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Seine Frau, ein hübsches kleines Ding mit Augen wie Veilchen, kam als nächste herauf. Sie sah Mutter Abagail kühn, aber nicht spöttisch an. »Ich bin Lucy Swann. Freut mich, Sie kennenzulernen.« Und sie machte einen kleinen Hofknicks, obwohl sie Hosen anhatte.

»Schön, daß du gekommen bist, Lucy.«

»Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich frage... nun...« Sie sah zu Boden und errötete heftig.

»Hundertundacht nach letzter Zählung«, sagte Abagail freundlich.

»Kommen mir manchmal wie zweihundertsechzehn vor.«

»Ich habe von Ihnen geträumt«, sagte Lucy und zog sich verwirrt zurück.

Dann kamen die Frau mit den dunklen Augen und der Junge. Die Frau sah Mutter Abagail ernst und mit festem Blick an; das Gesicht des Jungen zeigte unverhohlenes Erstaunen. Der Junge war in Ordnung. Aber etwas an der Frau berührte sie mit Grabeskälte. Er ist hier, dachte sie. Er ist in Gestalt dieser Frau gekommen... denn siehe, er kommt nicht nur in seiner eigenen Gestalt... Wolf... Krähe... Schlange.

Sie war noch nicht darüber hinaus, Angst um sich selbst zu empfinden, und einen Augenblick dachte sie, diese seltsame Frau mit den weißen Strähnen im Haar würde fast beiläufig die Hand ausstrecken und ihr das Genick brechen. Den einen Augenblick lang, den dieses Gefühl anhielt, bildete sich Mutter Abagail tatsächlich ein, das Gesicht der Frau wäre verschwunden und sie würde in ein Loch in Raum und Zeit sehen, ein Loch, aus dem zwei dunkle und verfluchte Augen sie betrachteten - Augen, die verloren und verzweifelt und hoffnungslos waren.

Aber es war nur eine Frau, nicht er. Der dunkle Mann würde es niemals wagen, selbst hierher zu kommen, nicht einmal in einer fremden Gestalt. Es war nur eine Frau - eine hübsche obendrein - mit ausdrucksvollem, sinnlichem Gesicht, die einen Arm um die Schultern ihres kleinen Jungen gelegt hatte. Sie hatte nur einen Moment einen Tagtraum gehabt. Das mußte es gewesen sein.

Für Nadine Cross brachte dieser Augenblick Verwirrung. Als sie durch das Tor kamen, war alles in Ordnung gewesen. Alles war in Ordnung gewesen, bis Larry angefangen hatte, mit der alten Frau zu sprechen. Dann war ein fast übermächtiges Gefühl des Ekels und Entsetzens über sie gekommen. Die alte Frau konnte... konnte was?

Konnte sehen.

Ja. Sie hatte Angst, die alte Frau könnte in ihr Innerstes sehen, wo die Dunkelheit bereits gesät war und prächtig gedieh. Sie hatte Angst, die alte Frau könnte aus ihrem Schaukelstuhl auf der Veranda aufstehen, sie demaskieren und verlangen, daß sie und Joe auf der Stelle zu dem gingen (zu ihm), dem sie vorherbestimmt war.

Die beiden betrachteten einander - jede von ihrer eigenen dumpfen Angst erfüllt. Sie schätzten einander ab. Der Augenblick war kurz, aber den beiden kam er sehr lang vor.

Er ist in ihr - der Dämon Satans, dachte Abby Freemantle.

Ihre gesamte Macht sitzt hier vor mir, dachte Nadine ihrerseits. Sie haben nur diese Frau, auch wenn sie vielleicht anderer Meinung sind.

Joe neben ihr wurde unruhig und zog an ihrer Hand.

»Hallo«, sagte sie mit dünner, toter Stimme. »Ich bin Nadine Cross.«

Die alte Frau sagte: »Ich weiß, wer du bist.«

Die Worte hingen in der Luft und schnitten plötzlich durch die anderen Unterhaltungen. Leute drehten sich verwirrt um, ob etwas passierte.

»Wirklich?« sagte Nadine leise. Plötzlich schien ihr, als wäre Joe ihr Schutz, ihr einziger.

Sie schob den Jungen langsam vor sich, wie eine Geisel. Joes seltsame, unheimliche Meerwasseraugen sahen Mutter Abagail an. Nadine sagte: »Dies ist Joe. Kennen Sie ihn auch?«

Mutter Abagail nahm den Blick nicht von den Augen der Frau, die sich Nadine Cross nannte, aber auf ihren Nacken hatte sich eine dünne Schweißschicht gelegt.

