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Und eine Stimme fragte leise: Ist es so? Ist das deine Aufgabe? Hat Gott dich deshalb hierhergebracht, Frau? Als offizielles Begrüßungskomitee an den Pforten der Freien Zone?

Ich kann nicht denken, wandte sie ein. Die Frau hat recht gehabt: Ich BIN müde.

Er kommt in mehr Gestalten als seiner eigenen, beharrte die leise innere Stimme. Wolf, Krähe, Schlange... Frau.

Was bedeutete es? Was war hier geschehen? Was, in Gottes Namen?

Ich habe selbstgefällig hier gesessen und darauf gewartet, daß man den Kotau vor mir macht - ja, das habe ich getan, hat keinen Zweck, es zu leugnen -, und nun ist diese Frau gekommen, etwas ist geschehen, und ich weiß nicht mehr, was es war. Aber mit dieser Frau war etwas... war was? Bist du sicher? Bist du sicher? 

Eine Weile herrschte Schweigen, und alle schienen sie anzusehen und darauf zu warten, daß sie sich beweise. Und sie tat es nicht. Die Frau und der Junge waren verschwunden; sie waren gegangen, als wären sie die wahren Gläubigen und sie selbst nur eine schäbige grinsende Pharisäerin, die sie sofort durchschaut hatten.

Oh, aber ich bin alt! Es ist nicht fair!

Und dann auf den Fersen eine andere Stimme, dünn und leise, eine Stimme, die nicht ihre eigene war: Nicht zu alt, um zu wissen, diese Frau ist...

Jetzt hatte sich ihr ein anderer Mann auf zögernde, unterwürfige Weise genähert. »Mutter Abagail«, sagte er. »Mein Name ist Zellman. Mark Zellman. Aus Lowville, New York. Ich habe von Ihnen geträumt.«

Und sie sah sich plötzlich vor einer Entscheidung, die sich nur einen Augenblick deutlich in ihrem suchenden Verstand abzeichnete. Sie konnte diesen Mann begrüßen und ein wenig mit ihm plaudern, damit er beruhigt war (aber nicht allzu beruhigt; das wollte sie nicht), und dann konnte sie sich den nächsten und den nächsten und nächsten widmen und ihre Huldigungen entgegennehmen wie frische Palmenblätter, oder sie konnte ihn und den Rest ignorieren. Sie konnte dem Faden ihrer Gedanken bis in ihr tiefstes Inneres folgen, um zu erfahren, was der Herr sie wissen lassen wollte.

Die Frau ist...

...was?

War es wichtig? Die Frau war weg.

»Ich hatte einen Großneffen, der im Staat New York lebte«, sagte sie im Plauderton zu Mark Zellman. »Die Stadt heißt Rouse's Point.

Liegt am Lake Champlain, direkt an der Grenze zu Vermont. Wahrscheinlich noch nie gehört, oder?«

Mark Zellman sagte, sicher habe er von ihr gehört; fast jeder im Staat New York kannte die Stadt. War er schon einmal dort gewesen? Er verzog betrübt das Gesicht. Nein, nie. Aber er wollte schon immer mal.

»Nach dem was Ronnie in seinen Briefen geschrieben hat, hast du nicht viel versäumt«, sagte sie, und Zellman ging strahlend davon. Die anderen kamen nacheinander, um ihre Aufwartung zu machen, wie andere Gruppen vor ihnen und wie es in den nächsten Tagen und Wochen noch viele tun sollten. Ein halbwüchsiger Junge namens Tony Donahue. Ein Bursche namens Jack Jackson, Automechaniker. Eine junge Krankenschwester namens Laurie Constable - die kam gut zupaß. Ein alter Mann namens Richard Farris, den alle Richter nannten; er sah sie so durchdringend an, dass sie sich wieder ein wenig unbehaglich fühlte. Dick Vollman. Sandy DuChiens - hübscher Name, französisch. Harry Dunbarton, ein Mann, der noch vor drei Monaten Brillen verkauft hatte, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Andrea Terminello. Ein Smith. Ein Rennett. Sie sprach mit ihnen allen und nickte und lächelte und beruhigte sie, aber das Vergnügen, das sie sonst dabei empfunden hatte, wollte sich heute nicht einstellen, und sie spürte nur die Schmerzen in Fingern und Knien und den durchdringenden Verdacht, daß sie das Port-O-San aufsuchen sollte, und zwar schnell, wenn sie nicht ihr Kleid beschmutzen wollte.

Dazu das Gefühl, das langsam verblaßte (und bei Einbruch der Nacht völlig verschwunden sein würde), daß ihr etwas von großer Wichtigkeit entgangen war und ihr dies später noch sehr leid tun würde.

