Er drehte sich um, als er Glas klirren hörte. Leo hatte einen großen Stein aus einem Steingarten durch das Fenster eines alten Ford geworfen. Auf einem Aufkleber an der hinteren Stoßstange des Ford stand: ES MACHT SPASS ÜBER'N PASS - GOLD CREEK CANYON.
»Nicht, Joe.«
»Ich bin Leo.«
»Leo«, verbesserte er sich. »Mach das nicht.«
»Warum nicht?« fragte Leo unschuldig, und Larry fiel lange keine zufriedenstellende Antwort ein.
»Weil es sich häßlich anhört«, sagte er schließlich.
»Oh. Okay.«
Sie gingen weiter. Larry steckte die Hände in die Taschen. Leo folgte seinem Beispiel. Larry trat nach einer Bierdose. Leo machte einen Schlenker, um einen Stein wegzutreten. Larry pfiff eine Melodie. Leo versuchte ein flüsterndes, schnaufendes Geräusch als Begleitung. Larry strich dem Jungen durchs Haar, und Leo sah mit seinen seltsamen Chinesenaugen zu ihm auf und grinste. Larry dachte: Herrgott, ich habe mich in den Jungen verliebt. Wahnsinn.
Sie kamen zu dem Park, den Frannie erwähnt hatte; gegenüber sahen sie ein grünes Haus mit weißen Fensterläden. Auf dem Betonpfad, der zur Haustür führte, stand eine Schubkarre mit Ziegelsteinen, daneben ein Abfalleimer mit Do-it-yourselfZementmischung, in die man nur noch Wasser kippen mußte. Daneben hockte mit dem Rücken zu ihnen ein breitschultriger Typ, der das Hemd ausgezogen und auf dem Rücken noch Spuren eines schlimmen Sonnenbrands hatte. In einer Hand hatte er eine Maurerkelle. Er war damit beschäftigt, eine flache geschwungene Begrenzung um ein Blumenbeet zu machen.
Larry dachte an Frans Worte: Er hat sich verändert... ich weiß nicht, wie und warum... und manchmal glaube ich zu seinem Vorteil... und manchmal habe ich Angst.
Dann trat er vor und sagte, wie er es sich auf seiner langen Reise durch das Land vorgenommen hatte: »Harold Lauder, vermute ich?«
Harold fuhr überrascht hoch, dann drehte er sich mit einem Ziegel in der einen und der Kelle, von der noch Mörtel tropfte und die er wie eine Waffe hochhielt, in der anderen Hand um und stand auf. Aus dem Augenwinkel meinte Larry zu sehen, wie Leo zurückzuckte. Sein erster Gedanke war, klar, Harold sah nicht aus wie er ihn sich vorgestellt hatte. Sein zweiter Gedanke galt der Kelle. Mein Gott, will er mir mit dem Ding eins überziehen? Harolds Gesicht war verkniffen, die Augen schmal und dunkel. Das Haar fiel als verklebte Locke in die schweißbedeckte Stirn. Seine Lippen waren zusammengepreßt und fast weiß.
Und dann trat eine so plötzliche und vollkommene Verwandlung ein, daß Larry später kaum glauben konnte, dieses verkniffene Gesicht gesehen zu haben, das Gesicht eines Mannes, dem man eher zutrauen würde, daß er jemanden im Keller lebendig einmauert, als eine Begrenzung um ein Blumenbeet zu ziehen.
Er lächelte, ein breites und argloses Grinsen, das tiefe Grübchen an beiden Mundwinkeln bildete. Der drohende Glanz verschwand aus seinen Augen (sie waren flaschengrün, und wie konnten so klare und fleckenlose Augen bedrohlich, sogar finster gewirkt haben?). Er stiess die Mörtelkelle in den Beton - flatsch -, wischte sich die Hände an den Jeans ab und kam mit ausgestreckter Hand näher. Larry dachte: Mein Gott, er ist ein Kind, jünger als ich. Wenn er schon achtzehn ist, fresse ich die Kerzen von seinem letzten Geburtstagskuchen.