»Ich glaube, daß er ebensowenig Joe heißt wie ich Kassandra«, sagte sie, »und ich glaube nicht, daß du seine Mutter bist.« Sie wandte den Blick wie erleichtert dem Jungen zu und konnte das seltsame Gefühl nicht unterdrücken, daß die Frau irgendwie gewonnen hatte - daß sie den kleinen Jungen zwischen sie beide gestellt und benutzt hatte, um sie daran zu hindern, ihre wie auch immer geartete Pflicht zu tun... aber ach, es war so plötzlich gekommen, sie war nicht darauf vorbereitet gewesen!

»Wie heißt du, Kleiner?« fragte sie den Jungen.

Der Junge mühte sich ab, als hätte er einen Knochen im Hals stecken. »Das wird er Ihnen nicht sagen«, meinte Nadine und legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. »Er kann es Ihnen nicht sagen. Ich glaube, er weiß gar ni...«

Joe wehrte die Hand ab, und das schien den Bann zu brechen.

»Leo!« sagte er mit plötzlicher Kraft und großer Klarheit. »Leo Rockway. Das bin ich! Ich heiße Leo!« Und er sprang lachend in Mutter Abagails Arme. Das löste Gelächter und Beifall der Menge aus. Nadine wurde praktisch nicht mehr beachtet, und wieder hatte Abby das Gefühl, daß ein zentraler Fokus, eine wesentliche Chance vorüber war.

»Joe«, rief Nadine. Ihr Gesicht war distanziert und wieder beherrscht.

Der Junge zog sich ein Stück von Mutter Abagail zurück und sah sie an.

»Komm da weg«, sagte Nadine, und jetzt sah sie Abby fest an und sprach nicht zu dem Jungen, sondern direkt zu ihr. »Sie ist alt. Du wirst ihr weh tun. Sie ist sehr alt und... nicht sehr stark.«

»Oh, ich glaube, ich bin kräftig genug, mit so einem Jungen wie ihm ein bißchen zu schmusen«, sagte Mutter Abagail, aber ihre Stimme hörte sich selbst für ihre Ohren seltsam unsicher an. »Sieht so aus, als hätte er viel durchgemacht.«

»Nun, er ist müde. Und Sie sind es auch, wie es aussieht. Komm her, Joe.«

»Ich hab' sie lieb«, sagte der Junge, ohne sich zu bewegen. Darauf schien Nadine zusammenzuzucken. Ihr Tonfall wurde schärfer. »Komm da weg, Joe!«

»Das ist nicht mein Name! Leo! Leo! Das ist mein Name!«

Die kleine Versammlung von Pilgern wurde wieder still und merkte, daß etwas Ungewöhnliches geschehen war, vielleicht noch geschah; aber sie wußten nicht, was.

Die beiden Frauen kreuzten die Blicke wie Säbelklingen.

Ich weiß, wer du bist, sagten Abbys Augen.

Und die von Nadine antworteten: Ja. Und ich kenne dich.

Aber diesmal war es Nadine, die zuerst wegsah.

»Also gut«, sagte sie. »Leo oder wie du willst. Aber komme jetzt weg, bevor du sie noch müder machst.«

Er löste sich von Mutter Abagail, aber nur widerwillig.

»Du darfst mich besuchen, wann du willst«, sagte Abby, aber ihr Blick schloß Nadine nicht ein.

»Okay«, sagte der Junge und warf ihr eine Kußhand zu. Nadines Gesicht war wie versteinert. Sie sagte nichts. Als sie die Verandastufen hinuntergingen, schien der Arm, den Nadine ihm um die Schultern gelegt hatte, eher eine Kette als ein Trost zu sein. Mutter Abagail sah die beiden gehen und merkte, daß sie den Fokus wieder verlor. Als sie das Gesicht der Frau nicht mehr sah, wurde das Gefühl der Offenbarung verschwommen. Sie war nicht mehr sicher, was sie empfunden hatte. Nadine war nur eine Frau ... oder nicht?

Der junge Mann, Underwood, stand am Fuß der Stufen; sein Gesicht glich einer Gewitterwolke.

»Warum hast du dich so benommen?« fragte er sie, und obwohl er mit gedämpfter Stimme sprach, konnte Mutter Abagail ihn immer noch deutlich verstehen.

Die Frau beachtete ihn nicht. Sie ging ohne ein Wort an ihm vorbei. Der Junge sah Underwood flehentlich an, aber die Frau hatte das Sagen, wenigstens vorübergehend, und der kleine Junge ließ sich von ihr fortziehen, von ihr wegbringen.

Es folgte ein Augenblick der Stille, und plötzlich vermochte sie die Stille nicht zu unterbrechen, obwohl sie unterbrochen werden mußte...

...oder nicht?

War es ihre Aufgabe, sie zu unterbrechen?