Er konnte besser denken, wenn er schrieb, daher kritzelte er alles möglicherweise Wichtige in groben Zügen mit zwei Filzstiften nieder: einem blauen und einem schwarzen. Nick Andros saß im Arbeitszimmer des Hauses am Baseline Drive, das er gemeinsam mit Ralph Brentner und Ralphs Frau Elise bewohnte. Es war fast dunkel. Das Haus war sehr schön, es lag am Fuße des Flagstaff Mountain, aber doch ein Stück oberhalb von Boulder, so daß man durch das große Fenster im Wohnzimmer die Straßen der Stadt wie ein riesiges Spielbrett unter sich liegen sah. Das Fenster war draußen mit einer Art reflektierenden Schicht überzogen, so dass man zwar hinaus -, Passanten aber nicht hereinsehen konnten. Nick schätzte, daß das Haus in der Preisklasse um 450000 bis 500000 Dollar liegen mußte... und der Hausherr und seine Familie waren merkwürdigerweise nicht da.

Auf seiner langen Reise von Shoyo nach Boulder, zuerst allein, dann mit Tom Cullen und den anderen, war er durch Hunderte von Städten und größeren Ortschaften gekommen, und alle waren stinkende Leichenhäuser gewesen. Boulder hätte nicht anders sein dürfen... aber es war anders. Es gab Leichen hier, ja, Tausende, und man mußte etwas unternehmen, bevor die heißen, trockenen Tage vorüber waren und die Regenfälle einsetzten, die schnellere Verwesung und möglicherweise Krankheiten verursachten... aber es waren nicht genug Leichen. Nick fragte sich, ob es außer ihm und Stu Redman anderen aufgefallen war... Lauder vielleicht. Lauder fiel fast alles auf.

Für jedes Haus oder öffentliche Gebäude, in dem es von Leichen wimmelte, gab es zehn andere, die völlig leer waren. Irgendwann während der letzten Tage der Seuche waren die meisten Bürger von Boulder, krank oder gesund, aus der Stadt abgehauen. Warum? Nun, vielleicht war es nicht wichtig, und vielleicht würden sie es nie erfahren. Die unheimliche Tatsache blieb, daß Mutter Abagail sie einfach zu der vielleicht einzigen kleinen Stadt in den Vereinigten Staaten geführt hatte, aus der die Opfer der Seuche verschwunden waren. Das reichte aus, daß selbst ein Agnostiker wie er sich fragte, woher sie ihre Informationen bekam.

Nick hatte drei Zimmer im Souterrain des Hauses genommen, hübsche Zimmer mit Möbeln aus Kiefernholz. Kein Drängen von Seiten Ralphs hatte ihn bewegen können, seinen Lebensraum zu vergrößern - er kam sich schon wie ein Störenfried vor, aber er hatte sie gern... vor der Reise von Shoyo nach Hemingford Home war ihm gar nicht klargeworden, wie sehr ihm andere Gesichter gefehlt hatten. Und sein Nachholbedarf war noch nicht gedeckt.

Die Wohnung war auch so die schönste, in der er je gewohnt hatte. Er hatte einen eigenen Eingang, die Hintertür, und er parkte sein Zehngangrad unter dem überstehenden Erker über der Tür, wo es bis zu den Speichen in Generationen duftender verwesender Espenblätter stand. Er hatte den Grundstock für eine Büchersammlung gelegt, die er sich immer gewünscht hatte, aber in den Jahren seiner Wanderschaft nicht hatte zulegen können. Damals war er ein fleißiger Leser gewesen (heutzutage schien er kaum einmal soviel Zeit zu haben, daß er sich lange mit einem guten Buch hinsetzen konnte), und manche der Bücher, die auf den Regalen standen - Regalen, welche größtenteils noch leer waren -, waren alte Freunde, manche hatte er erstmals für zwei Cent pro Tag aus Leihbüchereien geliehen; in den zurückliegenden Jahren hatte er nie lange genug in einer Stadt gelebt, sich einen regulären Leihausweis zu besorgen. Andere Bücher hatte er noch nicht gelesen; es waren Bücher, auf die ihn die Ausleihkataloge der Bibliotheken gebracht hatten. Während er mit Filzstiften und Schreibpapier dasaß, lag so ein Buch neben seiner rechten Hand auf dem Schreibtisch - Set This House on Fire von William Styron. Er hatte die Stelle, wo er war, mit einem Zehndollarschein markiert, den er auf der Straße gefunden hatte, wo ihn der Wind in den Rinnstein wehte, und er war immer noch überrascht und amüsiert, wie viele Menschen - er selbst eingeschlossen - noch stehenblieben und sich danach bückten. Und warum? Bücher waren jetzt umsonst. Einfälle waren umsonst. Manchmal begeisterte ihn dieser Gedanke. Manchmal machte er ihm Angst.