meisten Fällen hielt es tatsächlich.
»Bist ein guter Kerl, Ralph, weißt du das? Du bist mir schon einer.«
»Sie auch, Mutter. Kein Kerl natürlich, aber Sie wissen schon, was ich meine. Wie auch immer, dieser Redman kam während der Arbeit vorbei. Er wollte mit Nick reden, damit dieser bei irgendeinem Komitee mitmacht.«
»Und was hat Nick gesagt?«
»Och, der hat ein paar Seiten vollgeschrieben. Aber es lief darauf hinaus, wenn es Mutter Abagail recht ist, ist es mir auch recht. Ist es Ihnen recht?«
»Herrje, was sollte denn eine alte Frau wie ich da mitzureden haben?«
»Eine Menge«, sagte Ralph ernst, beinahe schockiert. »Wir sind nur Ihretwegen hier. Ich glaube, wir werden alles machen, was Sie wollen.«
»Ich will nur weiterhin frei leben, wie immer, wie eine Amerikanerin. Ich will nur mitreden, wenn es Zeit dafür ist. Wie eine Amerikanerin.«
»Das werden Sie alles kriegen.«
»Denken die anderen genauso?«
»Jede Wette.«
»Dann ist es ja gut.« Sie schaukelte unbekümmert. »Es wird Zeit, daß sich alle an die Arbeit machen. Einige trödeln hier nur herum. Warten größtenteils nur darauf, daß ihnen jemand sagt, was sie tun sollen.«
»Dann kann ich also weitermachen?«
»Womit?«
»Nick und Stu haben mich gebeten, eine Druckerpresse zu suchen und, wenn möglich, in Betrieb zu nehmen, wenn sie mir Strom besorgen können. Ich habe ihnen gesagt, daß ich keinen Strom brauche. Ich gehe einfach zur High School und suche mir den größten Matritzenkopierer, den ich finden kann. Sie wollen Flugblätter.« Er schüttelte den Kopf. »Also wirklich! Siebenhundert. Dabei sind wir hier nur vierhundert und ein paar Zerquetschte.«
»Und neunzehn draußen am Tor, die wahrscheinlich einen Hitzschlag kriegen, während wir schwatzen. Bring sie rein.«
»Mach ich«, sagte Ralph und ging.
»Und, Ralph?«
Er drehte sich um.
»Druck tausend«, sagte sie.
Sie kamen durch das Tor, das Ralph ihnen aufgemacht hatte, und sie empfand ihre Sünde, die Sünde, die sie für die Mutter aller Sünden hielt. Der Vater aller Sünden war Diebstahl; alle zehn Gebote liefen auf eins hinaus: »Du sollst nicht stehlen.« Mord war Diebstahl von Leben; Ehebruch Diebstahl einer Frau; Begierde der heimliche, schleichende Diebstahl, der tief im Herzen stattfindet. Blasphemie war der Diebstahl von Gottes Namen, aus dem Hause des Herrn entwendet und auf die Gassen geschickt wie eine einherstolzierende Hure. Sie war nie eine nennenswerte Diebin gewesen; hatte schlimmstenfalls hier und da eine Kleinigkeit stibitzt.
Die Mutter der Sünde war Stolz.
Stolz war die weibliche Seite Satans in der menschlichen Rasse, das stille, stets fruchtbare Ei der Sünde. Stolz hatte Moses aus Kanaan ferngehalten, wo die Trauben so groß waren, daß die Männer sie in Schlingen tragen mußten. Wer schlug das Wasser aus dem Felsen, als uns dürstete? hatten die Kinder Israels gefragt, und Moses hatte geantwortet: Ich war es.
Sie war immer eine stolze Frau gewesen. Stolz auf den Fußboden, den sie auf Händen und Knien gewischt hatte (aber wer hatte ihr Hände und Knie und selbst das Wasser gegeben, das sie dazu brauchte?), stolz darauf, daß ihre Kinder alle rechtschaffen geworden waren - keines war je im Gefängnis gewesen, keines Alkohol oder Drogen verfallen, und keines hatte je im falschen Bett herumgemacht -, aber die Mütter von Kindern waren die Töchter Gottes. Sie war stolz auf ihr Leben, aber sie hatte ihr Leben nicht gemacht. Stolz war der Fluch des Willens, und der Stolz hatte seine Launen, wie eine Frau. Mit hundertacht Jahren kannte sie weder alle seine Illusionen, noch war sie über seinen Glanz erhaben.
Und als sie durch das Tor kamen, dachte sie: Mich wollen sie besuchen. Und dieser Sünde folgte eine Reihe blasphemischer Metaphern, die ihr ungewollt in den Sinn kamen: wie sie einer nach dem ändern durch das Tor traten wie Kommunionsempfänger, ihr junger Anführer mit gesenktem Blick, eine hellhaarige Frau an seiner Seite, ein kleiner Junge gleich hinter ihm neben einer dunkeläugigen Frau, in deren schwarzem Haar graue Strähnen zu sehen waren. Die andern in einer Reihe hinter ihnen.
Der junge Mann stieg die Verandastufen hoch, aber seine Frau blieb unten stehen. Sein Haar war lang, wie Ralph gesagt hatte, aber sauber. Außerdem trug er einen beachtlichen rötlichblonden Bart. Er hatte ein energisches Gesicht, aber an der Stirn und um den Mund herum zeigten sich frische Sorgenfalten.
»Es gibt Sie also wirklich«, sagte er leise.
»Nun, das will ich meinen«, sagte sie. »Ich bin Abagail Freemantle, aber die meisten Leute hier nennen mich nur Mutter Abagail. Willkommen bei uns.«
»Danke«, sagte er mit belegter Stimme, und sie sah, daß er mit den Tränen kämpfte. »Ich bin... wir freuen uns, daß wir hier sind. Mein Name ist Larry Underwood.«
Sie streckte ihm die Hand hin, er nahm sie sanft, ehrfürchtig, und sie empfand wieder diesen Anflug von Stolz, diese Halsstarrigkeit. Es war, als glaubte er, sie hätte ein Feuer in sich, das ihn verbrennen konnte.
»Ich... habe von Ihnen geträumt«, sagte er verlegen. Sie lächelte und nickte, und er drehte sich so steif um, daß er fast gestolpert wäre. Er ging mit gebeugten Schultern die Stufen hinunter. Er wird sich entspannen, dachte sie. Jetzt war er hier und würde bald einsehen, daß er nicht die ganze Last der Welt auf seine Schultern nehmen mußte. Ein Mann, der an sich selbst zweifelt, sollte sich nicht zu lange zu sehr anstrengen müssen, erst wenn er die nötige Reife hat, und dieser Mann Larry Underwood war noch ein wenig grün und unfertig. Aber sie mochte ihn.