Er würde Boulder bald verlassen. Ein Monat oder zwei, mehr nicht. Bis er sich klar war, wie er einige offene Rechnungen begleichen konnte. Dann würde er nach Westen gehen. Und wenn er dort war, würde er den Mund aufmachen und gründlich über die Lage hier auspacken. Er würde ihnen erzählen, was in den öffentlichen Sitzungen los war und, noch wichtiger, in den nichtöffentlichen. Er war sicher, daß man ihn ins Komitee der Freien Zone wählen würde. Sie würden ihn willkommen heißen, und der Mann, der drüben die Macht hatte, würde ihn reichlich belohnen... nicht indem er seinem Haß ein Ende setzte, sondern indem er ihm das perfekte Vehikel dafür gab, einen Haß-Cadillac, ein Angstmobil, lang und dunkel glänzend. Er würde einsteigen und seinen Haß unter sie fahren. Er und Flagg würden diese elende Ansiedlung auseinandertreten wie einen Ameisenhaufen. Aber zuerst würde er mit Redman abrechnen, der ihn belogen und ihm die Frau gestohlen hatte.
Ja, Harold, aber warum haßt du?
Nein; darauf gab es keine zufriedenstellende Antwort, nur eine Art... Zusatzvermerk zum Haß selbst. War es überhaupt eine faire Frage? Er war der Meinung, daß nein. Ebensogut konnte man eine Frau fragen, warum sie ein behindertes Kind zur Welt gebracht hatte. Es hatte eine Zeit gegeben, eine Stunde oder einen Augenblick, als er daran gedacht hatte, den Haß über Bord zu werfen. Das war gewesen, als er Frannies Tagebuch gelesen und erfahren hatte, dass sie unwiderruflich Stu Redman verfallen war. Diese plötzliche Erkenntnis hatte auf ihn gewirkt wie ein kalter Wasserguß auf eine Schnecke, die zur kleinen Kugel wird statt zum ausgebreiteten, tastenden Organismus. In dieser Stunde oder in diesem Augenblick hatte er gewußt, daß er einfach akzeptieren konnte, was war, und dieses Wissen hatte ihn entzückt und entsetzt zugleich. In dieser Zeitspanne hatte er gewußt, daß er sich in einen anderen Menschen verwandeln konnte, in einen neuen Harold Lauder, der durch das scharfe Skalpell der Supergrippe aus dem alten geklont worden war.
Er begriff deutlicher als die anderen, daß es in der Freien Zone Boulder genau darum ging. Die Leute waren anders, als sie gewesen waren. Die Gesellschaft dieser kleinen Stadt war mit keiner anderen amerikanischen Gesellschaft vor der Seuche vergleichbar. Sie sahen das nicht, weil sie nicht wie er außerhalb der Grenzen standen. Männer und Frauen lebten offensichtlich ohne den Wunsch zusammen, die Institution Ehe wieder einzuführen. Ganze Gruppen lebten in kleinen Untergruppen wie in Kommunen zusammen. Es gab wenig Streit. Die Leute schienen miteinander auszukommen. Und, am seltsamsten, keiner schien die tiefe religiöse Bedeutung der Träume zu erkennen... und der Seuche selbst. Boulder selbst war eine geklonte Gesellschaft, eine Tabula, die so rasa war, daß sie die neugewonnene Schönheit nicht empfanden.
Harold empfand sie, und er haßte sie.
Weit drüben hinter den Bergen war noch eine geklonte Kreatur. Ein Stück der dunklen Bösartigkeit, eine Krebszelle aus dem sterbenden Leib der alten Gesellschaft, ein einsamer Vertreter des Karzinoms, das die alte Gesellschaft bei lebendigem Leibe gefressen hatte. Eine einzige Zelle, die aber schon angefangen hatte, sich zu reproduzieren und weitere wilde Zellen zu erzeugen. Für die Gesellschaft bedeutete das den alten Kampf, das Bemühen des gesunden Gewebes, den bösartigen Eindringling abzuwehren. Aber für jede individuelle Zelle stellte sich die alte, alte Frage, die bis zum Garten Eden zurückreichte - aß man den Apfel oder ließ man es sein? Dort drüben, im Westen, aßen sie bereits Unmengen Apfelkuchen und Apfelkompott. Die Assassinen von Eden waren da, die dunklen Füsiliere.
Und er selbst hatte im Angesicht des Wissens, daß es ihm freistand zu akzeptieren, was war, die neue Chance für eine menschliche Gesellschaft abgelehnt. Sie zu ergreifen, wäre gleichbedeutend mit Selbstmord gewesen. Die Gespenster aller Demütigungen, die er je erlitten hatte, bäumten sich dagegen auf. Seine gemordeten Träume und Ambitionen lebten auf unheimliche Weise wieder auf und fragten, ob er sie wirklich so einfach vergessen konnte. In der neuen Gesellschaft der Freien Zone konnte er nur Harold Lauder sein. Dort drüben aber ein Prinz.
Das Bösartige lockte ihn. Es war ein dunkler Jahrmarkt - Riesenräder mit ausgeschaltetem Licht, die sich über einer schwarzen Landschaft drehten, ein niemals endender Zirkus mit Freaks wie ihm, und im Hauptzelt fraßen die Löwen die Zuschauer. Die mißtönende Musik des Chaos sprach ihn an.