»Ich glaube, ich kenne dich nicht«, sagte Harold und grinste beim Händeschütteln. Er hatte einen festen Griff. Larrys Hand wurde genau dreimal auf und ab bewegt und dann losgelassen. Es erinnerte Larry daran, wie er einmal George Bush die Hand geschüttelt hatte, als der alte Buschklopfer für das Präsidentenamt kandidiert hatte. Das war bei einer politischen Versammlung gewesen, welche er auf den Rat seiner Mutter hin besucht hatte, die ihm vor vielen Jahren gesagt hatte: Wenn du dir das Kino nicht leisten kannst, geh in den Zoo. Wenn du dir den Zoo nicht leisten kannst, geh zu einer politischen Versammlung.
Aber Harolds Grinsen war ansteckend, und Larry grinste auch. Kind oder nicht, Händedruck eines Politikers oder nicht, sein Grinsen schien echt zu sein, und nach der ganzen Zeit, nach allen PaydayPackungen, sah er Harold Lauder jetzt leibhaftig vor sich.
»Nein, du kennst mich nicht«, sagte Larry. »Aber ich dich.«
»Tatsächlich?« rief Harold, und sein Grinsen eskalierte. Wenn es noch breiter wird, dachte Larry amüsiert, würden die Mundwinkel am Hinterkopf zusammentreffen und die oberen zwei Drittel seines Kopfes einfach herunterfallen.
»Ich bin dir von Maine aus durch das ganze Land gefolgt«, sagte Larry.
»Na so was! Echt?«
»Echt.« Larry nahm den Rucksack von den Schultern. »Hier, ich hab' dir was mitgebracht.« Er holte die Flasche Bordeaux heraus und gab sie Harold.
»Das wäre aber nicht nötig gewesen«, sagte Harold und betrachtete erstaunt die Flasche. »1947?«
»Ein guter Jahrgang«, sagte Larry. »Und das hier.«
Er gab Harold fast ein halbes Dutzend Payday -Riegel in die andere Hand. Einer glitt ihm durch die Finger und fiel ins Gras. Harold bückte sich, um ihn aufzuheben, und dabei sah Larry wieder flüchtig den anderen Gesichtsausdruck.
Harold kam lächelnd wieder hoch. »Woher hast du das gewußt?«
»Ich bin deinen Zeichen gefolgt... und deinen Payday-Packungen.«
»Ich werd' verrückt. Komm ins Haus. Wir müssen ein großes Palaver veranstalten, wie mein Dad so gern gesagt hat. Trinkt der Junge eine Cola?«
»Sicher. Leo, möchtest du...«
Er drehte sich um, aber Leo stand nicht mehr neben ihm. Er war ganz zur Straße zurückgelaufen und betrachtete einige Risse im Pflaster, als wären sie von großem Interesse für ihn.
»He, Leo! Willst du 'ne Cola?«
Leo murmelte etwas, das Larry nicht hören konnte.
»Sprich lauter!« sagte er gereizt. »Wozu hat Gott dir eine Stimme gegeben? Ich habe gefragt, ob du eine Cola willst.«
Kaum hörbar sagte Leo: »Ich glaube, ich gehe zu Nadine-Mom zurück.«
»Warum das denn? Wir sind eben erst angekommen!«
»Ich will zurück!« sagte Leo und sah vom Pflaster auf. Die Sonne blitzte zu hell in Leos Augen, und Larry dachte: Um Gottes willen, was soll das? Er weint ja fast.
»Moment mal«, sagte er zu Harold.
»Klar«, sagte Harold. »Kinder sind manchmal schüchtern. War ich auch.«
Larry ging zu Leo hinüber und kauerte sich nieder, so daß sie Auge in Auge waren. »Was ist los, Junge?«
»Ich will einfach zurück«, sagte Leo, ohne ihn anzusehen. »Ich will zu Nadine-Mom.«
»Aber du...« Er schwieg hilflos.
»Ich will zurück.« Er sah Larry kurz an. Sein Blick flackerte über Larrys Schulter zu Harold, der mitten auf dem Rasen stand. Dann wieder auf das Pflaster. »Bitte.«
»Magst du Harold nicht?«
»Ich weiß nicht... doch... ich will nur zurück.«
Larry seufzte. »Findest du denn den Weg?«
»Klar.«
»Okay. Aber ich wünsche mir, du würdest mit reinkommen und eine Cola trinken. Ich habe mich schon lange darauf gefreut, Harold kennenzulernen. Das weißt du doch, oder?«