Er schlug sein Tagebuch auf und schrieb im Licht der Sterne mit fester Hand.
16. August 1990 (frühmorgens).
Es heißt, die beiden großen Sünden der Menschheit seien Stolz und Haß. Wirklich? Ich ziehe es vor, beide für große Tugenden zu halten. Auf Haß und Stolz verzichten hieße, sich zugunsten der Welt zu verändern. Edler ist es, wenn ich sie mir zu eigen mache und ihnen freien Lauf lasse, denn dann muß sich die Welt zu meinen Gunsten verändern. Das Leben ist ein großes Abenteuer.
HAROLD EMERY LAUDER
Er schlug das Buch zu. Er ging ins Haus, legte das Buch in sein Loch im Kamin zurück und brachte sorgfältig den Stein wieder an. Er ging ins Bad, stellte die Coleman-Lampe so aufs Waschbecken, daß sie in den Spiegel leuchtete, und übte die nächsten fünfzehn Minuten lang zu lächeln. Er war schon ziemlich gut.
51
Ralphs Plakate, die die Versammlung am 18. August ankündigten, hingen überall in Boulder. Es gab erregte Diskussionen, bei denen es hauptsächlich um die guten und schlechten Eigenschaften der sieben Mitglieder des Ad-hoc-Komitees ging.
Mutter Abagail ging erschöpft zu Bett, bevor das Licht des Tages erloschen war. Den ganzen Tag war der Strom der Besucher, die alle ihre Meinung wissen wollten, nicht abgerissen. Sie räumte ein, daß sie die für das Komitee benannten Personen für eine gute Auswahl hielt. Die meisten Leute wollten besorgt wissen, ob sie in einem ständigen Komitee mitarbeiten wollte, sollte während der Versammlung eins gewählt werden. Sie erwiderte, daß das ein wenig zu ermüdend sein würde, sie jedoch ein Komitee aus gewählten Repräsentant en jederzeit nach Kräften unterstützen wolle, falls man ihre Unterstützung wollte. Immer wieder versicherten ihr die Leute, daß ein ständiges Komitee, das auf ihre Hilfe keinen Wert legte, sofort abgesetzt werden würde, komplett. Mutter Abagail ging müde, aber zufrieden zu Bett.
Wie Nick Andros an diesem Abend. Innerhalb eines einzigen Tages war die Freie Zone mittels eines handbetriebenen Matritzenkopierers und eines einzigen damit bedruckten Plakats von einer Ansammlung Flüchtlinge zu einem Wahlvolk geworden. Das gefiel den Leuten; sie hatten das Gefühl, nach einer langen Periode des freien Falls endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Am Nachmittag hatte Ralph ihn zum Kraftwerk gefahren. Ralph, Stu und er hatten für übermorgen ein vorbereitendes Treffen bei Stu und Frannie verabredet. So hätten die sieben noch zwei Tage Zeit, die Ansichten der Leute anzuhören.
Nick lächelte und legte die Hände an die nutzlosen Ohren.
»Lippenlesen ist noch besser«, sagte Stu. »Weißt du, Nick, ich glaube, wir machen mit den durchgeschmorten Motoren Fortschritte. Dieser Brad Kitchner arbeitet wie der Teufel. Wenn wir zehn wie ihn hätten, würde die ganze Stadt bis zum ersten September wieder perfekt funktionieren.«
Nick machte mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis, und sie gingen gemeinsam hinein.
An diesem Nachmittag gingen Larry Underwood und Leo Rockway durch die Arapahoe Street nach Westen zu Harolds Haus. Larry trug den Rucksack, den er durch das ganze Land geschleppt hatte, aber heute abend waren nur die Flasche Wein und ein halbes Dutzend Paydays darin.
Lucy war mit einer Gruppe von sechs Leuten unterwegs, die zwei Abschleppwagen genommen hatten und anfingen, in und um Boulder die liegengebliebenen Wagen von den Straßen zu räumen. Das Problem war, sie arbeiteten auf sich allein gestellt - es war eine sporadische Operation, die nur gemacht wurde, wenn genügend Leute Lust hatten, sich zusammenzutun und anzufangen. Ziellose Bienen, keine fleißigen Bienen, dachte Larry und betrachtete ein Plakat mit der Überschrift MASSENVERSAMMLUNG, das an einen Telegrafenmast genagelt war. Vielleicht war das die Lösung. Verdammt, die Leute hier wollten arbeiten; sie brauchten nur jemanden, der alles koordinierte und ihnen sagte, was sie tun sollten. Er glaubte, am allermeisten wollten sie die Spuren dessen tilgen, was im Frühsommer hier passiert war (konnte es tatsächlich schon Spätsommer sein?), wie man mit einem Schwamm schlimme Wörter von einer Tafel wischte. Vielleicht können wir es nicht von einem Ende Amerikas zum anderen, dachte Larry, aber hier in Boulder sollten wir es schaffen, bevor Schnee fällt, wenn Mutter Natur mitspielt.